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Bernadette Heerwagen: Endlich ein Luder

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Wer mit gerade einmal 30 Jahren bereits zwei Grimme-Preise sein Eigen nennt, verdient als Schauspieler Beachtung. Gerade hat Bernadette Heerwagen die renommierte Trophäe für ihre Rolle einer taffen DDR-Traktoristin im ZDF-Film "An die Grenze" erhalten, 2005 gewann sie den Preis für das Drama "Grüße aus Kaschmir". Dennoch wirkt die zarte Blondine keineswegs wie eine mit überbordendem Selbstbewusstsein ausgestattete Diva. Natürlich und bescheiden gibt sich die wandlungsfähige Autodidaktin, die Regisseur Miguel Alexandre ("Die Frau vom Checkpoint Charlie") bereits als 15-Jährige bei einem Schüler-Workshop entdeckte. Nun hat der Regisseur seine Muse ein weiteres Mal verpflichtet - als gefallene Schöne im Rotlichtmilieu von Kapstadt. Den Thriller "Der Tod meiner Schwester" zeigt das ZDF am Montag, 26.05., um 20.15 Uhr.

teleschau: In "Der Tod meiner Schwester" spielen Sie im entsprechenden Outfit eine Frau aus dem Rotlichtmilieu. Zum Interview erscheinen Sie heute im Businesskostüm mit zusammengesteckten Haaren. Wir hätten Sie fast nicht erkannt!

Bernadette Heerwagen: Das geht vielen Leuten so!

teleschau: Fühlen Sie sich wohler in strenger Kleidung?

Bernadette Heerwagen: Ich habe das heute ganz bewusst angezogen. So ein Pressetermin mit Fotografen hat ja schon einen offiziellen Charakter, dem wollte ich damit Rechnung tragen. Mir passiert es auch oft, dass ich Schauspieler mit ihren Rollen verwechsle und dann überrascht bin, dass die privat ganz anders rumlaufen als im Film. Obwohl das doch eigentlich selbstverständlich ist, funktioniert die Illusion der Rolle. Das Mädchen aus dem Rotlichtmilieu ist aber tatsächlich sehr weit von mir selbst entfernt. Wahrscheinlich das Entfernteste, das ich bis jetzt gespielt habe. Normalerweise kommt niemand auf die Idee, mich für eine solche Rolle zu besetzen.

teleschau: Warum nicht? Steht Ihnen das Luder so fern?

Bernadette Heerwagen: Ich gelte bisher eher als die Frau fürs Dramatische. In meinen Rollen bin ich entweder blind, taub, schwanger oder alles zusammen (lacht). Eine Frau aus dem Rotlichtmilieu zu spielen, ist auf jeden Fall mal etwas anderes für mich. Endlich mal eine harte Rolle, ansonsten werde ich eher weich gesehen.

teleschau: Gerade haben Sie für die Rolle einer DDR-Traktoristin im ZDF-Film "An die Grenze" einen Grimme-Preis bekommen. Auch da spielen Sie eine etwas herbere Frau, die in der Liebesbeziehung sagt, wo es langgeht ...

Bernadette Heerwagen: Die Rolle der Traktoristin in "An die Grenze" war ein Wendepunkt. Ein Film, der nicht nur wegen des Preises sehr wichtig für mich war. Da durfte ich mich zum ersten Mal etwas burschikoser und härter zeigen. Solche Imagesprünge sind wichtig, damit man die Möglichkeit hat, sich tatsächlich weiterzuentwickeln als Schauspielerin und interessante, abwechslungsreiche Rollen angeboten zu bekommen.

teleschau: Wenn man sich Ihre Filmliste ansieht, sind da hoch dekorierte, sehr anspruchsvolle Sachen dabei, aber auch sehr leichte Kost, bei der man vorher weiß: Hiermit werde ich keinen Preis gewinnen. Welche Karrierestrategie verbirgt sich dahinter?

