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Wenn Lebensträume fliegen lernen: Die tollkühne Regisseurin und der Senior in der fliegenden Kiste ("Über allen Horizonten", Sa., 10.05

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) "Es waren acht furchtbare, finanziell desaströse Jahre. Ich habe mich ständig gefragt: Haben alle anderen Recht? Bin ich verrückt?" Aber Lara Juliette Sanders strahlt, während sie so spricht. Und sie würde das alles wieder tun. Vor neun Jahren brach die zierliche Münchnerin, die davon träumte, Filme zu machen, aus ihrem Alltagstrott aus, setzte sich ins Flugzeug und traf auf einer karibischen Insel den heute 82-jährigen Daniel. In dem Piloten, der kompromisslos seinen letzten Traum verwirklichen wollte, fand sie nicht nur einen Seelenverwandten, sondern auch den Helden ihres ersten Dokumentarfilms "Über allen Horizonten", den ARTE nun zeigt (Sa., 10.05., 18.00 Uhr).

Es klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein, was Lara Juliette Sanders erzählt. Aber noch eher klingt es zu verrückt, um erfunden zu sein: Bis zu jenem Tag im November 1999 führte sie ein Leben, von dem vermutlich andere Leute träumen: Sie war verheiratet mit einem Musiker, hatte einen wichtigen Job beim Fernsehen. Doch für Lara Juliette Sanders fühlte sich das nicht richtig an.

"Es war wie ein goldener Käfig. Ich war innerlich wie tot." Als sie eines kalten Morgens wieder einmal auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn saß, sei der Moment gekommen für "eine wahnsinnige Aktion": Chef anrufen, kündigen und direkt weiterfahren zum Flughafen. "Ich wusste, wenn ich nur eine Sekunde lang darüber nachdenke, ist es vorbei." Also beschloss sie, den zehnten Flug auf der Anzeigentafel zu nehmen, und hoffte, das Ziel möge nicht einfach nur Hamburg sein. Es war die Karibik. "Ich versuchte noch, meinen Mann, meine Eltern, Freunde anzurufen, aber ich konnte niemanden erreichen - das war wahrscheinlich gut so."

In ihrem Wintermantel habe Lara Juliette Sanders viele Stunden später auf Dominica gestanden, einer kleinen Insel zwischen Guadeloupe und Martinique. Und es war alles andere als traumhaft. "Da gab es einfach nichts. Nur wunderschöne Natur. So war ich umso mehr konfrontiert mit mir selbst." Dennoch hatte Lara Juliette Sanders ein Ziel: "Ich glaube nicht an Zufälle. Ich wusste, dass der Flug mich in ein neues Leben bringen wird. Meine Vorstellung war: Ich komme an und finde das Thema für meinen ersten Film." Na bitte: Schon im Hotel fand die Ausreißerin eine Broschüre über das Reservat der Kariben-Indianer! Doch das war es noch nicht ...

"Ein paar Tage später fuhr mir ein sehr eigenartiger, uralter Mann mit seinem kleinen, klapprigen Auto fast über die Füße." Daniel Rundstroem. Der schlaksige Typ, optisch eine Mischung aus Daniel Düsentrieb, Peter Lustig und Clark Gable, hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein abenteuerliches Leben hinter sich. Der gebürtige Schwede war unter anderem in den 50er-Jahren Privatpilot des Königs von Jemen. Das gepflegte Oberlippenbärtchen lässt noch immer den König der Lüfte von einst erahnen.

Lara Juliette Sanders ist auf Gold gestoßen: Stapelweise lagert Daniel zu Hause Filmrollen mit Aufnahmen von damals, die später Platz in "Über allen Horizonten" finden sollen. Doch damit nicht genug: 1992 zog er nach Dominica, in ein kleines Häuschen mitten im Dschungel, um dort seinen letzten Traum zu verwirklichen. Er zeigt der deutschen Träumerin "das Geheimnis in seiner Garage": Daniel will selbst ein kleines Flugzeug bauen und damit beim "Sun 'n Fun" Flugfestival in Florida starten. Den perfekten Assistenten hat der Senior in dem 16-jährigen Kariben-Indianer Rainstar gefunden, der davon träumt, Pilot zu werden. Was Daniel dadurch außerdem beschäftigt: Seit Jahren hat er keinen Kontakt zu seinem eigenen Sohn Niels-Holger ...

