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Hans-Werner Meyer: Cool im Sinne von lässig

6/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Hans-Werner Meyer gehört sicher zu den lässigsten deutschen Schauspielern. Insofern macht es Sinn, dass der stets akurat gekleidete und druckreif sprechende Charakterdarsteller einen der coolsten Kommissare gibt, den die deutsche Kriminalliteratur in den letzten Jahren ersann: Kommissar Romanus Cüpper aus der Feder von "Der Schwarm"-Autor Frank Schätzing ist eher Gourmet und Feingeist denn verbissener Kriminalist. Schönen Frauen gegenüber ist der Kölner Filou ebenso aufgeschlossen wie einem exzellenten Tropfen Wein. Im Interview spricht Hans-Werner Meyer (44) über Kochphilosophie, die richtige Definition von "cool" und seine neue Rolle als kämpferischer Wortführer im Berufsverband der Film- und Fernsehschauspieler ("Mordshunger", Do. 22.05., 20.15 Uhr, RTL).

teleschau: Kannten Sie Frank Schätzings Romane, bevor Sie eine seiner Figuren verkörperten?

Hans-Werner Meyer: Der Freund meiner Schwester empfahl mir im Urlaub "Der Schwarm". Das habe ich dann tatsächlich im letzten Jahr gelesen und war unheimlich begeistert von Schätzings Beschreibungen der Unterwasserwelt. Ich habe selten so ein spannendes Buch gelesen. Ich habe es genossen wie ein Kind, das fasziniert einfach nur den Inhalt aufsaugt.

teleschau: "Mordshunger" entstand vor "Der Schwarm". Was halten Sie vom Krimi-Autoren Frank Schätzing?

Meyer: Natürlich habe ich dieses Buch auch gelesen, nachdem mir die Rolle des Kommissars angeboten wurde. Schätzing hat ein gutes Gespür für Überraschungen und Skurrilität der Figuren. "Mordshunger" ist ein komödiantischer Krimi. Ein Genre, das ohnehin sehr gemocht wird derzeit. Was die Figuren hier jedoch auszeichnet, ist, dass zum Komödiantischen ein hoher Coolness-Faktor dazukommt. Die Figuren wie eben auch mein Kommissar sind alle sehr lässig. Der Humor entsteht so nebenher, aus der Lockerheit.

teleschau: Meinen Sie, dass die Figuren cool sind, im Sinne von gestylt?

Meyer: Nein, so etwas ist ja nicht cool. Echte Coolness hat mit Entspanntheit zu tun. Cool ist jemand, der die Abgründe des Lebens kennt und spielerisch damit umgeht. Romanus Cüpper ist in diesem Sinne, in dem das Wort ursprünglich mal Einzug in den deutschen Sprachraum hielt, cool.

teleschau: Die Figur des Kommissars Romanus Cüpper mit ihrer Vorliebe für Kochkunst und andere feingeistige Beschäftigungen ist wie gemacht für eine Serie oder Reihe. Leider gibt es keine weiteren Romane ...

Meyer: Ich denke, das ist kein Problem. Sollte der Film erfolgreich sein, wäre es denkbar, dass man die Figur weiterführt. Ich mag diese Figur sehr. In einer Reihe, nicht in einer Serie, könnte ich mir das sehr gut vorstellen.

teleschau: Was mögen Sie an Romanus Cüpper?

Meyer: Die Tatsache, dass er aus Leidenschaft Koch ist und erst in zweiter Linie Kommissar. Romanus Cüpper hat eine absolute Abneigung dagegen, sich im Polizeipräsidium zu zeigen - schon allein, weil die Kantine so schlecht ist. Für Cüpper ist das Leben nur lebenswert, wenn er gut essen kann. Wenn er von Schönheit umgeben ist. Das heißt, er ist ein Ästhet und als solcher hat er einen anderen Blick auf das Leben und die komplexen Zusammenhänge von Kriminalfällen. Andere Kommissare sind scharfsinnige Ermittler, manche sind gute Psychologen. Romanus Cüpper ist jemand, der die Zusammenhänge schmeckt.

teleschau: Wie sehr hat Romanus Cüppers Leidenschaft fürs Kochen auf den Schauspieler Hans-Werner Meyer abgefärbt?

