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Delphinsommer: Beklemmender Fluchtversuch aus Absurdistan

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Ausstrahlung am 20.05.2008 um 21:45 Uhr auf BR

(tsch) Es ist ein schmaler Grat, auf dem Regine Bielefeldt (Buch) und Jobst Christian Oetzmann (Regie) wandeln. "Delphinsommer" (2004) erzählt die Geschichte eines Mädchens, das aus einer sektenartigen Glaubensgemeinschaft auszubrechen versucht. Das nun im Bayerischen Fernsehen erneut ausgestrahlte Drama stößt nicht nur in außergewöhnliches Terrain vor, um schließlich laut zu warnen und scharf zu richten - es wühlt über weite Strecken exakt im Grenzland zwischen dem Psychoterror einer Sektenstruktur und der Geborgenheit, die so ein straffer Bund manchen Menschen zu geben vermag. In diesem Spannungsfeld ist ein bedrückender und wichtiger Film entstanden, der nicht nur verurteilt, sondern Mitdenken und Verstehen einfordert, wo Verständnis völlig ausgeschlossen scheint.

Federleicht, gar nicht im Stile eines Problemfilmes, führt Oetzmann sein Publikum hinter die Kulissen einer Glaubensgemeinschaft, die er "Kirche des Herrn" nennt. Sie soll trotz recherchierter Bezüge kein Abbild einer real existierenden Sekte sein - schon "um", so Autorin Bielefeldt, "einerseits nirgendwo hinführende Prozesse zu vermeiden und andererseits den Schwerpunkt der Geschichte - die Abnabelung - erhalten zu können".

So zieht die aus dem Schwabenländle stammende Familie Wagner zu den warmen Klängen von Simon & Garfunkels "Scarborough Fair" in ihr neues Heim in Berlin ein. Und Tochter Nathalie (Anna Maria Mühe), die 16 Jahre wohlbehütet und streng geleitet im Schoße der "Kirche des Herrn" aufwuchs, geht bester Dinge in ihre neue Schule. Sie stößt auf Ablehnung und Zuneigung, tauscht mit dem coolen Gabriel (Tino Mewes, "Fickende Fische") schüchterne Blicke aus, schließt Freundschaften, und zu Hause hat man sich - in der Sekte Ehrensache - furchtbar lieb. Schöne, neue Teenager-Welt.

Was da im Hintergrund lauert, ist allenfalls zu erahnen. Nach und nach kommt einiges zum Vorschein: Nathalie darf (und will) die Klassenlektüre "Crazy" nicht lesen, sie verweigert den Sportunterricht, Kinobesuche sind ebenso tabu wie schicke Markenklamotten. Was das heißt, ist klar: Das hübsche Mädchen wird zur Außenseiterin. Die Anfeindungen werden bald so stark, dass die Schülerin in den Gebetsrunden keinen Trost mehr findet. Schließlich dämmert es Nathalie, dass Sätze wie: "Unser Anderssein in den Augen der Welt ist ein Bessersein in den Augen des Herrn" nichts als Phrasen sind.

So wendet sich das anfangs recht frische Teen-Movie zum handfesten Drama, das von gesellschaftlicher Relevanz und obendrein handwerklich bemerkenswert gut gemacht ist. Während die Bilder der Sektenzusammenkünfte finsterer und eindringlicher werden und in einer Taufzeremonie im Hallenbad ihren skurrilen Höhepunkt finden, treibt Nathalie in eine eigene Identität und in ein Leben, das außerhalb dieser Strukturen stattfindet. Nicht nur ihr Freund Gabriel und Leidensgenossin Sibille (Sophie Rogall) haben Einfluss auf sie, plötzlich tritt auch ihr leiblicher Vater (Rainer Sellin) in Nathalies Leben. Aber die Gemeinde lässt Abtrünnigkeit nicht zu ...

Autorin Regine Bielefeldt hat nach umfangreichen Recherchen durchaus gewisses Verständnis für Menschen, die "in einer säkularen Welt" Halt in einer solchen Glaubensgemeinschaft suchen: "Mit diesem Rahmen wird es einfacher, zu entscheiden, was gut und was schlecht ist. Tu dies, dann tust du das Richtige, und dafür wirst du belohnt. Das ist für viele eine sehr beruhigende Perspektive in unsicheren Zeiten." So erscheint es nachvollziehbar, dass die Sekte im Film mit durchaus tauglichen Werten und sozialem Engagement aufwarten darf. "Wir stellen unsere Gruppierung nicht als böse dar, sondern nur ihre auch aus körperlicher Züchtigung bestehenden Mechanismen an Unterdrückung des Individuums."

Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe, auf die die komplette Szenerie zugeschnitten ist, meistert eine anspruchsvolle Rolle mit zurückhaltendem Spiel. Oft gelingt es ihr, alleine durch die Mimik und kleine Gesten große Emotionen zu transportieren und dem Zuschauer so ihren Standpunkt in dieser absurd scheinenden Sektenwelt zu vermitteln. Die 22-jährige Berlinerin, die in den vergangenen drei Jahren in die Riege der großen deutschen Nachwuchsstars aufstieg und immer wieder in Hauptrollen mit Tragweite brilliert, hat zur Vorbereitung lange Gespräche mit Aussteigern geführt. Dabei stieß die bekennende Atheistin auf Neuland: "Ich bin selber nicht getauft und glaube nicht an Gott. Sich dann in so eine extreme Glaubensrichtung hineinzuversetzen und so sehr daran zu glauben und sich daran festzuhalten - das war für mich faszinierend."