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Nein, so cool wie sein Alter Ego Commissario Brunetti ist Schauspieler Uwe Kockisch bei Weitem nicht. Der auf jungenhafte Weise nervös und suchend wirkende 65-Jährige hat sich seine Unsicherheit und Zweifel bis ins reifere Schauspielalter bewahrt. Während des Interviews raucht er fahrig Zigaretten - eine schlechte Angewohnheit, in der er nur während seiner Aufenthalte in Deutschland zurückfällt. Die sind mittlerweile rar gesät, denn der wandlungsfähige Ex-Ostberliner ist mittlerweile ein Vielflieger. Seit zweieinhalb Jahren lebt Kockisch der Liebe wegen in Madrid, bereitet dort seine Rollen vor - wenn er nicht gerade seine jährlichen drei Monate Dauerpräsenz als Commissario Brunetti in Venedig abarbeitet. Venedig und Kockisch - das war jedoch keineswegs eine Liebesbeziehung von Anfang an.teleschau: Seit sechs Jahren spielen Sie Donna Leons Brunetti. Hat sich ihr Verhältnis zur Stadt Venedig in dieser Zeit verändert?
Uwe Kockisch: Auf jeden Fall. Als ich das erste Mal zur Lagune kam, dachte ich: Was ist das hier? Ein Vergnügungspark, ein Freilandmuseum? Ich war tatsächlich zum ersten Mal dort, als es um die Rolle ging. Kostümprobe, Wohnung besorgen und so weiter. Was ich fand, waren orgiastisch schreiende Frauengruppen. Ich will das nicht bewerten, aber das Frequenzspektrum war sehr hoch - vor Vergnügen und Entzücken. Es war nicht mein Ding. Natürlich atmet diese Stadt schneller als jeder andere. Weil sie klein ist und der Durchlauf an Touristen wohl ohne Beispiel. Überall drängelt es. Mein Herzschlag war sofort im Höchstbereich. Es ist nicht New York, aber es hat fast das doppelte Tempo drauf. Von diesem eher erschreckten Moment bis heute hat sich bei mir enorm viel verändert.
teleschau: Erzählen Sie davon...
Kockisch: Ich empfinde heute vor allem Respekt vor der Stadt und den Leuten, die dort leben. Es werden übrigens immer weniger. Die Lebenshaltungskosten sind einfach zu teuer. Alles muss über Wasser transportiert werden, das macht die Dinge für viele unerschwinglich. Die Einwohnerzahl ist mittlerweile auf unter 100.000 gesunken. Die Menschen wohnen auf dem Festland in Mestre oder dem Inselstreifen Lido, sie kommen nur zum Arbeiten rüber. Mein Respekt gebührt den Einheimischen, die diese Stadt am Leben erhalten. Venezianer sind Menschen, die seit unglaublich langer Zeit um ihr Überleben kämpfen und dies bekanntlich auch immer weiter tun müssen.
teleschau: Die Stadt hat sich ihre Würde bei Ihnen also über die Jahre erarbeitet?
Kockisch: Ich vergleiche sie gern mit einer reiferen Dame, die sich je nach Wetter und Laune noch mal in Schale wirft und so fast zur unerreichbaren Schönheit wird. Wenn das Wetter umschlägt, die Gäste weg sind, kann es aber ganz schnell ins Düstere umschlagen. Venedig ist wie eine Diva - sie kann strahlen, sie kann einen aber auch so böse angucken, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.
teleschau: Während der Dreharbeiten leben Sie jedes Jahr drei Monate in Venedig. Im Hotel?
Kockisch: Nein, ich habe eine sehr angenehme Wohnung dort, im einem Palazzo. Aber es geht natürlich auch darum, dass ich fast jeden Tag dran bin und drehen muss. Wenn ich ausfallen würde, wäre das sehr schlecht für die ganze Produktion. Deshalb achte ich und achten andere darauf, dass meine Lebensumstände während dieser drei Monate sehr angenehm sind.
teleschau: Haben Sie während Ihrer venezianischen Zeit auch ein anderes Lebensgefühl? Es heißt ja, dass sich die Stadt ziemlich stark auf die Stimmung legt...
