teleschau - der Mediendienst GmbH

Dietrich Hollinderbäumer: Europa als Zuhause

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Ein Gespräch mit Dietrich Hollinderbäumer wirft vor allem eine Frage auf: Wieso zählt der 66-Jährige nicht zu den bekanntesten und renommiertesten Schauspielern Deutschlands, zu den absoluten Stars der Branche? Schließlich erlernte er sein Handwerk am Königlich Dramatischen Theater in Stockholm unter Regisseuren wie Ingmar Bergman und stellt seit Jahrzehnten immer wieder in spannenden Rollen seine Wandelbarkeit unter Beweis. Zuletzt war er an der Seite von Hannah Herzsprung im Drama "Vier Minuten" im Kino und in der Sitcom "Pastewka" (Sat.1) als resoluter Vater von Bastian Pastewka im Fernsehen zu sehen. "Ich achte nicht darauf, möglichst viele Hauptrollen zu ergattern. Mir ist es wichtig, vielseitig zu arbeiten. Vielleicht wäre ich berühmter, wenn ich mich auf einen bestimmten Typus festgelegt hätte", versucht sich Hollinderbäumer an einer Erklärung. In "Annas Geheimnis" (Fr., 02.05., 20.15 Uhr, ARD) ist er nun als Apfelbauer Christian Ingstrup zu sehen, der mit einer Lebenslüge seiner Frau konfrontiert wird.

"Ich werde auf der Straße erkannt und bin den Blicken der Leute durchaus ausgesetzt. Allerdings können mich die meisten nicht einordnen. Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich nicht hinter der Fleischertheke in der Supermarktfiliale in Wanne-Eickel stehe." Dass Dietrich Hollinderbäumer auf viele Menschen so vertraut wirkt, ist seinem uneigennützigen Spiel zuzuschreiben. Die Selbstverständlichkeit, mit der er in Rollen schlüpft, die Natürlichkeit, die er in den unterschiedlichsten Charakteren ausstrahlt, fällt auch bei "Annas Geheimnis" auf. Als Christian Ingstrup erfährt, dass seine Frau (Jutta Speidel) vor Jahrzehnten mit einem anderen Mann ein Kind hatte, dies aber zur Adoption freigab, bricht für den kinderlosen Landwirt eine Welt zusammen. Dietrich Hollinderbäumer schafft das Kunststück, die große Gekränktheit der Figur offenzulegen und gleichzeitig dem Zuschauer glaubhaft zu vermitteln, wieso Ingstrup am Ende verzeihen kann. "Wenn ich eine Rolle spiele, versuche ich, sie in irgendeiner Weise an mich heranzuholen, nach Parallelen zu suchen. Bei diesem Charakter war das eine langwierige Angelegenheit."

So kann Dietrich Hollinderbäumer, selbst zweifacher Vater, nachvollziehen, dass sich Christian Ingstrup als kinderloser Mann unvollkommen fühlt. Allerdings sei er, im Gegensatz zu seiner Rolle, kein Kontrollfreak, betont der 1942 in Essen geborene Darsteller. "Ich kann gut delegieren, muss nicht immer präsent sein. Als ich früher am Theater als Regisseur arbeitete, kümmerte ich mich auch nicht um jede Klorolle", erzählt er lachend. Hollinderbäumer hat die Lust am Spiel nie verloren und denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. "Natürlich habe ich Phasen, in denen ich denke: 'Wozu das alles noch?' Doch da schlafe ich drüber, und der Gedanke ist am nächsten Morgen schon weit weg. Ich könnte nicht so einfach aufhören zu arbeiten."

Stillstand kommt für Dietrich Hollinderbäumer nicht in Frage. Er war schon immer ein rastloser Mensch. Als Kind emigrierte er einst mit seiner Mutter nach Schweden. Noch heute ist er schwedischer Staatsbürger. 15 Jahre lang lebte Hollinderbäumer in Wien. Er spielte am Burgtheater, am Theater in der Josephstadt, am Volkstheater, ging später nach Zürich, Bremen und Heidelberg. Mittlerweile lebt er auf Mallorca. Seine Frau hat dort ein Haus geerbt, das der Familie schon seit Jahrzehnten zur Verfügung steht. "Früher, als ich am Theater nicht viel Geld verdiente, waren die Reisen auf die Insel einfach eine preisgünstige Möglichkeit, zusammen in den Urlaub zu fahren", erinnert sich Hollinderbäumer.

Als Schauspielerehepaar war es mit zwei Kindern nicht immer einfach. "Ich war Ende 20, als meine Frau das erste Mal schwanger wurde. Als Mann grübelt man in solch einer Situation über vieles nach. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Verantwortung übernehmen kann, ob ich beruflich so weit bin, eine ganze Familie zu versorgen", erinnert sich der Mann mit den sehr lichten Haaren. Allerdings ließen sich Nele und Seth Hollinderbäumer (beide Mitte 30) von den Unsicherheiten und ständigen Ortswechseln, die der Beruf mit sich bringt, nicht abschrecken. Die Tochter ist selbst Schauspielerin geworden, der Sohn, ein studierter Jurist, ist mittlerweile beim Fernsehen als Producer tätig. "Sie sind praktisch unter Schauspielern aufgewachsen. Nach dem Unterricht erlebten sie uns bei Theaterproben. Wenn Kinder so viel vom Beruf der Eltern mitbekommen, wollen sie damit entweder nie mehr etwas zu tun haben, oder sie folgen ihnen in dieses Metier." Dietrich Hollinderbäumer hätte niemals versucht, den Nachwuchs davon abzuhalten, ins Film- und Fernsehgeschäft einzusteigen: "Das hätte keinen Sinn gemacht. Kinder machen doch sowieso, was sie wollen."

Zwischen all den Stationen quer durch Europa konnte Familie Hollinderbäumer allerdings ein Geheimnis nicht lüften: Woher der poetische Name kommt, ist auch heute noch nicht geklärt. "Mein Großvater erzählte mir einmal von der Theorie, dass wir aus einem Dorf an der deutsch-holländischen Grenze stammen, das Hollinde hieß. Der Zöllner, der immer den Grenzbaum hoch und runterließ, war der Hollinderbäumer." Allerdings konnte diese Erklärung den Schauspieler noch nicht zufrieden stellen. Als er Mitte der 90er-Jahre in Würzburg eine Theaterinszenierung betreute, entdeckte er beim Spaziergehen oberhalb vom Main einen Grabstein. Ein Soldat mit dem Namen Kaspar Heinrich Hollinderbäumer, gefallen im Deutsch-Österreichischen Krieg 1866, fand hier seine letzte Ruhe. "Ich wollte immer wissen, was es damit auf sich hat und vor allem, warum dieses Grab augenscheinlich gepflegt wurde. Doch leider bin ich der Sache nie nachgegangen."