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Frank Schätzing: Karriere in den Querstraßen des Lebens

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Mit "Der Schwarm" gelang dem ehemaligen Kölner Werbetexter Frank Schätzing ein ganz großer Wurf: Der Science-Fiction-Thriller um verseuchte Meere, die sich gegen den Menschen zu wehren beginnen, wurde zum weltweit erfolgreichsten deutschen Roman seit Patrick Süskinds "Das Parfüm". Die Schauspielerin Uma Thurman sicherte sich die Filmrechte, bald soll in Hollywood die erste Klappe fallen. Dass Schätzings hochspannende Stoffe sich fürs Erzählen in bewegten Bildern geradezu aufdrängen, will RTL nun mit der Adaption von zwei weiteren Romanen des umtriebigen Autors beweisen. "Die dunkle Seite" (So., 18.05., 20.15 Uhr) und "Mordshunger" (Do., 22.05., 20.15 Uhr) bewirbt der Kölner Sender ganz bewusst mit dem Namen Frank Schätzing. Im Interview spricht der 50-jährige Schriftsteller, Werbeunternehmer, Musiker, Taucher und Hobbykoch über Arbeitswut und das Geheimnis seiner Erfolge. Hans Dampf wäre stolz auf ihn.

teleschau: RTL hat aus Ihren Romanen zwei sehr unterschiedliche Filme gemacht: "Mordshunger", ein klassischer Kriminalfilm, und "Die dunkle Seite", ein Thriller in moderner Optik. Hatten Sie Einfluss auf die Umsetzung Ihrer Bücher?

Frank Schätzing: Ja, den hatte ich. Zu beiden Produktionsfirmen bestehen meinerseits freundschaftliche Kontakte. Deshalb war ich in den ganzen Prozess von der Planungsphase an eingebunden. Dass die Filme so unterschiedlich sind, liegt aber auch an der Vorlage: "Mordshunger" ist ein Roman voll süffisanter Leichtigkeit. Er ist hochgradig ironisch, fast schon ein bisschen gemütlich. "Die dunkle Seite" dagegen ist ein düsterer Thriller, knüppelhartes Zeug. Das kann man unmöglich mit der gleichen Ästhetik umsetzen.

teleschau: Sowohl "Mordshunger" mit Hans-Werner Meyer als Kommissar als auch "Die dunkle Seite" mit Melika Foroutan als Privatdetektivin wirken wie Pilotfilme zu neuen Serien. Schade, dass keine weiteren Bücher existieren. Gibt es trotzdem Pläne, mit diesen beiden Charakteren im Medium Fernsehen weiterzuarbeiten?

Schätzing: Ich habe mit RTL über dieses Thema gesprochen, und wir sind beide der Meinung, dass die Charaktere das Potenzial für eine Serie oder Reihe besitzen. Das Fehlen weiterer literarischer Vorlagen ist da kein Hinderungsgrund. Es gibt genug Beispiele für Stoffe, bei denen der Pilotfilm auf einer literarischen Vorlage beruhte und später hat man gute Drehbuchautoren mit einer Fortsetzung beauftragt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, Ideen für weitere Vorlagen zu liefern. Das ist aber alles noch offen. Jetzt müssen wir erst mal sehen, wie die beiden Filme beim Zuschauer ankommen.

teleschau: Man sieht Sie in letzter Zeit oft im Fernsehen. Im Ersten präsentierten Sie vor der Kamera einen Dokumentarfilm über die Verschmutzung der Meere. Fürs ZDF führten Sie durch die Zukunftsdoku "2057 - Unser Leben in der Zukunft". Haben Sie das Fernsehen als neue Lustquelle für sich entdeckt?

Schätzing: Natürlich bringen mir solche Auftritte Spaß, sonst würde ich das nicht machen. Ich bin von meinem Naturell her ein Erzähler. Der Typ Mensch, der einst am Lagerfeuer saß und Geschichten erzählte. Sie aufzuschreiben ist eine Form. Ich gehe aber noch lieber auf die Bühne und rede mit Menschen. Weil es da Feedback gibt. Ich bin nun mal ein Sozialtier, und Schreiben ist schon ein verdammt einsamer Job.

teleschau: Sie sagen es - Schriftsteller gelten häufig als scheue Einzelgängertypen. Sie sind eher das Gegenteil: extrovertiert, sehr kommunikativ. War das ein Versehen mit der Schriftstellerei?

