Echter Wohlfühl-Auftritt: Ausgerechnet in Krisenzeiten steht kabel eins vor dem erfolgreichsten Jahr der Sendergeschichte

6/11/2009 0:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Seit der Werbemarkt einbrach, ist die Wirtschaftskrise auch eine Krise der privaten Fernsehsender. Da grenzt es an ein kleines Wunder, dass kabel eins zu den wenigen Gewinnern des Fernsehjahres 2009 zählen wird. Mit vermutlich erstmals über sechs Prozent Marktanteil steuern die Münchner auf das erfolgreichste Jahr der Sendergeschichte zu. - "Ich kann sehr ruhig schlafen zurzeit", gibt denn auch Geschäftsführer Jürgen Hörner im Interview zu verstehen. Auch wenn er sich in Bescheidenheit übt: Hörner hätte allen Grund, sich selbst ein wenig auf die Schultern zu klopfen - schließlich sitzt er seit 1. Januar 2009 im kabel eins-Chefbüro in Unterföhring. Ein recht nüchterner Arbeitsraum übrigens, eines von wenigen Accessoires ist ein gerahmtes Poster von "24"-Star Kiefer Sutherland alias Jack Bauer. Also klar, wer hier der Held ist. Und: Schon mal ein gutes Zeichen, wenn der Sender-Chef Fan seines Programmes ist ...

teleschau: Herr Hörner, viele sagen, dass das Fernsehen früher besser war. Wieso haben diese Kritiker Unrecht?

Jürgen Hörner: Weil das Fernsehen heute um ein Vielfaches vielfältiger ist!

teleschau: Aber wohl auch beliebiger ...

Hörner: Finde ich nicht. Ich wurde groß mit "Bonanza" und "Enterprise", hatte schon als Kind eine Affinität zu amerikanischer Fiction ... Als dann ProSieben startete und endlich die Filme aus dem Kino im Fernsehen liefen, fand ich das klasse. Heute taucht praktisch die gesamte amerikanische Fiction im Programm auf. Da kann mir keiner erzählen, dass es früher besser war, als ARD und ZDF bei den "Dollar-Western" einfach mal 30 Minuten rausschnitten, weil man sie für zu lang befand

teleschau: Träumten Sie schon als Kind davon, einmal zum Fernsehen zu gehen?

Hörner: Nein, überhaupt nicht. Ich machte eine Buchhandelslehre, studierte Amerikanistik und Slawistik, wollte ins Verlagswesen. Zufällig gab es in München, wo ich studierte, Sender, die studentische Hilfskräfte benötigten ... So kam ich in den Semesterferien 1993 zu ProSieben. Wie die Zeit vergeht!

teleschau: Bei ProSieben waren Sie praktisch in allen Bereichen tätig, später übernahmen Sie Verantwortung in der Programmplanung und in der Geschäftsführung. Am 1. Januar feiern Sie Ihr "Einjähriges" als kabel eins-Geschäftsführer. Kann es sein, dass die Zeit in so einer Position noch schneller rast?

Hörner: (lacht) Absolut ja! Es ist eben ein Job, der einen nie ganz loslässt - im positiven Sinne: Ich kann sehr ruhig schlafen zurzeit. Denn es ist zwar eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, aber auch eine, die viel Spaß macht. Mit diesem tollen, überschaubaren Team von derzeit an die 50 Mitarbeitern lässt sich hier eine Menge auf die Beine stellen.

teleschau: Ist es nur ein Klischee, dass der Tag eines Senderchefs mit dem Blick auf die Quoten beginnt?

Hörner: Nein, es ist wirklich so. Seit ich Geschäftsführer bei kabel eins bin, stehe ich morgens noch früher auf, so zwischen 6 und 7 Uhr, trinke Kaffee und lese die Zeitung. Gegen 8.30 Uhr werden dann die Quoten übermittelt. Kommt die Meldung mal nicht rechtzeitig, dann ist das, vorsichtig gesagt, nicht förderlich für meine Tageslaune ...

teleschau: Endlich mal ein Senderchef, der zugibt, dass die Quote sein Ein und Alles ist!

Hörner: (lacht) Nein, nein. Ich will nicht sagen, dass die Quote das Maß aller Dinge ist, eher ist es so, dass sich der allmorgendliche Blick darauf bei mir ritualisiert hat ...

teleschau: Wie war Ihre Stimmung am Morgen nach der Premiere der Musiksendung "NUMBER ONE!", ein Format, das Ihnen als Musikfan besondes am Herzen liegt?

