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Die politischen Spiele: ARD und ZDF stellen ihre Pläne für die Olympischen Spiele in Peking vor

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Gewarnt wird vor schwarzen Stasi-Limousinen, die routiniert ausländische Reporter verfolgen. Von Informantenschutz ist die Rede und den voraussichtlich 300 Stunden ARD- und ZDF-Bildmaterial, die von chinesischen Sicherheits-Fachkräften auf politische Botschaften hin analysiert werden. Wer der mit Prominenz gespickten Pressekonferenz von ARD und ZDF in Hamburg beiwohnte, gewann den Eindruck, als hätte das deutsche Fernsehen so richtig Lust, endlich mal wieder Olympische Spiele in einem totalitären Staat mitzunehmen. Nach dem Motto: Im Kino war "Das Leben der Anderen" schon ein Riesenerfolg, nun folgt die Reality-Variante mit knisterndem Spitzensport als Dreingabe. Weil diese Spannung kaum zu toppen ist, räumte das ZDF für seine acht Olympia-Tage sein Abendprogramm frei. Die ARD agiert etwas vorsichtiger und sendet die Höhepunkte des aufgrund von sechs Stunden Zeitverschiebung nächtlichen und morgendlichen Spektakels am Nachmittag. Die Olympische Spiele vom 08. bis 24. August in Peking werden von ARD und ZDF nicht nur mit Liveübertragungen umfangreich begleitet.

Wenn Harald Schmidt, Johannes B. Kerner, Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann, Monica Lierhaus und Waldemar Hartmann auf einer Bühne sitzen, dürfte klar sein: ARD und ZDF stellen wieder einmal ihre Pläne für ein gemeinsam gestemmtes sportliches Großereignis vor. Nur Fußball-EM respektive WM und natürlich Olympia schaffen es, so viele prominente TV-Gesichter auf einer Pressebühne zu versammeln.

Zum größten Sportwettbewerb der Welt, dessen Eröffnungsfeier Sandra Maischberger und HR-Sportchef Ralf Scholt am Freitag, 08. August, ab 13.00 Uhr, in der ARD moderieren werden, gesellt sich 2008 eine kaum zu unterschätzende politische Dimension: Mit Argusaugen wird die internationale Reporterschar das Verhalten Chinas in Bezug auf freie Berichterstattung während der 16 Tage von Peking beobachten. Während sich Chinas Staatsführung - wie immer wieder betont - "unpolitische Spiele" wünscht, geben sich die ARD- und ZDF-Journalisten lustvoll kämpferisch.

"Die Diskussion um einen Boykott ist eine theoretische", betont auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender die seit den jüngsten Tibet-Protesten immer wieder diskutierte Variante eines gänzlichen Verzichts auf Olympia. "Wir sind nicht dazu da zu boykottieren, sondern zu berichten." Damit diese Berichte möglichst fundiert ausfallen, schicken sowohl ARD als auch ZDF eine im politischen Journalismus deutlich profiliertere Mannschaft nach Peking als zu vergleichbaren Sportwettbewerben der Vergangenheit. Neben Sandra Maischberger bei der Eröffnungsfeier wird Johannes Hano, Chinakorrespondent des ZDF, gemeinsam mit Béla Réthy die Schlussfeier am Sonntag, 24. August, moderieren. Das augenblicklich etwas in den Hintergrund geratene Thema-Doping - gerade in Bezug auf Chinas "Staatsathleten" ist es hochbrisant - wird in Peking erstmals von einer sechsköpfigen deutschen Sonderredaktion betreut, die Nikolaus Brender ganz unbestechlich "Doping Task Force" nennt.

Sogar Glamour-Reporter wie Reinhold Beckmann haben bereits ihre China-Recherchereise hinter sich. Wobei der Auftrag lautete: Lasse Land, Leute und die besondere Mentalität des umstrittenen olympischen Gastgebers auf dich wirken. "China ist ein faszinierend zwiespältiges Land", berichtet Beckmann von seinen Erfahrungen. "Selbst junge, aufgeklärte Chinesen sind äußerst patriotisch und regen sich enorm auf über die negative Tibet-Berichterstattung im Westen." Stattdessen erzählten sie dem deutschen Reporter vom Minderheitenschutz der chinesischen Regierung: Ethnische Minoritäten seien von der staatlichen Einkindverordnung ausgenommen und erhielten sogar besseren Zugang zu Universitäten. Tatsächlich war Beckmann der einzige Podiumsdiskutant, der die politische Ambivalenz Chinas stärker betonte, als dessen Image des modernen Unrechtstaates par excellence zu pflegen.

