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3sat wird am 1. Dezember 25 Jahre alt. 3sat? - Toll, aber lange nicht geschaut. So viel Kultur auf einmal, das verträgt halt keiner. Außerdem: Der deutsch-österreichisch-schweizerische Kultur- und damit Spartenkanal steht auf der Skala der Kanäle so weit hinten, dass man ihn sehr leicht immer wieder mal vergisst. Zum Trost: Der (reicheren) ARTE-Schwester ergeht es da ganz ähnlich.Ungerecht ist das aber schon. Denn längst ist der grenzenübergreifende Kulturkanal den bequemen Kinderschuhen entwachsen. Längst ist er weit mehr als ein dezent belächeltes "Wiederholungsprogramm", als das er einst galt. 3sat hat spannende Wissens- und Kulturmagazine, von der täglichen "Kulturzeit" bis zum respektablen "nano"-Wissenschaftsmagazin.
"Jeder Sender braucht Formate, in denen sich sein Selbstverständnis ausdrückt, und das ist bei 3sat die 'Kulturzeit", sagt 3sat-Geschäftsführer Gottfried Langenstein über das tägliche 3sat-Feuilleton. Nicht zu reden von all den Thementagen und inzwischen sogar -wochen, die den besonderen Blick auf sonst Verstreutes lenken. - Dass man Themenabende allein mit der reicheren Schwester ARTE assoziiert, ist also eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.
3sat - das ist für viele vor allem der live übertragene Ingeborg-Bachmann-Preis aus Klagenfurt, ist Berliner Theatertreffen ("Starke Stücke"), Baden-Badener Fernsehfilm-Festival ("3sat-Zuschauerpreis"). Das sind Langzeitsendungen, in denen man beispielsweise - wohlgemerkt von der im Dokumentarischen immer schon besonders emsigen Schweiz beliefert - ganze Tage in der Eigernordwand hängen kann oder sich im 24-Stunden-Rhythmus über das wahre Leben auf einem Bauernhof belehren lässt (allen späteren Reality-Soaps wolkenkratzermäßig überlegen!). Es gäbe kaum noch eine Live-Übertragung von einem Klassik-Festival - von Salzburg bis Schleswig-Holstein -, wenn wir 3sat nicht hätten.
So gesehen kommen einem die vielen Themenwochen und -tage (schon der Begriff hat etwas Schulmeisterliches, weil er ja an vergangene Schulaufsätze gemahnt) leider etwas beschwerlich vor, mag der 3sat-Chef Gottfried Langenstein auch noch so sehr auf sie schwören. (Die Themenwochen begannen mit Kant zu dessen 200. Todestag 2004. Die Zuschauer stiegen damals immerhin von 40.000 bei philosophischen Einzelsendungen auf 400.000.) Dennoch: In der Live-Übertagung liegt wohl die eigentliche Würze eines Kulturkanals. Wenn es 3sat nicht macht, diese kulturbeflissene Fernseh-Eidgenossenschaft, wer dann?
Blickt man ins Programm der nächsten Monate oder auch nur Wochen, tut sich wieder einmal eine wahre Wundertüte auf. Es könnte einem beim Zuschauen dann ganz so ergehen wie dem Mädel, das im gedruckten "3sat magazin" das Programmerlebnis so beschreibt: "Man staunt, denkt nach, lacht, denkt nach, schüttelt den Kopf, denkt nach, sitzt mit offenem Mund vorm Fernseher, denkt nach. Nur eins denkt man nicht: umschalten."
Brav gesprochen. Doch in Wahrheit lockt später wieder die Aktualität, der Sport, der Talk im anderen, dem sogenannten Hauptprogramm. Dabei sind gerade Gero von Boehms Gespräche bei 3sat ein Erlebnis.
Staunend nimmt man unter diesem (Konkurrenz-) Aspekt zur Kenntnis, dass im Sommer 2008 durchschnittlich 350.000 Zuschauer den Thementag "Imperium Romanum" (ausschließlich in Latein, mit deutschen Untertiteln!) verfolgten, dass gar eine in lateinischer Sprache ausgestrahlte "Kulturzeit" am selben Tag im Schnitt 200.000 Zuschauer erreichte. Inzwischen vermeldet 3sat mit 1,1 Prozent Marktanteil (2008) in Deutschland den höchsten Wert seit Bestehen des Senders, die Schweizer haben es auf 1,2, die kulturbeflissenen Österreicher auf zwei Prozent gebracht. Der Programmanteil gliedert sich übrigens in je 32,5 Prozent von ARD und ZDF; die Österreicher liefern 25 Prozent, die Schweiz bringt zehn Prozent ein.
Schon, weil man sich im Zeitalter der Globalisierung als Kabelkunde - bei 32 Stammkanälen - international im Tal der Ahnungslosen wähnt (kein italienischer, kein britischer, kein französischer Sender, dafür jede Menge Verkaufs- und Quizkanäle), muss man 3sat einfach schrecklich lieben. Wenn der Sender manchmal auch leicht hausbacken daherkommt, etwa wenn die Schweizer Nachrichten "zehn vor zehn" erst zwei Stunden zeitversetzt kurz vor Mitternacht gesendet werden, so gewährt 3sat wenigstens einen authentischen Blick über den Zaun in europäische Nachbarländer. Man wird ja bescheiden.
Auch in diesen Jubiläumstagen werden wieder Glanzlichter gesetzt: Es gibt die Themenwoche "Sturm und Drang" (07. bis 15. November), die besten Fernsehstücke beim "3sat-Zuschauerpreis" (15. bis 20. November), Tilda Swinton kurvt mit dem Fahrrad - immer an der Mauerlinie entlang - durch Berlin (08. November), zum Ende des Haydn-Jahres gibt es eine Aufzeichnung der "Schöpfung" aus Eisenstadt (21. November). Das Wissenschaftsmagazin "nano" mausert sich derweil zum Mitmach-Programm (ab 01. Dezember), der Weltklimagipfel in Kopenhagen wird zum Programmschwerpunkt erklärt (07. bis 18. Dezember), und am 20.12. reist man - wörtlich zu nehmen - "in 24 Stunden um die Welt".
Wenn es nun zum 3sat-Jubiläum von den Verantwortlichen vielleicht allzu Hochtrabendes zu hören gibt, wenn aus gegebenem Anlass schulterklopfend gleich "das Beste" gelobt wird, "was öffentlich-rechtliches Fernsehen zu bieten hat" (ZDF-Intendant Markus Schächter), dann sei einfach mal mehr Frische und Mut zum Experiment angemahnt. Davon gibt's im reichlich wuchernden Themenwald dann eben doch zu wenig.
Zukunftsaufgaben gibt es ohnehin genug: Das Internet fordere zu neuen Aktivitäten heraus, merkt Gottfried Langenstein an, die Jüngeren müssen gewonnen werden, wenngleich sich die Alterspyramide auf Grund demoskopischer Fakten niemals auf einen Durchschnitt unter 49 senken lasse. Mit Programmen wie "Pop around" oder dem "nano camp" hat man es immerhin auf einen jüngeren Zuschauerschnitt als die "Mutterhäuser" ARD und ZDF gebracht. "Aber den Sender unter 49 Jahre zu bringen, das halte ich bei der demografischen Entwicklung für eine Illusion", betont Langenstein. Eine der Hauptaufgabe des Senders sei es, in der Flut an Neuigkeiten, die das Internet "in ungeheurer Dichte und Schnelligkeit vermittelt", vermehrt Orientierung zu geben.
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