Hörner: Der Start war ausbaufähig, aber 4,8 Prozent Marktanteil in der ersten und 5,0 Prozent Marktanteil in der zweiten Sendung sind nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass wir bei der ersten Sendung am 28.10. richtiges Lospech hatten: Bei der Ansetzung konnten wir nicht wissen, dass ARD am Mittwoch das DFB-Pokal-Achtelfinale des FC Bayern überträgt ... Ohnehin: Dass eine einstündige Musik-Doku funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit, also haben wir auch nicht mit einer Startquote über Senderschnitt gerechnet. Die Produktionsfirma RedSeven hat gute Arbeit geleistet, und Markus Kavka als Moderator findet äußerst positive Resonanz.

teleschau: Der Senderschnitt ging seit Ihrem Amtsantritt nach oben!

Hörner: Wir können schon sagen, dass wir auf das erfolgreichste Jahr der Sendergeschichte zusteuern. Im Mai durchbrachen wir mit 6,4 Prozent erstmals deutlich die Sechs-Prozent-Schallmauer, seitdem sind wir in jedem Monat über diese Marke gekommen. Im August waren es sogar 6,8 Prozent, jetzt im Oktober 6,1. Unser bisher bester Jahresschnitt lag bei 5,6 Prozent, 2009 wird es nach menschlichem Ermessen auf mindestens 6,0 Prozent hinauslaufen. Darauf sind wir wahnsinnig stolz.

teleschau: Wie gut passen Sie selbst, ein Mann von 44 Jahren, in die Zielgruppe Ihres Senders?

Hörner: Ziemlich gut! Wir sind zwar alles andere als ein Männersender, sondern ein Vollprogramm, und unsere Serienabende sind fast reine Frauenabende, aber wir haben eben erst ermittelt, dass der durchschnittliche kabel eins-Zuschauer 42 Jahre alt und eher männlich ist.

teleschau: Also sollten Sie das Programm gut nach eigenem Geschmacksempfinden beurteilen können ...

Hörner: Bis zu einem gewissen Grad. Ich bin Musikfan und ausgesprochener US-Serien-Fan, das passt. Aber natürlich wird hier nicht jede Vorliebe von Jürgen Hörner umgesetzt.

teleschau: Die Konkurrenz von RTL II sagt über sich schlicht "It's fun". Wie würden Sie Ihr Programm prägnant beschreiben?

Hörner: Wir haben einen sympathischen Wohlfühl-Auftritt und bieten ein Programm zum Zurücklehnen und Entspannen an. Wir sind unaufgeregt, nicht zu laut - und echt. "Echt" ist das entscheidende Wort in unserer Imagekampagne.

teleschau: Neu ist, dass kabel eins wieder auf Entertainmentformate setzt!

Hörner: Das ist richtig. Wir stellen uns mit den neuen Formaten im Entertainmentbereich künftig etwas breiter auf. Mit "NUMBER ONE!" greifen wir die alte kabel eins-Musiktradition wieder auf. Die Contestshow "Deutschlands beste Party-Band", unter anderem mit Anja Lukaseder als Jurymitglied, ist in Vorbereitung. Außerdem produzieren wir "Biggest Loser" mit Regina Halmich. Die Grenzen zwischen Dokutainment und Entertainment verschwimmen immer mehr.

teleschau: Ihre größten Erfolge feiern Sie mit einer Sitcom. "Two and a Half Men" hat am Nachmittag Quoten im zweistelligen Bereich. Könnte das auch am trashigen Programmumfeld liegen?

Hörner: Erst mal: "Two and a Half Men" ist definitiv die beste Sitcom im deutschen Fernsehen. Zusammen mit Kevin James' "King of Queens", das ja noch immer bei uns läuft. Und dann ist die Frage, ob Trash oder nicht, natürlich eine Frage der Perspektive. Die Familiendokus und Courtshows am Nachmittag sind eben in Teilen auch sehr erfolgreich. Kurzum: Ich glaube wirklich, der Erfolg von "Two and a Half Men" hat nichts mit einer Flucht aus dem Trash zu tun, sondern mit einer programmlichen Stärke unsererseits. Wir werden am fiktionalen Daytimekonzept festhalten.

teleschau: Inzwischen gibt es immer mehr gescriptete Reality-Formate. kabel eins setzt weiter auf echte Geschichten?

Hörner: Ja. Wir wollen uns in diesem Segment, das von Leuchttürmen wie Heidi Klum und Christian Rach regiert wird, weiter mit unseren typischen, echten kabel eins-Dokutainmentformaten behaupten.

teleschau: Das mag ehrenwert sein, war zuletzt aber nicht immer erfolgreich ...

Hörner: Stimmt schon: Es wurde eng für eigenproduzierte Dokutainmentformate am Donnerstagabend. Deswegen bauen wir um: Ab 12. November läuft donnerstags zur Primetime bei uns die Sitcom "Rules of Engagement". Dafür gibt es ab 24. November immer dienstags ab 20.15 Uhr Dokutainment. Auf "Schluss mit Hotel Mama!" folgen "Der Immobilienfürst" und "Rosins Restaurants - Ein Sternekoch räumt auf!" mit Sternekoch Frank Rosin.

teleschau: Stichwort "echt": Mit dem "Immobilienfürsten" Karl-Heinz Richard Fürst von Sayn-Wittgenstein haben Sie wieder einen echten Typen im Programm!