Meyer: Sehr stark. Ich habe tatsächlich über die Arbeit an diesem Film eine Leidenschaft fürs Kochen entwickelt. Zumindest theoretisch. Leider ist da viel zu wenig Zeit sie auszuleben. Diese Arbeit hat mir jedoch Augen und Gaumen geöffnet und gezeigt, was alles möglich ist. Kochen ist ja sehr hip im Moment, allgegenwärtig, sodass es einem schon wieder zu den Ohren rauskommt. Andererseits wird es aber auch nie aus der Mode kommen, und der Grund ist dafür ist einfach: Wenn man erst mal Geschmack an gutem Essen gefunden hat, kann man nicht mehr zurück zum Junkfood. Dann kommt man aus der Nummer nicht mehr raus.

teleschau: Wie sehr lohnt es sich, über das Kochen zu philosophieren?

Meyer: Wir sind, was wir essen. Und wer wir sind, ist Gegenstand der Philosophie. Insofern ist Kochen vielleicht eine Art, mit den Sinnen zu philosophieren.

teleschau: Wenn Sie sagen, dass sie das Kochen erst über diesen Film entdeckt haben, wie kann man sich das vorstellen? Vorher konnten Sie noch nicht mal ein Messer gerade halten?

Meyer: So ungefähr. Als ich die Rolle angeboten bekam, dachte ich sofort, dass ich dafür unbedingt kochen lernen muss. Jedenfalls so gut, wie es in der kurzen Zeit noch möglich ist. Gott sei Dank konnte ich meine Grundkenntnisse während des Drehs entscheidend erweitern, weil ich mit unserem Koch-Coach sehr viel gemeinsam gekocht habe.

teleschau: Hat Ihnen dieser Koch beigebracht, wie man sich in der Küche richtig bewegt? Die Gerichte mussten Sie ja wohl nicht alle selbst kochen ...

Meyer: Nein, aber es geht auch um so etwas wie die Ethik eines Kochs. Dass man zum Beispiel so wenig wie möglich von der Sellerie wegschneidet. Dass man so viel wie möglich von dem Gegenstand, den man kocht, rettet und wenig wegschmeißt. Zum Koch gehört auch eine gewisse Haltung dem Essen gegenüber.

teleschau: Steht Ihnen der vielseitig interessierte Kommissar Cüpper auch deshalb nahe, weil sich in Ihrer Biografie ebenfalls sehr unterschiedliche Interessen zeigen? Heute sind Sie Schauspieler, aber sie hatten auch mal eine Band. Außerdem sind Sie politisch aktiv, haben den Verband der Fernsehschauspieler gegründet ...

Meyer: Ja, diese Vielseitigkeit an der Figur hat mich gereizt. Wenn man sich auf unterschiedlichen Gebieten herumtreibt, hat man die Freiheit, von einem zum anderen zu gehen. Wer sich im Leben nur über eine Sache definiert, macht sich abhängiger.

teleschau: Worin finden Sie innere Freiheit derzeit, neben der Schauspielerei?

Meyer: Ich habe zum Beispiel gerade ein Haus gebaut und darüber begonnen, mich für Architektur zu interessieren. Das heißt nicht, dass ich da jetzt ein neues Steckenpferd gefunden habe. Aber jedes neue Gebiet, auf dem man sich lustvoll umtut, eröffnet einem einen neuen Blickwinkel aufs Leben.

teleschau: Der Verband der Fernsehschauspieler - worum geht es Ihnen bei dieser Arbeit?

Meyer: Meine Motivation war, dass sehr viel geklagt und gejammert wird in der Branche - teilweise zu Recht. Ich kann es aber auf Dauer nicht ertragen, wenn immer nur gejammert wird. Das deprimiert mich. Deshalb habe ich den BFFS, den Verband der Film- und Fernsehschauspieler mitgegründet.

teleschau: Worum kämpft der Verband?

