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Reinhold Beckmann: Ein Gefühl von Liebe

9/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Rumänien - Frankreich. Montag, 09.06., 18.00 Uhr. Die Geburtsstunde eines neuen Expertenpaares schlägt im Ersten. Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl analysieren bei der Fußball-Europameisterschaft (07. bis 29.06.) gemeinsam die Vorrundenpartie der Gruppe C. Weitere Spiele, jeweils die am Vorabend, werden folgen, ehe zur besten Sendezeit wie gewohnt Gerhard Delling und Günter Netzer übernehmen. Vergleiche weist Reinhold Beckmann weit von sich. "Also Mehmet und ich fangen mal langsam an." Im Interview spricht der 52-Jährige über das neue Duo und seine Liebe zum Fußball.

teleschau: Herr Beckmann, das "Netzer & Overath" in München - sagt Ihnen das was?

Reinhold Beckmann: Nein, nie gehört ...

teleschau: Das ist eine Musikkneipe, mit alten Fußballbildern aus den 70-ern an der Wand.

Beckmann: Ah, was für Mehmet Scholl ...

teleschau: Er legt dort ab und an als Discjockey auf. Sie haben sich bei Ihrem ersten Sondierungsgespräch bei ihm daheim in München nur über Musik unterhalten, heißt es ...

Beckmann: Er hat mich von den Sportfreunden Stiller zu überzeugen versucht. Und ich habe versucht, ihm die neue Herbie-Hancock-Platte oder was von Joni Mitchell unterzujubeln. Wir sind da schon ein Stück auseinander, aber Musik lieben wir beide.

teleschau: Wie haben wir uns denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen vorzustellen? Vergleiche mit dem Duo Netzer / Delling werden unausweichlich sein.

Beckmann: Bitte nicht. Wir versuchen es einfach mal auf unsere Art und Weise zu machen. Es sind ja nur drei oder vier Spiele, die wir begleiten. Und dazu wird es eine gemeinsame "Sportschau" aus Wien geben. Also Mehmet und ich fangen mal langsam an. Was daraus wird, werden wir sehen. Erst müssen wir unsere eigene Tonlage finden, genau wie andere Pärchen im Fernsehen vor uns auch. Ich denke, jeder von uns bringt da seine eigenen Vorstellungen mit und das ist gut so.

teleschau: Mehmet Scholl war eine Weile von der Bildfläche verschwunden.

Beckmann: Er hat nach seinem Abschiedsspiel erst einmal eine Pause gebraucht. Einfach auch eine Zeit, um sich über manches klar zu werden.

teleschau: Als Bayern-Spieler hat er in Deutschland eine Ausnahmestellung, weil ...

Beckmann: ... er selbst bei bekennenden Bayern-Hassern immer eine Sympathie-Figur war. Mehmet ist einfach ein ganz besonderer Typ.

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigenen Anfänge im Sport?

Beckmann: Ich kam ja ursprünglich nicht aus dem Sport, sondern rutschte nur durch Zufall da hinein. Anfangs drehte ich Filmbeiträge fürs Fernsehen, und da war so gut wie keiner zum Thema Sport dabei. Bis dann jemand vom WDR kam und mich in den Sport lockte. Ich erinnere mich gut an 1990, da arbeitete ich gerade als Journalist in Italien. Und plötzlich sollte ich auch ein paar Interviews machen. Beckenbauer, damals Trainer, war dabei. Der war völlig echauffiert und explodierte vor dem Mikrofon nach dem zittrigen 1:0-Viertelfinalsieg gegen die Tschechoslowakei. Ich spielte den neugierigen Sportreporter und kam gar nicht mehr zu Wort ...

teleschau: Auf Ihrer Homepage erinnern Sie sich daran, wie Fußball in Ihrer Jugend "zu einem Lebensgefühl" wurde, zu einem "Gefühl von Liebe". War diese Liebe in den knapp 20 Jahren, die Sie jetzt dabei sind, irgendwann einmal in Gefahr?

Beckmann: Aber ja. 1998, als ich nach sieben Jahren "ran" Sat.1 verließ. Es gab damals viele Einflüsse von außen, Ärger mit den Gesellschaftern, die vor allem Gewinne sehen wollten. Wir dagegen hatten den Fußball im Blick. Und wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt viel erreicht. Wir hatten den Spaß am Fußball neu geweckt und die Menschen hatten wieder Lust, ins Stadion zu gehen. Als ich zur ARD wechselte, sagte ich dann ganz bewusst: Lasst mich erst einmal raus aus dem Sport. Ich brauchte eine Pause.

teleschau: War auch der Flop mit der Abendshow "No Sports" 1994 ein Grund dafür?

