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(tsch) Einen "Tatort"-Kommissar spielen. Für viele Schauspieler käme es einem Ritterschlag gleich, Ermittler in dem öffentlich-rechtlichen Kultkrimi zu sein. Gerade tut sich viel im großen ARD-Kommissariat. Die Stellen in Stuttgart, Leipzig und Hamburg wurden umbesetzt. Neue Gesichter gehen nun auf Verbrecher- und Zuschauerjagd, haben es noch vor sich, ihre eigenen Kriminaler-Typen zu etablieren. Simone Thomalla und Martin Wuttke zum Beispiel, die neuen Cops in Leipzig, nehmen am Sonntag, 25.05., 20.15 Uhr, ihren ersten Fall in Angriff. Es ist zugleich der 700. in der "Tatort"-Geschichte. Ein Anlass, um nicht nur nach vorne, sondern auch zurückzublicken auf die Riege der Kommissare a.D. - Wie war es für Nicole Heesters als erste Frau unter den Kommissaren? Hat Roswitha Schreiner ein paar Stöckelschuhe behalten? Singt Charles Brauer noch manchmal im Duett mit Manfred Krug? Fünf ehemalige Hauptdarsteller des Traditions-Formats aus vier Jahrzehnten sprechen über Erinnerungen, (Vorreiter-)Rollen, Drehbedingungen und auch über Schwierigkeiten, darüber, was den "Tatort" ausmacht und wer ihre persönlichen Lieblinge unter den aktuellen TV-Ermittlern sind.Die Weibliche: Roswitha Schreiner (42) kämpfte von 1992 bis 1997 als junge Kommissarin Miriam Koch an der Seite von WDR-Hauptkommissar Bernd Flemming (Martin Lüttge) und anfangs auch Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) nicht zuletzt mit den Waffen einer Frau. Derzeit steht die Schauspielerin für die ARD-Telenovela "Rote Rosen" (Montag bis Freitag, 14.10 Uhr, im Ersten) vor der Kamera: "An Miriam Koch mochte ich, dass sie gerade durch Minirock und Stöckelschuhe für Kontroversen sorgte. Nach mir kamen 'Die Kommissarin' und 'Rosa Roth', die ebenfalls so ein Outfit trugen. Es gefiel mir, damals etwas Neues zu etablieren. Sonst gab es zu der Zeit nur Ulrike Folkerts, die eher in Jeans und Lederjacke unterwegs war. Den grauen Mantel von Miriam Koch behielt ich noch lange - im letzten Winter schenkte ich ihn aber einer Freundin aus Indonesien, weil sie bei ihrem Besuch hier so fror! Dass wir den Düsseldorfer 'Tatort' größtenteils in München drehten, war für mich nicht ungewöhnlich - als Schauspieler kann man das leicht ausblenden. Komisch wird's natürlich, wenn durchs Fenster bei genauem Hinsehen die Alpen zu erkennen sind, was wohl einmal vorkam (lacht). In Erinnerung blieben mir ganz besonders die Szenen mit Maria Schell aus unserem letzten 'Tatort'. Das war für mich ein Highlight und eine ihrer letzten Rollen. Das habe ich in meinem Herzen bewahrt. Die größte Entwicklung heute sehe ich persönlich bei 'Tatorten' mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal. Die sind am innovativsten - auch in Kameratechnik und dergleichen. Ich versuche, keinen davon zu verpassen."
Die Erste: Nicole Heesters (71) war 1978 die erste Frau im "Tatort"-Kommissariat (SWF), und die Ersten haben's bekanntlich nicht leicht. Nach drei Fällen in Mainz beendete sie 1980 ihre Karriere als Kriminal-Oberkommissarin Marianne Buchmüller wieder. Nicole Heesters' Leidenschaft gehört der Bühne, im Fernsehen ist sie nur selten zu sehen - zum Beispiel am Mittwoch, 14.05., in "Copacabana" (20.15 Uhr, das Erste): "Ich war die erste Kommissarin, es gab aber jedes Mal einen anderen Regisseur, und es wurde herumgebastelt. Wir wurden ja auch nicht geliebt am Anfang. Ich dachte: Wenn die Kommissarin eine Frau ist, warum soll man nicht auch ihr Leben und weibliche Eigenschaften zeigen, auch privater Natur? Doch das wurde damals noch nicht akzeptiert. Heute sucht man händeringend danach, da bekommen die Kommissarinnen sogar Kinder. Damals war ein Hut auf dem Kopf schon verpönt und einen Freund haben noch schlimmer. Es war trotzdem eine umheimlich interessante Erfahrung. Außerdem setzte aber ein lawinenartiger Prozess ein: Beim Bäcker wurde ich plötzlich als 'Frau Buchmüller' angesprochen. So eine Rolle hat eine solche Breitenwirkung, dass man aufhört, glaubhaft zu werden, wenn man auf der Bühne steht. Ich wollte aber weiter verschiedene Rollen spielen und nicht als Kommissarin durchs Leben gehen. Gelegentlich sehe ich natürlich den 'Tatort' - Man entkommt dem ja gar nicht. Es gibt so viele, das ist schon inflationär. Ich bewundere die Leute, denen da immer noch etwas einfällt. Aber eigentlich sehe ich am liebsten Hannelore Hoger als 'Bella Block' im ZDF. Ich finde, sie hat es geschafft, eine eigene Person dahin zu stellen."