Während sich Sandra Maischberger am 20. Mai in einem Gespräch mit dem ausgewiesenen Chinaexperten Helmut Schmidt auf ihre Peking-Mission vorbereitet, schwebt der ARD-Starsatiriker erst einen Tag vor der Eröffnungsfeier ins Reich der Mitte ein. Harald Schmidt, der mit Waldemar Hartmann wieder seine Turin-erprobte Sendung "Waldi und Harry" den ARD-Tagesthemen folgen lassen wird, sieht das Wirken von Staatssicherheit und Zensur in China selbstredend rein positiv: "Man kann immer sagen: Hier im Studio war die Stimmung der Hammer, die Gags müssen unterwegs rausgeschnitten worden sein."

China-erfahrene deutsche Journalisten warnen vor allem vor vielen kleinen Behinderungen in Gestalt endloser behördlicher Genehmigungsverfahren und verstellter Wege zu eventuell kritischen Interviewpartnern. Kaum ein Experte glaubt hingegen an eine tatsächliche Manipulation des Bildmaterials. "Die Chinesen machen die Bilder ja gar nicht", klärt ZDF-Programmchef Olympia 2008, Eberhard Figgemeier, auf. "Das Weltsignal wird von einer Tochterfirma des IOC produziert, an deren Spitze steht ein Spanier."

Etwa 80 Fernsehteams aus der ganzen Welt arbeiten für das BOB ("Beijing Olympic Broadcasting"). So werden voraussichtlich australische Kameraleute und Techniker die Schwimmwettbewerbe in Szene setzen, während die Eröffnungsfeier in finnischen Händen liegt. Die einzige Möglichkeit der Chinesen, das so genannte Weltsignal zu manipulieren, besteht laut Figgemeier in der Möglichkeit "schwarz zu ziehen" - mit anderen Worten, den ausländischen Gästen den Strom abzuschalten.

Weder Figgemeier noch die Sender-Granden Nikolaus Brender und ARD-Programmdirektor Günter Struve können sich einen derartigen Eingriff vorstellen. Für Brender wäre dies der vielleicht einzige Grund, die Berichterstattung - wie im Falle der Tour de France 2007 geschehen - tatsächlich vorzeitig zu beenden. Sollten hingegen bis zur Schlussfeier 300 Sendestunden auf ARD und ZDF plus weitere 600 Stunden auf den Digitalkanälen beider Sendeanstalten den Weg von Peking nach Deutschland gefunden haben, wird man die sportlichen Entscheidungen vor allem nachts, am Morgen und gegen Mittag verfolgen müssen. Medaillen live gibt es von etwa 2.00 Uhr morgens bis zum späten Nachmittag deutscher Zeit.

Monica Lierhaus und Michael Antwerpes werden diesen Live-Marathon für die ARD moderieren, Michael Steinbrecher und Rudi Cerne leisten das fürs ZDF. Da aufgrund der Sendezeit viele Zuschauer die Wettbewerbe nicht live im Fernsehen verfolgen werden können, kommt bei dieser Olympiade der Zusammenfassung und Tages-Aufbereitung eine besonders wichtige Rolle zu: Während das Erste diesen Job von Reinhold Beckmann am Vorabend erledigen lässt ("Olympia Extra" von ca. 17.30 Uhr bis zur Tagesschau um 20.00 Uhr), hieven die Mainzer ihre Olympia-Zusammenfassung selbstbewusst in die Primetime. Johannes B. Kerner und Kathrin Müller-Hohenstein betreuen die Sendung "Olympia Highlights" von 20.15 Uhr bis 21.45 Uhr. Dabei werden sie unter anderem vom chinesischen Star-Pianisten Lang Lang unterstützt.