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(tsch) Sie ist eine Kreativ-Nomadin. Seit dem Ende ihrer eigenen MTV-Show 2006 streift Sarah Kuttner durch die Medienlandschaft, moderiert mal hier, mal da - demnächst auch wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ab 6. Juli ist die 29-Jährige drei Sonntage lang für das Format "Kuttners Kleinanzeigen" (23.30 Uhr) in Deutschland unterwegs, um "Geschichten hinterm Kleingedruckten" auf den Grund zu gehen. Warum sie sich allerdings nicht zur Rettung der vergreisten ARD berufen fühlt und jemand ein Katzenklo, einen Gartentisch und Kinderklamotten unbedingt gegen Kaffee tauschen wollte, verrät sie im Interview. Oder auch nicht ...teleschau: Wann haben Sie das letzte Mal eine Kleinanzeige aufgegeben, Frau Kuttner?
Sarah Kuttner: Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Kleinanzeige aufgegeben ...
teleschau: Und auf eine geantwortet?
Sarah Kuttner: Auch das nicht. Alles, was ich brauche, hole ich mir aus dem Laden oder ersteigere es bei eBay. Bis zur Sendung habe ich in Zeitungen allenfalls die lustigen Kontaktanzeigen gelesen ...
teleschau: Die ARD-Anzeige für Ihr neues Format könnte lauten: "Biete freches Format, suche junge Zielgruppe" - kann das um diese späte Uhrzeit klappen?
Sarah Kuttner: Das weiß ich nicht. Es ist aber auch ehrlich gesagt nicht mein Problem. Der SWR erteilte mir für diese Sendung den Auftrag. Dass sie nun im Ersten läuft, freut mich zwar, aber ich sehe mich jetzt auch nicht in der Verpflichtung, die ARD zu retten. Und was die Zeit betrifft: Ich habe das Gefühl, dass Menschen wie ich tendenziell später einschalten und ich eher ein 23.30-Uhr- als ein Primetime-Mädchen bin. Letzlich ist es mir aber wirklich egal, wann und wo das läuft. Ich habe gearbeitet. Ich wurde bezahlt. Ich bin glücklich.
teleschau: War "Kuttners Kleinanzeigen" auch Kuttners Idee?
Sarah Kuttner: Nein, die hatte der SWR. Es gab eine ähnlich gestrickte Dokumentation, in der ein Autor durch Deutschland fuhr und nach interessanten Geschichten hinter Annoncen Ausschau hielt. Der SWR wollte das Thema jedoch prominenter aufgreifen - mit jemandem, der vor der Kamera eine stärkere Ich-Rolle einnimmt. Die verantwortliche Redaktion rief mich an, schickte mir die ursprüngliche Doku, die ich toll fand - und ich sagte zu.
teleschau: Wie viele Kleinanzeigen mussten Sie und Ihre Redaktion durchforsten, um etwa auf einen Bestatter aus Berlin zu stoßen, der sich von seiner Leichenwagensammlung trennen will, weil er sich nun mehr dem Leben zuwenden möchte?
Sarah Kuttner: Viele. Sehr viele. Wir werden pro Woche mit rund 30 Zeitungen beliefert, die von vorne bis hinten mit Kleinanzeigen vollgedruckt sind. Und aus diesen gefühlt zehn Milliarden Inseraten kommen vielleicht zwei Geschichten heraus. Und dann muss man auch bangen, ob derjenige, der die Annonce aufgegeben hat, überhaupt mit uns drehen will. Eine echte Sisyphusarbeit!
teleschau. Wie waren die Reaktionen der meisten Leute, deren Geschichte Sie ins Fernsehen bringen wollten?
Sarah Kuttner: Den Erstkontakt nahm zum Glück immer jemand aus der Redaktion auf, der vielleicht etwas geschickter mit Menschen ist, als ich es bin. Aber die meisten fanden es durchaus okay, wenn wir sie filmten. Manche Anzeigen waren ein bisschen zwiespältig oder nicht sonderlich seriös. Die sagten dann meist auch schnell ab.
teleschau: Wo haben Sie Grenzen gezogen? Bei offensichtlich Illegalem?
Sarah Kuttner: Och, illegal wäre auch toll gewesen (lacht). Anfangs kommt man schnell durcheinander, wenn man sich durch Tausende von Anzeigen wühlt. Man verdenkt sich regelrecht, wenn man sich zu viel damit beschäftigt. Deshalb schlug ich vor, jene Annoncen zu nehmen, bei denen man gleich nach dem Lesen die Augenbrauen hebt und sich die Frage stellt: Warum macht der das?
teleschau: Ein Beispiel bitte!