Bernadette Heerwagen: Meine Strategie besteht darin, dass ich ganz viel absage. Alles, was mich nicht berührt, lasse ich liegen. Auf der anderen Seite macht es viel Spaß, wenn man ein gutes Drehbuch liest. So etwas liegt natürlich nicht jeden Tag auf deinem Tisch. Trotzdem muss auch ich meine Miete und mein Essen bezahlen, deshalb nehme ich auch andere Projekte an und versuche dort, mein Bestes zu geben.

teleschau: Für "Der Tod meiner Schwester" durften Sie nach Südafrika fahren und wieder einmal mit Ihrem Entdecker, dem Regisseur Miguel Alexandre, zusammenarbeiten. War das der Grund für Ihre Zusage?

Bernadette Heerwagen: Ich drehe wahnsinnig gern mit Miguel, das ist wahr. Natürlich spielte auch Südafrika eine Rolle. Man hat uns allerdings verboten, auf eigene Faust die Umgebung von Kapstadt zu erkunden, weil das wohl zu gefährlich sei. Naiv, wie ich war, wollte ich mir an ein paar drehfreien Tagen ein Auto mieten und ein bisschen herumfahren. Da hat die Produktion ziemlich entsetzt reagiert, und im Endeffekt habe ich die meiste freie Zeit im Hotel verbracht.

teleschau: Wie war das noch mal, Miguel Alexandre hat sie als Schülerin während eines Filmprojektes entdeckt?

Bernadette Heerwagen: "Das filmende Klassenzimmer" ist ein Projekt in München, bei dem Kinder und Jugendliche von etwa 10 bis 15 Jahren selbst Filmstoffe entwickeln und einen Film drehen, natürlich unter Anleitung. Miguel Alexandre war damals noch Filmstudent an der Münchner Filmhochschule, und er bediente die Kamera in einem Film, bei dem ich aus Langeweile mitgespielt habe. Zwei Jahre später, das war 1995, rief er mich an, als er ein 17-jähriges Mädchen für die Hauptrolle seines Abschlussfilms "Nana" suchte.

teleschau: Er hat Ihnen bestimmt erklärt, warum er Sie zwei Jahre lang im Gedächtnis behalten hat, obwohl Sie sich nur kurz begegnet sind?

Bernadette Heerwagen: Das hat er damals nicht getan. Als wir 2005 wieder gemeinsam "Grüße aus Kaschmir" drehten, gestand er mit aber, dass er von diesem Wochenende so beeindruckt war, dass er sich damals sagte: Wenn er mal einen Film dreht, in dem Jugendliche vorkommen, wollte er mich anrufen. Er hat dann über die Bavaria Filmstudios meine Nummer rausgekriegt und mich tatsächlich kontaktiert.

teleschau: Sie sind also klassisch entdeckt worden und hatten vorher nie die Ambition, Schauspielerin zu werden? Kein Schultheater, kein künstlerisches Genpool in der Familie?

Bernadette Heerwagen: Nein, nichts davon. Mein Vater war früher beim Bundesgrenzschutz und betreibt heute eine Schule für Objekt- und Personenschutz in München. Meine Mutter war Hausfrau, hat sich um meinen Bruder und mich gekümmert. Heute arbeitet sie wieder - immerhin in der Verwaltung der Filmhochschule.

teleschau: Und Ihr Bruder Philipp Heerwagen ist Fußballprofi ...

Bernadette Heerwagen (lacht): Ja, er ist Torwart beim VfL Bochum. Sitzt aber zurzeit leider nur auf der Bank. Vorher spielte er in der 2. Bundesliga bei uns in Unterhaching. Dort war er Stammtorhüter. Aber er ist erst 24 Jahre alt. Das ist ja für einen Torwart noch kein Alter.

teleschau: Immerhin spielt er Fußball in der Bundesliga, und Sie gewinnen die wichtigsten Filmpreise Deutschlands. Zwei unterschiedliche Begabungen, die beide zum größtmöglichen Erfolg führten. Fragen sich Ihre Eltern nicht, wie sie solche Kinder hinbekommen haben?

