Eine Generation von Getriebenen: Das Dokumdrama "Hungerwinter" (So. 27.12., 21.45 Uhr, ARD) erzählt aus den härtesten Nachkriegsta

6/11/2009 0:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern "Es gibt das große Schweigen über den Zweiten Weltkrieg und das große Schweigen über den Winter 46/47." Filmemacher Gordian Maugg, von dem dieses Zitat stammt, legt mit seinem 90 Minuten langen Dokudrama "Hungerwinter" (So. 27.12., 21.45 Uhr, ARD) den Finger in eine deutsche Wunde, deren Offenbarung den Betroffenen fast schwerer fällt, als die Schilderung von Bombennächten, Tod und Zerstörung.

Hunger schmerzt und ist würdelos. Hunger macht einen schlechten Menschen aus dir - so das Fazit einiger Betroffener. "Wir sind ehrlich erzogen worden", erzählt einer der Film-Protagonisten. "Wegen des Hungers fingen wir an zu lügen und zu klauen. Wir wurden zu einer Bande von Dieben." Anhand von sechs Schicksalen erzählen Regisseur Maugg und sein Drehbuchpartner Alexander Häusser in ihrem emotionalen und doch immer respektvollen Dokudrama von einer bisher kaum thematisierten humanitären Katastrophe im zerstörten Deutschland. Zwischen 100.000 und 400.000 Menschen, so die mit einer hohen Dunkelziffer behaftete Schätzung, kamen in jenem Winter durch Mangelernährung ums Leben.

Die Kälte kam in drei Wellen und blieb ungewöhnlich lange. Bereits im November 1946 sanken die Temperaturen im zerstörten Deutschland auf unter null Grad Celsius. Später dann wurden es bis zu minus 30 Grad. Der Rhein fror auf 60 Kilometer zu, die Elbe war ebenfalls eine durchgängige Eisfläche. Lebenswichtige Adern für den Transport von Nahrungsmitteln und Kohle kamen zum Erliegen. Etwa 20 Millionen Menschen lebten in kaum beheizbaren Ruinen, zehn Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten mussten untergebracht werden. Allein Schleswig-Holstein nahm so viele von ihnen auf, dass sich die Einwohnerzahl des kleinen Landes vorübergehend verdoppelte. Lebensmittel gab es offiziell nur gegen Marken. In Städten wie Köln war man froh, wenn man mithilfe der Essensgutscheine auf 1.000 Kalorien am Tag kam.

Wie fängt man das Hungern im Film ein, und will das überhaupt jemand sehen? Patricia Schlesinger, Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR, ist der Meinung, "dass wir in den letzten Jahren vielleicht etwas zu viel Dokudrama gemacht haben, sich dieses Format aber für bestimmte Themen nach wie vor anbietet. Dann nämlich, wenn die Archivlage in puncto Bilder eher dünn ist und wir einen historischen Stoff für ein jüngeres Publikum erzählen wollen."

Tatsächlich geht es in "Hungerwinter" nur am Rande um Politik. Etwa dann, wenn von der mangelnden Koordination der alliierten Besatzungszonen bei der Bekämpfung der Hungerkatastrophe die Rede ist. Ob die hohe Zahl von Toten überhaupt zu verhindern gewesen wäre, darüber streiten bis heute die Historiker.

Die Geschichte jenes Winters erzählt sich über sechs Protagonisten, welche die produzierenden Sender NDR und WDR aus etwa 1.400 Zeitzeugen herausfilterten. Die meldeten sich auf geschaltete Anzeigen. "Mit etwa 600 von ihnen führten wir längere Telefonate", berichtet die Produzentin Simone Baumann. "Etwa 50 oder 60 von ihnen haben wir mit der Kamera besucht." Erst als sich die Zahl möglicher Protagonisten auf 20 reduziert hatte, kamen die Filmemacher Gordian Maugg ("Zeppelin!") und Autor Alexander Häusser ins Spiel. Fünf Jahre benötigte das historische Medien-Großprojekt von der ersten Idee bis zur Fertigstellung.

"Der Hungerwinter war lange Zeit ein Tabuthema in vielen Familien und somit auch in unserer Gesellschaft", fasst Maugg die Erfahrungen seiner Deutschlandreise zu betagten Zeitzeugen zusammen. "Die Leute haben diese Geschichten oft nicht mal ihren Kindern erzählt, hatten aber ein unglaubliches Bedürfnis sie loszuwerden. Wir wurden durch die Arbeit zu ihren Vertrauten. Zu vielen der alten Menschen besteht heute noch regelmäßiger Kontakt. Die rufen uns an und erkundigen sich nach unseren Familien."

In der Tat bekommt der Zuschauer auf dem mutigen Primetime-Sendeplatz - Sonntag nach Weihnachten, 21.45 Uhr - einiges zu schlucken. Etwa die Geschichte von Lotte Szelski aus Chemnitz, Jahrgang 1922, die im Hungerwinter einen Sohn zur Welt brachte und ihn durch Krankheit und Mangelernährung wieder verlor. "Dieser Winter war der glücklichste, aber auch der traurigste in meinem ganzen Leben." Die alte Dame erzählt von zwei Fehlgeburten - sie blieb bis auf das kurze Glück in zugigen Ruinen kinderlos. Der 1935 geborene Martin Schneider aus Lübbenau wollte wissen, ob Gordian Mauggs Kamera auch wirklich lief. Er habe diese Geschichte noch nie erzählt und würde sie auch nur einmal erzählen können.

"Erst zur Ausstrahlung des Films", so zitiert Maugg jenen Mann aus dem Spreewald, "werden meine drei Kinder erfahren, warum ich so ein schlechter Vater war". Schneider erzählt von seinem Vater, der im Krieg blieb, und der Mutter, die so oft von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wurde, dass sie sich nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus traumatisiert apathisch nicht mehr um den elfjährigen Sohn und die zwei Jahre jüngere Schwester kümmern konnte. Die elternlosen Kinder suchten auf dem Mist zynischer Bauern nach Essbarem, tauschten ihr letztes Spielzeug gegen Nahrung und wurden nur durch das Eingreifen einer Nachbarin am Selbstmord durch Schlaftabletten gehindert.

"Der Film möchte keine politische Analyse des Geschehens liefern", betont NDR-Redakteurin Carola Meyer. "Es geht darum, auch über die Form des Dokudramas das Vermächtnis dieser Generation an Jüngere weiterzugeben, die sich Hunger - vor allem in Deutschland - einfach nicht vorstellen können." Die Erzählungen der Protagonisten haben nicht selten mit Schuld zu tun. Es geht um Mundraub und Diebstahl. Niedere Instinkte förderte der Hunger zutage - ob der Opa erwischt wurde, wie er den Kindern heimlich die Suppe wegaß oder man den frisch gezimmerten Gartenzaun des Nachbarn als Brennholzquelle nutzte - zu Heldengeschichten taugte das Hungern selten.

Vielleicht hilft "Hungerwinter" auch ein bisschen jene Generation zu verstehen, die ihre Kinder übertrieben streng dazu drängte, stets den Teller aufzuessen und sich grotesk viele Vorräte in Speisekammer und - später - in die Tiefkühltruhe packte. Hunger schafft Getriebene. Wie ein Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss war Deutschland im Hungerwinter 1946/47 auf stumpfem Nahrungsfeldzug - ein Land von Getriebenen. Ein im Schatten gerade beendeter Kriegsgräueltaten fast schon vergessenes Drama, das die Mentalität der "neuen Deutschen" nach dem Krieg wohl stärker beeinflusste, als lange Zeit angenommen.

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