Beckmann: Nein, überhaupt nicht. Sport ist eine meiner Leidenschaften, aber als Fernsehjournalist reizen mich natürlich auch andere Themen und Formate.

teleschau: Sie haben in Hamburg den Verein NestWerk gegründet, der sportliche Angebote in Hamburgs sozial benachteiligten Stadtteilen initiiert. Der Fußball spielt auch hier eine Rolle ...

Beckmann: Ja, ganz besonders mit dem "Tag der Legenden". Das ist ein Fußballfest am Hamburger Millerntor, bei dem große Stars von gestern noch einmal live auf dem Rasen antreten. Am 7. September findet er zum vierten Mal statt, und jedes Jahr kommen mehr Zuschauer. Jedes Jahr wieder eine tolle Atmosphäre für die Spieler wie für die Gäste, große Erinnerungen, viel Leidenschaft - und das alles, um Geld für eine gute Sache zu sammeln.

teleschau: Sie selbst sind Mitglied beim FC St. Pauli ...

Beckmann: Stimmt, aber auch bei Werder Bremen. The first cut ist nun mal the deepest, das ist auch beim Fußball nicht anders. In der Nähe von Bremen bin ich aufgewachsen, und mein erstes großes Fußballerlebnis hatte ich mit meinem Vater zusammen bei Werder.

teleschau: Wie steht es mit dem Fußball bei Ihrem eigenen Sohn Vincent?

Beckmann: Seine sportlichen Interessen liegen woanders. Okay, er geht schon mal mit mir zu Werder. Aber eigentlich gehört seine Leidenschaft der Musik. Er ist ein guter Schlagzeuger und Fan der Red Hot Chili Peppers.

teleschau: Was erwarten Sie sich von der EM? Die WM in Deutschland glich eher einem internationalen Fest als einer sportlichen Großveranstaltung.

Beckmann: Da haben Sie Recht. Es hat sich grundlegend etwas verändert. Die WM in Deutschland hat gezeigt, wozu Fußball in der Lage ist und wie ein ganzes Land in sympathische Euphorie verfiel. Diese Entwicklung hat allerdings auch zur Folge, dass einem großen Teil des Publikums der fußballerische Sachverstand nicht mehr so wichtig ist. Es geht ihnen in erster Linie um das emotionale Erlebnis - Fußball wird immer mehr zum Teil der Eventkultur. Ich hoffe, dass in den EM-Stadien vor allem viele leidenschaftliche Fans sitzen, und nicht immer mehr Leute, die als Gäste von Firmen und Sponsoren eingeladen wurden.

teleschau: Der Fußball selbst geriet auch 2006 stark in den Hintergrund.

Beckmann: Vielen war es nicht wichtig, welche Qualität auf dem Platz geboten wurde. Aber erinnern Sie sich: Nach der Hinrunde hat kaum noch eine Mannschaft auf Risiko gespielt. Oft stand es 0:0 bis zur 80. Minute. Dann spekulierte man auf Verlängerung und Elfmeterschießen, was oft die wahre Qualität eines Spiels verdeckt. Alle Mannschaften spielten übermäßig kompakt, teilweise nur mit einer Spitze. Aber das wurde wenig thematisiert, weil wir uns alle von der Atmosphäre einfangen ließen. Da habe ich gemerkt, dass auch wir Journalisten uns aus solch einer Blase der Emotionen, die wir selbst erzeugt haben, manchmal schwer befreien können.

teleschau: Wer wird Europameister?

Beckmann: Nun, lassen Sie mich auf den Spielplan schauen. Frankreich hat große Chancen, wenn wir auch keinen außergewöhnlichen Fußball von den Franzosen erwarten können. Italien genauso, aber bei beiden findet man so etwas wie individuelle Genialität. Das macht vielleicht den Unterschied.

teleschau: Machen Sie's kurz: Wer packt's?

Beckmann: Soll ich es verraten? Ach Gott, ich sag's jetzt einfach: Deutschland holt den Titel. Und Michael Ballack wird EM-Star.