Bernadette Heerwagen (lacht): Ja, ich glaube sie stellen sich diese Frage auch manchmal und wissen absolut nicht, wie sie das gemacht haben. Zumal sie alles andere als die typischen "Eislaufeltern" sind, die ihre Kinder immer getriezt haben. Das kam alles aus uns beiden heraus. Mein Bruder war schon immer total sportverrückt, früher machte er auch Basketball und Judo. Er musste sich einfach immer bewegen. Mein Schauspieltalent beschränkte sich darauf, dass ich im Sportunterricht immer eine Tote gespielt habe - das hat meine Klassenkameraden begeistert. Später ist meine Mutter mit mir zum Direktor gegangen und setzte durch, dass ich für den Film "Nana" schulfrei bekomme. Unsere Eltern halfen uns. Sie verlangten aber nie etwas und haben uns nie in eine bestimmte Richtung geschoben.

teleschau: Wie stolz sind Ihre Eltern?

Bernadette Heerwagen: Ich glaube schon, dass sie stolz sind. Vor allem aber sind sie glücklich, wenn wir glücklich sind. Wenn wir Spaß und Erfolg haben mit dem, was wir gerne machen.

teleschau: Wie eng ist Ihr Kontakt zu Ihrem Bruder?

Bernadette Heerwagen: Wir verstehen uns sehr gut, auch wenn wir uns nicht allzu oft sehen. Weihnachten bei den Eltern natürlich und ab und zu dazwischen. Neulich haben wir gemeinsam ein Interview in Bochum gegeben. Wir telefonieren immer mal, unterhalten uns dabei aber sehr wenig über Fußball oder Film. Wir freuen uns dann einfach beide, dass wir mal über andere Themen sprechen können.

teleschau: Interessieren Sie sich für Fußball?

Bernadette Heerwagen: Ich bin ein totaler Fußballfan! Fast jeden Samstag gucke ich die Sportschau, verfolge meinen Bruder seit der F-Jugend. Heute schaue ich vor allem, was der VfL Bochum macht. Früher spielte mein Bruder beim FC Bayern, Philipp Lahm ist ein guter Kumpel von ihm. Dank der beiden habe ich sogar zweimal Tickets für die WM bekommen. Zum Eröffnungsspiel und dann noch mal fürs Spiel der Deutschen gegen Argentinien.

teleschau: Sie leben schon eine Weile in Berlin. Hatten Sie keine Lust mehr auf München?

Bernadette Heerwagen: Meine ganzen Freunde sind nach dem Abitur abgehauen: nach Italien, Australien und sonst wohin. Ich wollte auch mal was Neues sehen, habe meinen besten Freund geschnappt, und seitdem lebe ich in Berlin. Erst sollte das nur für ein Jahr sein, jetzt sind es schon sechs oder sieben.

teleschau: Sie sind Autodidaktin. Warum haben Sie nach dem frühen Erfolg als Schülerin in "Nana" nicht gesagt: So und jetzt mach ich es richtig und gehe auf eine Schauspielschule?

Bernadette Heerwagen: Schwierige Frage, hm. Ich bin sehr früh ausgezogen und wollte meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen. Auf diese Weise eine klassische Schauspielausbildung zu finanzieren, hätte ich mir nicht leisten können. Deshalb habe ich von Beginn an immer gearbeitet oder gejobbt. Außerdem wollte ich nie ans Theater. Eine Einstellung, die ich heute ein bisschen bereue, denn dafür braucht man genau dieses Handwerkszeug. Natürlich geht es auch bei mir nicht ganz ohne, deshalb habe ich mir verschiedene Lehrer zusammengesucht: Sprecherzieher, Gesangslehrer, Schauspiel- Coaches - das waren Leute, die mir Kollegen empfohlen haben. Die Stunden habe ich mit meiner Schauspielerei finanziert. Ich glaube, unabhängig zu sein, war immer besonders wichtig für mich.

teleschau: Jetzt haben Sie gerade zum zweiten Mal den Grimme-Preis gewonnen. Wie sehr freut Sie das?

Bernadette Heerwagen: Total! Bei "Grüße aus Kaschmir" wusste ich, dass der Film nominiert ist, hatte aber keine Ahnung, dass man als Schauspieler auch einen Preis bekommt. Ich war völlig fertig, als ich das erfahren habe, es war der Wahnsinn. Der Grimme-Preis steht einfach für Qualität, ich war mir sicher: Das ist eine einmalige Sache in meinem Leben. Als nun nach drei Jahren wieder der Anruf kam, war ich komplett aus dem Häuschen. Jetzt habe ich Blut geleckt und möchte wie Dominik Graf auch sieben davon haben (lacht).