Das war Stoff für mindestens drei Dokumentarfilme! Doch bis zu den Höhenflügen bei den Filmfestivals dieser Welt sollten noch viele Bruchlandungen folgen. "Meine Ehe war endgültig ruiniert, meine Eltern wollten mich am liebsten enterben, meine Freunde sagten, ich hab sie nicht mehr alle", fasst Lara Juliette Sanders zusammen. "Niemand nahm mich ernst." Vergeblich habe sie versucht, einen Geldgeber zu finden. Die Anfängerin wurde belächelt: Ein alter Mann im Flugzeug? Ein Quotenkiller! Vergiss es. Lara Juliette Sanders zieht in ihrer kleinen Münchner Wohnung eine Art Produktionsbüro auf - mit Praktikanten und freiwilligen Helfern. "Ich verkaufte fast alles, was ich hatte. Selbst Möbel, die ich von meinen Großeltern geerbt hatte." Nette Kollegen waren für das Abenteuer Karibik auch mal bereit, umsonst am Film mitzuarbeiten. "Und ich war rastlos. Tag und Nacht sichtete ich Material, schrieb ich am Konzept. Und eigentlich hatte ich ja gar keine Ahnung, wie man einen richtigen Film macht!"

Was niemand ahnen konnte: Das sollte noch acht Jahre lang so weitergehen. "Dieser Mensch hörte einfach nie auf, zu bauen!" Fast dreieinhalb Jahre nach der ersten Begegnung konnte Daniel Rundstroem sein "Baby" erst nach Florida verschiffen ... Auch ihm ging immer wieder das Geld aus. "Wir haben parallel eine ähnliche Geschichte durchgemacht. Was haben wir zusammen geweint!" Für Lara Juliette Sanders ist Daniel, eher ein Mann der Tat denn des Wortes, "wie ein zweiter Vater". Er selbst hat wieder Kontakt zu seinem Sohn aufgenommen, wie auch im Film zu sehen ist.

Nach Martin Pieper von ZDF / ARTE entdeckten schließlich auch Sender im Ausland "Celebration of Flight", wie der Film im Original heißt, für sich. Bei internationalen Filmfestivals eroberte Daniels Geschichte, von Lara so authentisch erzählt, Publikum und Jurys im Sturm. Kinoverleihe seien nun interessiert. Einen Großteil ihrer Schulden konnte Lara Juliette Sanders bereits begleichen. Mit Rundstroem ist sie noch immer in regelmäßigem Kontakt.

"Nun habe ich schon drei Monate nichts mehr von ihm gehört - ungewöhnlich lange. Aber er hat eine Frau kennengelernt, im Bioladen in Schweden. Sie ist Veganerin wie er", erzählt sie. Dabei war Lara bereits drauf und dran, den väterlichen Freund mit Dr. Sue Hart zu verkuppeln - der Heldin ihres zweiten Films "Daktari - Die wahre Geschichte" (diesmal hatte das ZDF koproduziert). Noch so eine Geschichte: Sie hat in den 50er-Jahren als junge Frau eine Tierarztpraxis in der südafrikanischen Wildnis eröffnet. Auch Lara Juliette Sanders ist neu verliebt, hat nun eine kleine Produktionsfirma - und einen kleinen Sohn.

Schwer zu sagen, welche Geschichte nun spannender ist: die vor oder die hinter der Kamera. Lara, die mittlerweile ein Buch darüber geschrieben hat, kann es kaum glauben. Doch eigentlich scheint es fast naheliegend: Derzeit gebe es erste Gespräche mit großen Hollywoodstudios, die vorsichtshalber Interesse an beiden angemeldet hätten. "In Amerika verstehen die Leute, dass es wichtig ist, sich zu finden. Hier gilt das als verrückt." Doch Lara Juliette Sanders ist nun auf einer Mission. "Ich habe es schon geschafft, dass ein Autoverkäufer nun ein Restaurant eröffnet - wie er es sich seit seiner Kindheit erträumt hat", berichtet sie stolz. "Egal, was es ist, egal, wie alt man ist, egal, wie wenig Geld man hat: Es ist möglich!"