Sarah Kuttner: Wir hatten einen Fall, in dem jemand drei Inserate aufgegeben hatte: "Tausche Katzenklo gegen Kaffee", "Tausche Gartentisch gegen Kaffee" und "Tausche Kinderklamotten gegen Kaffee" ...
teleschau Ein Koffein-Junkie?
Sarah Kuttner: Ich hatte es anfangs sogar andersherum verstanden. Ich dachte, der sitzt auf einem Berg von Kaffee und will den nun gegen alles Mögliche eintauschen. Bei unseren Recherchen stellte sich schließlich heraus, dass der Kerl erst 17 ist und eigentlich Kaffee gar nicht sonderlich mag, er aber ... Ach, ich will nicht zu viel verraten. Sonst schaltet niemand mehr ein. Und das wäre schade. Denn ich mag das Format - und ich sage das wirklich selten von Sachen, die ich mache, weil ich furchtbar pingelig bin.
teleschau: Momentan sind nur drei Folgen geplant - können Sie sich vorstellen, bei entsprechendem Erfolg eiligst nachzulegen? Die Vorlagen kommen schließlich jede Woche frei Haus ...
Sarah Kuttner: Vorstellen könnte ich es mir schon, aber die Sendung ist ziemlich reiseintensiv - was schlecht ist, weil ich eigentlich ein reisefauler Mensch bin. Aber so ein bisschen könnte ich wohl noch. Irgendwann sind das Thema und die Faszination aber auch durch.
teleschau: Ihre liebste Annonce ...
Sarah Kuttner: ... stammt wohl von einer Frau, die jemanden suchte, der die Haare ihres Hundes zu einem Pullover spinnen kann.
teleschau: Stricken Sie gerade an neuen Projekten - außer einer zweiten Staffel von "Slamtour mit Kuttner" (Sat.1 Comedy, Anm. d. R.)?
Sarah Kuttner: Alleine die ist schon umfangreich genug. Außerdem teste ich gerade eine kleine Geschichte für MTV, über die es allerdings noch nicht viel zu erzählen gibt. Ich will erst einen Piloten produzieren. Vorher groß drüber zu sprechen, bringt Unglück ...
teleschau: Abergläubisch?
Sarah Kuttner: Immer, wenn's passt (lacht). Ansonsten bin ich momentan - der Klassiker - für vieles im Gespräch ...
teleschau: War das Aus Ihrer Sendung bei MTV ein bitterer Rückschlag?
Sarah Kuttner: Es war emotional sehr schwierig, weil an mir auch das Schicksal meiner Redaktion geknüpft war. Diese war damals wie eine Familie für mich. Und auch die Tatsache, dass diese Show mein geliebtes Baby war, hat die Sache nicht leichter gemacht. Aber karriere-technisch hat mich das nicht aus der Bahn geworfen.
teleschau: Gab es böses Blut zwischen Ihnen und MTV?
Sarah Kuttner: Der Sender wollte ja, dass ich weiter für ihn arbeite. Aber das wollte ich nicht. Ich dachte mir trotzig: "Ihr habt mir jetzt mein Heiligstes weggenommen, deshalb sollt ihr auch nicht weiter meinen Namen benutzen dürfen." Verletzter Stolz, wenn man so will. Aber der Rauch ist mittlerweile verflogen.
teleschau: Seitdem arbeiten Sie mal hier, mal da. Stört Sie die daraus resultierende Unsicherheit im Leben? Oder genießen Sie die Freiheit?
Sarah Kuttner: Ich war ein braves Mädchen und habe all mein Geld gespart. Ich könnte also auch ohne Weiteres eine längere Zeit ohne Arbeit leben. Aber die Abwechslung, die sich aus der Situation gibt, und das Konzeptionieren neuer Formate macht mir ungeheuer Spaß. Unsicher fühle ich mich nicht.
teleschau: Sind Sie deshalb so blendend gelaunt?
Sarah Kuttner: Ich bin immer relativ gut gelaunt. Oh Gott, was hat man Ihnen denn von mir erzählt? "Pass bloß mit der Kuttner auf, die wird wahrscheinlich superkrass-schlecht drauf und Arschloch sein, oder was?"