Kockisch: Sicher, das tut sie. Anfangs hatte ich damit zu tun. Ich fühlte mich fast verkleidet, wenn ich abends durch die nebelwabernden Gassen lief. Mittlerweile bin ich viel mehr ich selbst, wenn ich dort bin. Ich kann mein Leben leben, meine Gefühle haben - und die haben nicht unbedingt etwas mit diesem seltsamen Ort zu tun. Trotzdem habe ich natürlich viel gesehen, was sonst nur wenige zu Gesicht bekommen. Während der Dreharbeiten komme ich an die spannendsten Orte dieser Stadt. Orte, die auch den meisten Venezianer verschlossen bleiben.
teleschau: Ihr Kollege Ulrich Tukur lebt ebenfalls in Venedig und ist ein bekennender Fan der Stadt. Kennen Sie ihn, treffen Sie ihn ab und zu auf ein Bier?
Kockisch: Ich kenne ihn natürlich und weiß, dass er dort lebt. Viel mehr kann ich allerdings nicht über ihn erzählen. Vor ein paar Jahren haben wir uns mal zufällig getroffen - das war während der Fußball-WM 2006. Da gab es eine deutsche Enklave, die hat in einem Innenhof gemeinsam ein Spiel verfolgt. Da schauten wir zusammen Fußball.
teleschau: Hat sich auch Ihr Verhältnis zur Rolle des Brunetti über die letzten sechs Jahre verändert?
Kockisch: Auch das. Ich erfahre immer mehr über ihn. Die Figur wird durch die Romane immer reichhaltiger. Was mir als Schauspieler das Problem beschert, diese Reichhaltigkeit im Film auszudrücken, obwohl der Raum dafür nicht breiter wird. Das ist natürlich immer das Problem mit Literaturverfilmungen - vor allem, wenn es um Bücherreihen geht. Beim aktuellen Film ("Donna Leon: Wie durch ein dunkles Glas", Do. 22.10., 20.15 Uhr, ARD, Anm. d. Red.), finde ich, steht der private Mensch eher im Hintergrund.
teleschau: Sie sind ein sehr selbstkritischer Schauspieler?
Kockisch: Kann man wohl sagen. Ich analysiere Szene für Szene und finde fast immer etwas, das mir nicht gefällt. Natürlich sehe ich Unterschiede, manchmal bin ich ganz zufrieden. Manchmal ist das, was ich sehe, zum Davonlaufen. Doch wenn alles immer gut wäre, würde ich wahrscheinlich aufhören.
teleschau: Letztes Jahr haben Sie im mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dominik-Graf-Film "Eine Stadt wird erpresst" ebenfalls einen Kommissar gespielt. Der war das komplette Gegenteil von Brunetti: kaputt, schmutzig, verzweifelt. Der Laie würde annehmen, die eine Rolle ist schwer, die andere leicht. Wie ist es wirklich?
Kockisch: Jede Rolle ist vor allem anders. Kommissar Kalinke in "Eine Stadt wird erpresst" war natürlich eine Fundgrube an Biografie und Reichhaltigkeit. Klar verletzt, am Rande des Absturzes. Da konnte ich antreten, um Kalinke zu retten. Nach dem Motto: Du, ich mag den Typen, aber wir müssen was finden, sonst macht er's nicht mehr lange. Kein Arsch würde den angucken, wenn Brunetti danebenstehen würde. Da rennen sie alle rüber zu dem Typen mit der Sonnenbrille. Und doch ist auch der Brunetti ganz schwer zu spielen. Weil man immer nur einen kleinen Ausschnitt von dieser ebenfalls reichhaltigen Romanfigur sieht. Trotzdem muss ich in diesem Ausschnitt Präsenz zeigen.
teleschau: Seit zwei Jahren wohnen Sie wegen Ihrer Lebensgefährtin in Madrid. Unabhängig von der Liebe - wie fällt ihr Vergleich aus zwischen Venedig und Madrid?
Kockisch: Da bin ich sehr entschieden für Madrid. Madrid bevorzuge ich ohnehin allen anderen Städten gegenüber. Ich finde es besser als Paris, Berlin und Venedig. Zunächst mal das Klima. Das ist eine trockene Hitze, da kann man sich selbst bei 40 Grad sauwohl fühlen. Und Madrid ist eine in jeder Hinsicht großzügige Stadt - da sieht man sofort: Hier war mal die Zentrale von einem Weltreich. Trotz dieser Pracht und Großzügigkeit sind die Menschen aber freundlich und unglaublich gelassen. Viel gelassener als die Italiener übrigens. Manche Menschen glauben ja, die Spanier wären ein bisschen zu cool. Aber wenn man die Madrilenen kennt wie ich, weiß man: Nee, die sind nicht cool, die sind nur unglaublich gelassen.
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