"Der Brocki": Charles Brauer (72) bildete fast 15 Jahre lang (1986 bis 2001) mit Manfred Krug eines der beliebtesten Ermittler-Duos: Als Brockmöller und Stoever gingen sie beim NDR als singende Kommissare in die "Tatort"-Geschichte ein. Brauer steht derzeit in Bochum auf der Bühne: "Ich blicke wenig zurück und habe auch keinerlei Sentiments, keine Wehmut. Das ist für mich eine abgeschlossene Zeit, aber eine sehr prägende. Der "Tatort" brachte eine nicht zu unterschätzende Popularität, und es entstand eine Freundschaft mit einem sehr lieben Menschen, nämlich Manfred Krug. Wir sehen uns regelmäßig, wenn ich in Berlin bin. Aber nicht, um zu singen (lacht). Wir sitzen in der Kneipe oder gehen mal zusammen auf den Trödel. Letztens sah ich zufällig einen WDR-'Tatort': Wie die Kommissare da so an der Frittenbude standen - ich denke schon, dass das etwas ist, das wir kreiert haben. Auch die Scherzchen untereinander. Bei den aktuellen 'Tatorten' sehe ich die Münchner nach wie vor ziemlich weit vorne, was die Drehbücher angeht. Auf die kommt es an. Ich schalte schnell weg, wenn mir eine Geschichte zu konstruiert vorkommt und ich mir denke: 'Jetzt müsste der Kommissar doch aber nachhaken und nicht den Beschuldigten mit einem trotzigen Satz aus der Szene gehen lassen ...' - Wir durften damals zunehmend mitreden und Änderungen vornehmen. Wir schmissen manche große Action-Nummer 'raus, um den Fall auf elegantere Weise zu lösen. Uns sah man selten mit der Pistole durch die Gegend rennen."
Der Elegante: Winfried Glatzeder (62) nahm seinen Berliner Ermittler Ernst Roiter (SFB) 1996 höchst ambitioniert in Angriff. Bis 1998 war der Schauspieler, der unter anderem in Potsdam Theater spielt, als Hauptkommissar mit seinem ungleichen Partner Zorowski (Robinson Reichel) in der Hauptstadt unterwegs: "Ich habe versucht, einen Ermittler in der Tradition von Luis de Funès oder Jacques Tati zu gestalten. Keinen zynischen 'Tatort'-Kommissar, keinen altklugen Besserwisser, sondern einen mit menschlichen Schwächen, der die Fälle mit Humor und Leidenschaft auf subversive Art löst. Mit Ernst Roiter versuchte ich, eine neue Figurengestaltung im Hochglanz-Format 'Tatort'-Krimi zu platzieren. Ausgangspunkt war ein wirklicher Kommissar der Berliner Mordkommission, den ich kennenlernte, der seinen Beruf mit großer Leidenschaft und trotz des schrecklichen Gegenstands in humorvoller Art ausübte. Für mich war das Abtauchen in die menschlichen Abgründe während dieser zwölf 'Tatort'-Einsätze eine große Bereicherung. Außerdem lernte ich Berlin aus den unmöglichsten Perspektiven kennen. Vom Funkturm bis zu den Katakomben, vom Leichenschauhaus bis zum Schlachthof. Der absolute Abenteuer-Trip. Sehr beeindruckt hat mich die 'Tatort'-Figur Schimanski, die Götz George mit seinem redaktionellen Team durch sture Standhaftigkeit über die bösartigen Angriffe der Anfangsjahre seitens der Medien hinweg gerettet hat - bis heute."
"Der Bienzle": Dietz-Werner Steck (71) nahm erst im vergangenen Jahr den berühmten Hut des Kult-Kommissars aus dem Ländle (SWR). Die Kopfbedeckung und der dazugehörige Mantel sind nun im Haus der Geschichte in Stuttgart zu besichtigen. Während der Schauspieler sich ebenfalls wieder dem Theater zugewandt hat, gaben seine beiden Nachfolger Richy Müller und Felix Klare Anfang März ihren erfolgreichen Einstand in Stuttgart: "Ich hör' halt von vielen: 'Schade um den Bienzle!' - Er war eine Kultfigur, mit seiner Nachdenklichkeit, seiner Intensität, seiner Gefühlsstärke. Man wusste, wo er herkommt und wo sein Leben stattfindet. Gerade das Lokalkolorit kam sehr gut an. Das war toll geschrieben von Felix Huby, mit dem ich eng befreundet bin. Wir hätten noch weitermachen können, aber irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, zu sagen: Ich gehe, so lange die Menschen mich noch lächelnd anschauen. Wir feierten ein riesiges Abschiedsfest in der Stuttgarter Markthalle, wo wir oft drehten. Da floss nicht nur eine Träne ... Es hat mir Riesenspaß gemacht, 15 Jahre lang. 'Bienzle und der Mord am Neckar' führten wir auch auf der Bühne auf und gingen damit auf Tournee. Bis hinauf nach Cuxhaven - unschwäbischer geht's nicht! - freuten sich die Leute. Ich bin Krimi- und Thriller-Fan, aber vor allem von amerikanischen Kinoproduktionen: Ich mag Gene Hackman, Robert De Niro, Jack Nicholson ... Unter den 'Tatort'-Kommissaren - da muss ich ein wenig in die Vergangenheit zurückgehen - sah ich unheimlich gerne Klaus Schwarzkopf, Walter Richter und Hansjörg Felmy. Da steckte Menschlichkeit drin. Klar habe ich mir auch meine Nachfolger angeschaut - das ist natürlich etwas ganz Anderes, etwas Neues, ein totaler Break."