Schätzing: Ich glaube, ich habe alles in meinem Leben aus Versehen gemacht. Immer wenn eine klare Vision der Zukunft vor mir lag, taten sich plötzlich irgendwelche Querstraßen auf und jedes Mal hab ich nachgeschaut, wohin die führen. Das Unbekannte liegt mir mehr als vorgezeichnete Wege. So kam ich auch zur Schriftstellerei. Eigentlich bin ich ja Werbetexter, und die schreiben immer sehr kurze Texte. Als ich den Job zehn Jahre lang gemacht hatte, wollte ich einfach mal was Langes schreiben, das war dann "Mordshunger", mein erster Roman. Derzeit reizt mich zunehmend die Musik. Mal sehen, was noch so kommt.

teleschau: Werbung und Schriftstellerei - also Kunst - stehen eher auf Kriegsfuß miteinander. Hatten Sie je Probleme, diese beiden Welten zu vereinbaren?

Schätzing: Nein. Ich habe 20 Jahre lang Werbung gemacht, 15 davon in einer eigenen Werbeagentur. Heute bin ich da noch Gesellschafter, aus dem operativen Geschäft aber weitgehend raus. Mitte der 90-er rangierten wir zeitweise unter den 30 größten Werbeagenturen Deutschlands. Trotzdem habe ich nebenbei Romane geschrieben. Ich hatte kein Problem, das miteinander zu vereinbaren, aber letztlich wurde es ein Zeitproblem. Werbung ist kein Nine-To-Five-Job. Wenn man sich dann noch abends und nachts hinsetzt, um einen Roman zu schreiben, muss man schon Triebtäter sein. Aber ewig hält man das nicht durch.

teleschau: Schriftsteller sind der Kunst und damit der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Werbetexter hingegen sind Dienstleister. Wie ist Ihr Berufsverständnis: Künstler oder immer noch ein bisschen Dienstleister?

Schätzing: Werbung ist Dienstleistung pur, und die gesamte Kreativität, die man dabei entwickelt, dient dazu, ein Produkt zu verkaufen. Man endet also immer mit der Botschaft eines anderen. Ich hatte das Glück, mit der Werbung sehr erfolgreich zu sein, was mich vom Zwang befreite, mit meinen Büchern Geld verdienen zu müssen. Als Schriftsteller war ich deshalb in der angenehmen Position, nur meinen eigenen Ideen, meiner eigenen Nase folgen zu können. Die künstlerische Freiheit, ausschließlich das zu schreiben, was man will, ist natürlich ein Privileg. Werbung war absolut okay, aber ganz alleine zu entscheiden, welche Projekte man realisiert und wie man es tut, ist schon eindeutig besser.

teleschau: Führte diese Freiheit dazu, dass Sie in den Büchern einfach Ihre Hobbys zum Thema machten? "Mordshunger" hat viel mit guter Küche und der Stadt Köln zu tun, sie gelten als Hobbykoch und Köln-Fan. Und Ihre Leidenschaft fürs Tauchen führte zum Buch "Der Schwarm" ...

Schätzing: "Der Schwarm" wäre ohne meine Begeisterung fürs Tauchen und das Meer gar nicht denkbar gewesen. Da unten kam mir dann auch irgendwann die Idee: Was, wenn sich hier vor Millionen von Jahren eine zweite intelligente Rasse entwickelt hätte, und wir haben sie nie wahrgenommen? Da ich mich für Biologie und neuronale Konzepte interessiere, entwickelte ich die Idee weiter: Viele Einzeller müssten es sein, die sich zu einem einzigen mächtigen Wesen zusammenschließen können, also eine Art amorphes Superhirn. So läuft das bei mir eigentlich immer. Ich suche nicht aktiv nach Themen. Bis heute haben die Themen immer mich gefunden.

teleschau: Schaut man sich Ihre Biografie und den Output dazu an, würde ich sagen: Sie sind ein Workaholic. Im Gespräch wirken Sie aber sehr entspannt. Wie sehen Sie sich selbst?