Hörner: Absolut. Es geht um markante Sympathieträger. Und ich finde, Kevin James und der Immobilienfürst aus der Boulevardwelt sind da durchaus in einer gewissen Reihe zu sehen. Ihm wurden seine Millionen nicht in die Wiege gelegt, und er ist so schön bodenständig geblieben, dass er gut zu kabel eins passt.

teleschau: Mitten in der Krise kommen Sie mit einem Millionär als Doku-Protagonisten daher. Überhaupt: Man hört von Ihnen kein Klagen ... Trotzt kabel eins dem Trend?

Hörner: Auch wir bewegen uns in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, aber wir freuen uns über Wachstum und liegen, gegen den Trend, absolut im grünen Bereich. Auch mit dem Werbeeinbuchungsetat liegen wir leicht über der Erwartung - die für ein rezessives Jahr ausgelegt war.

teleschau: Also haben Sie bei den Kosten den Rotstift angesetzt?

Hörner: Haben wir. Aber nicht radikal. Eben so, dass es für unsere Zuschauer nicht sichtbar ist. Sonst wäre auch der Quotenerfolg nicht möglich gewesen. Es heißt ja immer, dass heute keiner mehr Geld für Programm hat. Das kann ich nicht bestätigen. Wir haben Geld für gutes Programm! Jetzt, zum Jahresende, stellen wir auch fest, dass es bei vielen Werbepartnern noch Budgets gibt, die bislang, vielleicht aus zu großer Vorsicht heraus, noch nicht eingelöst wurden.

teleschau: Ist das also das Ende der Krise?

Hörner: Keiner wagt heute eine Prognose, wie sich 2010 entwickeln wird. Wir gehen mit einem maximal flachen Szenario ins Rennen und kalkulieren vorsichtig - auch weil 2010 die Fußball-WM und die Winter-Olympiade anstehen, hart für einen Sender ohne Sportrechte.

teleschau: Bei den Medientagen hat Stefan Raab zuletzt die Mutlosigkeit im Unterhaltungsfernsehen angeprangert. Stehen immer knappere Budgets der Innovation im Wege?

Hörner: Gerade Raabs Erfolge zeigen: Innovation und Mut haben nicht zwingend originär etwas mit der Menge des Geldes zu tun, die man in ein Programm pulvert. Beispiel Eisfußball: Das ging rasend schnell von der Idee zum Format. Allerdings mag es sein, dass manches Showkonzept aus den 90-ern heute überholt ist. Das hat aber nicht nur mit geringeren Budgets zu tun.

teleschau: Also wie wird sich das Unterhaltungsfernsehen in naher Zukunft entwickeln?

Hörner: Ganz klar: Der Trend wird wieder zur Familienshow gehen. Allerdings eher nicht bei kabel eins.

teleschau: Wann kommt das Revival der Talkshow?

Hörner: Ich glaube durchaus an Zyklen. Aber das Timing muss stimmen. vox startete ja gerade am Nachmittag mit "Frauenzimmer" einen Versuch ... Für kabel eins ist ein Daily Talk im Moment sicher keine Option.

teleschau: Und ein neues Quizformat? kabel eins war in diesem Segment mit dem "Quiz Taxi" sehr erfolgreich ...

Hörner: Stimmt, da haben wir eine Tradition. Wir prüfen derzeit auch verschiedene Dinge für den Vorabend, auch in Richtung Quiz, das kann ich bestätigen.

teleschau: Sie starteten 2009 eine US-Serienoffensive.

Hörner: Der Sender hatte noch nie so viele Serienneustarts, das ist richtig!

teleschau: Nach dem Freitag wurde auch am Samstag ein Serienabend begründet. Die Quoten liegen unter Senderschnitt ...

Hörner: Aber wir machen weiter! Am 6. Februar gibt es hier einen umfangreichen Programmstart: Wir feiern auf dem Samstagabend-Sendeplatz die Deutschlandpremiere der US-Crime-Serie "Castle", auch "Dark Blue" kommt dann bei uns in Erstausstrahlung, dazu neue Folgen von "Numbers" und "10-8: Officers on Duty". Dienstag legen wir auch nach: "24" ist im Moment mit 5,9 Prozent Marktanteil zwar knapp unter Senderschnitt, aber wir sind zufrieden, wie die Doppelfolgen laufen. Die Serie hat bei kabel eins definitiv eine neue Heimat gefunden. Im Januar gibt es noch ein weiteres Highlight: ab dem 21. zeigen wir die fünfte Staffel von "Lost" als Free TV-Premiere. Wir sind inzwischen für US-Serienfans ein verlässlicher Sender, keine Frage.

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