Meyer: Es gibt strukturelle Missstände in der Filmbranche, zum Teil hausgemachte, zum Teil von der Politik verursachte. Mit Film- und Fernsehschauspielern verbindet man ja gemeinhin hohe Gagen und das glamouröse Leben der Stars. Aber das trifft maximal auf zehn Prozent der Schauspieler zu. Und auch auf die nur ansatzweise. Beim Rest der Kollegen werden die Gagen immer mehr gedrückt. Wir sind immer projektbezogen Beschäftigte, zahlen als solche Höchstbeiträge in die Arbeitslosenversicherung ein, haben aber keine Chance, jemals Arbeitslosengeld zu bekommen - und zwar nicht erst seit der Verkürzung der Anwartschaftszeit von drei auf zwei Jahre, innerhalb derer man 360 Tage gearbeitet haben muss, um Anspruch auf "Arbeitslosengeld 1" zu haben. Diese Verkürzung hat die Lage für uns nur noch verschärft, den Rest der Filmbranche, also Kameraleute, Maskenbildner, Beleuchter und andere aber in unsere Lage versetzt. Wir kämpfen also nicht nur für unsere Interessen, sondern mittelbar auch für andere Berufe in der Branche.

teleschau: Und nun versuchen Sie, eine Ausnahmeregelung für die unsteten Arbeitsplätze in der Film- und Fernseharbeitsbranche zu erwirken.

Meyer: Uns ist nicht an einer Ausnahmeregelung gelegen. Wir wollen eine gerechte Lösung, die jene Art von Beschäftigungsverhältnissen berücksichtigt, die in Zukunft die Normalität sein wird. Wider besseres Wissen geht die Politik immer noch von lebenslangen Arbeitsverhältnissen und Vollbeschäftigung aus. So wie wir arbeiten, werden in Zukunft aber immer mehr Menschen beschäftigt sein: projektbezogen und befristet.

teleschau: Wie weit sind sie mit Ihrer Arbeit?

Meyer: Ziemlich weit. Wir haben mit dem Produzentenverband eine Einigung erzielt, wie Schauspieler künftig sozialversichert werden sollen. Da wird es demnächst hoffentlich eine einheitliche Regelung geben. Momentan versichern viele Produzenten ihre Schauspieler tageweise. Einige Sozialversicherer gehen dagegen davon aus, dass Schauspieler für die gesamte Drehzeit oder sogar die gesamte Produktionszeit versichert sein müssen - auch wenn sie nur einen einzigen Drehtag haben. Sowohl die Praxis der tageweisen Versicherung als auch diese Regelung sind absurd. Wir haben jetzt eine Formel entwickelt, die das Arbeitsverhältnis von Schauspielerin realistischer beschreibt. Sie bezieht die Vorbereitungszeit auf ein Projekt mit ein, sowie die Zeit, die man als Schauspieler während der Produktion und später - zum Beispiel für Nachsynchronisation und Pressearbeit - zur Verfügung stehen muss.

teleschau: Geht es Ihnen auch um bessere Bezahlung?

Meyer: Das ist eine zweite wichtige Baustelle. Schauspieler, die Jobs beim Fernsehen ergattern können, verdienen sehr gut, keine Frage. Wo ein Gerechtigkeitsdefizit existiert, ist das Gebiet des Urheber- und Leistungsschutzrechts. Derzeit werden in Deutschland kaum noch Wiederholungshonorare bezahlt, und es gibt auch keine Erlösbeteiligung, zum Beispiel bei Kinofilmen. Das ist international absolut unüblich. Einerseits sind die Gagen, die deutsche Schauspieler verdienen, im internationalen Vergleich relativ hoch. Anderseits kann es aber doch nicht sein, dass ein Film, der aufgrund einer Schauspielerleistung ein Riesenerfolg wird und der vielen Leuten immer wieder Geld in die Kasse schwemmt, gegenüber dem Schauspieler mit einer einmaligen Gage abgegolten wird. Viele ältere Kollegen, die wir bewundern und wegen der wir diesen Beruf ergriffen haben, leben heute aufgrund solcher Regelungen in sozialer Not. Das weiß kaum jemand. Auch weil sich die Betroffenen schämen das zuzugeben. Es würde ja auch ihren Nimbus als Star zerstören. Diese Zustände müssen wir verbessern, und da geht es, wie gesagt, um strukturelle Veränderungen.