Schätzing: Ein Workaholic ist ein zwanghafter Arbeiter, der deshalb so viel malocht, weil er keinen anderen Inhalt für sein Leben kennt. Insofern bin ich kein Workaholic. Trotzdem arbeite ich gerne sehr viel. Die eigentliche Frage ist: Was verstehen wir unter Arbeit? Als ich noch Werbetexter war, sagte ich: Schriftstellerei ist mein Hobby. Nun habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und verbringe viel Zeit damit. Ist es deswegen plötzlich Arbeit? Ich mache auch gern Musik, darauf verwende ich ebenso viel Zeit, das gilt momentan noch als Hobby. Sollte ich die Musik nun aber kommerziell verwerten, ist das wieder Arbeit. Sagen wir mal so: Ich produziere einfach gern, von morgens bis abends, manchmal auch nachts, und unterhalte mich dabei blendend.

teleschau: Zum Film "Mordshunger" haben Sie auch den Soundtrack geschrieben. Beschreiben Sie doch mal die Karriere des Musikers Frank Schätzing.

Schätzing: Die begann, als ich mich mit 14 Jahren in Suzi Quatro verliebte und beschloss: Du musst jetzt unbedingt Gitarre lernen und selbst Popstar werden, um an die ranzukommen. Später verlor ich das Interesse an Frau Quatro, aber die Liebe zur Musik blieb. Ich spielte in Bands und beschäftige mich mit Komposition. Überhaupt würde ich mich eher als Komponisten denn als Performer sehen. Ich hab die Musik zu den Hörspielen meiner Romane geschrieben, jetzt einen Filmsoundtrack, außerdem jede Menge Songs. Die ich allerdings endlich mal aufnehmen müsste. Möglichst noch in diesem Leben.

teleschau: Welchen Musikstil wird man von Frank Schätzing zu hören bekommen?

Schätzing: Ich hasse Schubladen, aber wenn überhaupt, würde ich mich in die Indie-Ecke sortieren. Ich mag David Bowie, Peter Gabriel, Björk, ganz verschiedene Stile. Moderne Bands, Elektronik, Avantgarde ... eigentlich alles von Strawinsky bis Pink.

teleschau: Singen Sie Deutsch?

Schätzing: Ich hab's nicht so mit deutschsprachigen Songs. Ich singe Englisch und habe im letzten Jahr endlich mal wieder ein bisschen trainiert: Gesangsunterricht genommen und mit einer Band gearbeitet.

teleschau: Wie viele Stunden des Tages produzieren Sie Dinge, und wie viel Zeit verplempern Sie mit Tätigkeiten, die man gemeinhin als Freizeit bezeichnen würde: Fernsehen, Spazierengehen, aus dem Fenster gucken?

Schätzing: Ich würde sagen, so acht bis zehn Stunden produziere ich täglich ...

teleschau: Oh, das ist viel weniger als man denkt!

Schätzing: Ja, man täuscht sich da bei mir. Als ich noch die Agentur hatte und gleichzeitig Bücher wie "Der Schwarm" schrieb, gab es für mich keinen Feierabend und kein Wochenende. Meine Frau und ich haben uns zu selten gesehen, viel zu wenig zusammen unternommen. Heute ist das anders. Wir leben ein sehr geselliges und ansonsten stinknormales Leben.

teleschau: Ihr Buch "Der Schwarm" wird von Hollywood verfilmt, in diesen Tagen soll das Drehbuch von Oscarpreisträger Ted Tally fertig werden. Haben Sie es schon gelesen?

Schätzing: Nein, durch den Streik der Drehbuchautoren in Amerika hat sich alles ein bisschen verzögert. Ich bin natürlich sehr gespannt auf die erste Version. Bis zum endgültigen Drehbuch ist es dann aber noch ein längerer Weg. Ich denke, das wird eines der Themen für den Rest dieses Jahres bei mir sein.

teleschau: Wie groß ist Ihr Einfluss auf das Endprodukt?

Schätzing: Kommt darauf an, welche Art Schriftsteller man ist. Sind Sie der Typ Patrick Süskind, sagen Sie: "Hier habt ihr das Buch, schickt mir den Scheck, Hauptsache, ich muss mir den Film nicht ansehen." Ich sage dagegen: "Der Stoff ist mein Baby, und ich will in den ganzen Prozess involviert sein." So was muss man vorher klären, notfalls vertraglich. In diesem Fall habe ich das Glück, mit Michael Souvignier, dem Produzenten, befreundet zu sein, da ist das persönliche Vertrauensverhältnis ausschlaggebend. Ich bin also guter Dinge, meinen Schwarm auch im fertigen Hollywoodfilm noch wiederzuerkennen.