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Markus Lanz: Lanz und die Relevanz

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Dank "Derrick", sagte Markus Lanz einmal, habe er als gebürtiger Südtiroler Hochdeutsch zu sprechen gelernt. Er ist heute noch stolz darauf, den Theologen und ZDF-Mann Peter Hahne beim "großen Bibel-Test" im Zweiten "abgehängt" zu haben - und er hat die Floskeln des ZDF-Flaggschiff-Kapitäns verinnerlicht ("Es ist ja so' - würde Gottschalk jetzt sagen"). Endlich, so scheint es fast, ist auch er beim ZDF angekommen. Hinter dem Wechsel des langjährigen RTL-Moderators ins öffentlich-rechtliche Fernsehen steckt für den 39-Jährigen auch die "Frage nach der Relevanz". Die stellte er im Hinblick auf TV-Inhalte, aber auch ein bisschen für sich selbst.

"Ich glaube, die Zeit der reinen Bespaßung ist vorbei", konstatiert Lanz angesichts der sich verändernden Medienlandschaft. "Wenn Fernsehen darüber nicht hinausgeht, kann YouTube das auf lange Sicht besser. Das Fernsehen hat eine Menge Arbeit vor sich, sich davon abzugrenzen. Wir müssen zusehen, die Dinge anders zu bewerten." Und der einstmalige Moderator und Redaktionsleiter des Boulevard-Magazins "Explosiv" prognostiziert: "Die nächste Dekade gehört eher dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Man biedert sich nicht mehr an, sondern geht andere, eigene Wege. Was Innovationen angeht, sehe ich die Stärken dort." Lanz wollte weg von Quotendruck und Werbeeinnahmen-Rechenspielen, hatte "große Lust auf einen Systemwechsel".

Nun musste der neue Mainzelmann Vergleichen mit Kerner bis Gottschalk standhalten und sich in einer Wohltätigkeits-Veranstaltung bewähren. Die Geburtstags- und Spenden-Gala für Karlheinz Böhm Mitte April war zwar in der Sache höchst relevant, für einen neuen Moderator aber vielleicht ein eher undankbarer Einstieg. Geradezu nach alter Schule führte Lanz angemessen durch die vielfältigen Schauplätze und Gastauftritte der Sendung. Zwei weitere Benefiz-Shows sollen folgen, wenngleich das Zweite den charmanten Gastgeber nicht als "Geldeintreiber" vom Dienst engagiert haben will. Lanz, Typ einfühlsam-engagierter Zuhörer, der aber auch verblüffend gut Falco imitieren kann, dürfte zwar Schlag bei den Schwiegermüttern haben - aber ebenso bei deren Töchtern. Und die hat das ZDF derzeit wohl eher im Visier ...

Richtig relevant wird's für Lanz am Dienstag, 03. Juni, wenn er sein eigenes, gleichnamiges Talk-Format vorstellt. Mit 22.45 Uhr hat er damit zwar den Sendeplatz von Johannes B. Kerner während dessen Sommerpause inne, und auch die "JBK"-Redaktion ist involviert, aber: "Es ist deutlich weniger Promi-affin. Es gibt sehr viele ganz normale Menschen, die tolle Geschichten jenseits der Polittalks zu erzählen haben." In jeder Sendung soll nur ein Thema diskutiert werden, dafür ausführlich. Für den ehemaligen "Explosiv"-Mann bedeutet das mehr "Freestyle" und "Gehirnakrobatik": "Ich glaube, dieses Dialektische ist etwas, das mir liegt. Das merkte ich, als ich das Buch über Horst Lichter schrieb. Es war ein dermaßen anderes arbeiten als ich das bisher gewohnt war. So möchte ich gerne weitermachen."

Die Zusammenarbeit mit dem ZDF-TV-Koch selbst kann sein Biograf auf anderer Ebene fortsetzen, wenn ab Freitag, 06. Juni, "Kerner kocht" zu "Lanz kocht" wird. "Ich habe keinen Plan vom Kochen", gibt der Neue freimütig zu, "aber Ahnung von Lebensmitteln. Dafür gebe ich auch Geld aus. Autos sind mir nicht so wichtig, eine gute Tomate schon." Lanz hat irgendwie ein Talent, zu eigentlich jedem Thema etwas Relevantes zu sagen. Auch zur Kochshow: "Wie es hier geschafft wurde, aus guten Köchen tatsächlich TV-Stars zu machen und sie sogar zu Entertainern auszubauen, finde ich beeindruckend. Ich glaube, das ist Familienunterhaltung im besten Sinne - auch wenn ich die Befürchtung habe, dass viele Zuschauer zu Hause gar nicht kochen."

Für die Gespräche zum Buch "Und plötzlich guckst du bis zum lieben Gott" zog sich das ungleiche Paar Lichter und Lanz ("Was ich auf dem Kopf habe, hat er im Gesicht", so Letzterer über den schnauzbärtigen Freund) in das Südtiroler Kloster Neustift zurück - für den Autor eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Er besuchte dort das Gymnasium. "Es ist natürlich eine sehr schmerzhafte Situation, wenn man mit elf Jahren aus dem Nest gerissen und in so ein Internat gesteckt wird. Da gibt es sehr viele einsame und auch traurige Momente. Jetzt habe ich meinen Frieden damit gemacht." Weitere Erkenntnis aus der Zeit im Kloster: "Das Reduziertsein auf das Allerwesentlichste - ein Bett und fließendes Wasser - ist eine ganz spannende Erfahrung für Leute wie uns, die so vielen Reizen ausgesetzt sind, dass wir im Grunde ständig auf die eine oder andere Weise unterhalten werden müssen."

Trotz knurrendem Magen lernte Lanz mit der Zeit auch strenge Essenszeiten schätzen: "Am ersten Tag kamen wir fünf Minuten zu spät, da war die Küche kalt. Das empfand ich zuerst als lästig. Aber dann merkte ich, wie gut mir das tat. Es macht einen ruhig, wenn man merkt: Da gibt es eine feste Struktur, die den Takt vorgibt. Davon kann man entsprechend ableiten, wie wichtig es auch für Kinder ist, solche festen Rituale zu haben."

Seinen eigenen, siebenjährigen Sohn Laurin (mit dessen Mutter Birgit Schrowange war Markus Lanz acht Jahre zusammen) nahm er im letzten Jahr erstmals mit auf eine seiner Extremtouren, am liebsten in nordische Gefilde. Da lässt Lanz den Abenteurer raus - und den Fotografen. Jedes Mal wiegt die Fotoausrüstung noch ein wenig schwerer im Gepäck - dafür bringt der Eis-und-Schnee-Freak zum Beispiel beeindruckende Aufnahmen vom Polarlicht in Grönland mit nach Hause. Auch dort hat Lanz es mittlerweile wiederum geschafft, sich mehr und mehr auf das Wesentliche - auch das Relevante genannt - zu konzentrieren: "Man muss sich einfach mal der Tatsache bewusst werden, dass man seinen Hintern nur in ein Auto setzen kann. Dass man nicht 20 Paar Schuhe und 30 Mäntel im Schrank braucht. Ich habe mich in den letzten Jahren immer weiter reduziert und festgestellt, wie befreiend das ist."