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Ulrich Reinthaller: Philosoph aus Leidenschaft

14/03/2008 0:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Wer geneigt ist, Ulrich Reinthaller aufgrund seiner Fernsehrollen einen Stempel aufzudrücken, der irrt gewaltig. Er ist keineswegs einer jener oberflächlichen TV-Schönlinge, die zuhauf auf den Bildschirmen zu sehen sind. Vielmehr verbirgt sich hinter dem adretten Lächeln und dem kecken Blick eine Philosophennatur mit Tiefgang. Die meisten Zuschauer erinnern sich an Ulrich Reinthaller als charismatischen und couragierten Fernseharzt, dem das Wohl seiner Patienten über alles geht. Als Dr. Markus Kampmann behandelte er von 1993 bis 1998 in der Sat.1-Serie "Hallo, Onkel Doc" große und kleine Wehwehchen. Nun schlüpft er am Ostersonntag, 23. März, um 20.15 Uhr in der ARD bereits zum dritten Mal in die Rolle des Dr. Max Benninger: "Der Arzt vom Wörthersee - Ein Wink des Himmels". Der weiße Kittel scheint ihm auf den Leib geschneidert zu sein. Vielleicht liegt das an seiner in sich ruhenden Art, der Gelassenheit, mit der er in die Welt schaut. Kein Zweifel: Er hat seinen Platz im Leben gefunden

Mit seinem charmanten Wiener Dialekt fügt sich der 43-Jährige perfekt in die idyllische Kulisse des Wörthersees ein, den er selbst "die Karibik von Österreich" nennt. Den Erfolg der Heimatfilmreihe erklärt sich Ulrich Reinthaller so: "In einer Welt, in der das Zuhause gar nicht mehr klar umrissen werden kann, ist der Wunsch nach Heimat groß. Es gibt so etwas wie ein Zuhausegefühl." Das müsse keineswegs mit einer Stadt oder einem Land zusammenhängen, erklärt er. "In einem größeren Sinne ist das, was wir unter Heimat verstehen, ein Ankommen, ein 'da sein'."

Schon klar: Die heile Welt der Filme entspricht nicht der Realität. Das weiß Reinthaller. Aber: "Oft ist das wirkliche Leben von Langeweile geprägt. Wenn man eins zu eins den Dorfalltag in Maria Wörth filmen würde, wer würde dann einschalten? Der Film zeigt ein konzentriertes Leben, bei dem die seichten Stellen ausgeblendet werden." Die Filmliebe zwischen Max Benninger und seiner Susanne, gespielt von Lara Joy Körner, kann nichts erschüttern. Auf die Frage, ob er selbst noch an die große Liebe glaubt, entgegnet Ulrich Reinthaller, der nach 18 gemeinsamen Jahren von der Schauspielerin Regina Fritsch geschieden wurde: "Ich möchte den Begriff weiter fassen. Ich glaube an die Kraft der Liebe, die eigentlich in allen Dingen enthalten ist, nicht nur in der Liebe zwischen Mann und Frau."

Eines wird schnell klar: Der Schauspieler entspricht so gar nicht dem Bild des seichten Beaus. Neben seinen Rollen im Unterhaltungsfernsehen - beispielsweise war er an der Seite von Senta Berger in "Probieren Sie's mit einem Jüngeren" oder neben Ottfried Fischer in der Reihe "Der Bestseller - Wiener Blut" zu sehen - hält er "Rezitations- und Leseaufführungen" zu Rainer Maria Rilke und spielt die "Duineser Elegien" frei als philosophisches Selbstgespräch. "Ich sehe eine höchst positive Spannung darin, weil ich über die extreme Wellenlänge dessen, was viele als leichte Unterhaltung bezeichnen und dessen, was andere Hochkultur nennen, agiere. Das ist meine Erfüllung, meine Inspiration." So konnte der Absolvent des Max-Reinhardt-Seminars in Wien, der seine Karriere mit zahlreichen Theaterengagements begann, bald auch die Anerkennung jener Leute gewinnen, die ihn wegen seiner Filmprojekte in eine Schublade gesteckt hatten.

Der Schauspieler setzt sich leidenschaftlich gern mit Philosophie auseinander, unternimmt gedankliche Grenzgänge. "Angefangen hat es in meiner Kindheit. Ich konnte oft Dinge wahrnehmen, Farben und Gestalten, die anderen verborgen geblieben sind." Genau diese Art von Grenzerfahrung ist es auch, die ihn an Rainer Maria Rilke - "einer der größten Mystiker des vergangenen Jahrhunderts" - so fasziniert. "Die Mystik beschäftigt sich mit Inhalten, die eigentlich nicht auszusprechen sind. Wir glauben, alles könne mit Intellekt und Ratio erfasst werden. Aber es gibt Dinge, die nicht auf den Punkt ausgedrückt werden können, weil sie die Polarität zwischen hell und dunkel überschreiten."

Vielleicht reiht sich Ulrich Reinthaller demnächst sogar selbst in die Reihe der Literaten ein. Er pilgerte bereits zwei Mal auf dem Jakobsweg und wurde zuletzt dabei von einem ORF-Kamerateam begleitet - nicht nur auf einer Reise nach Santiago, sondern vor allem zu sich selbst. "Die Erfahrung mit dem Jakobsweg hat mich gelehrt, dass ich über mich hinauswachsen kann, indem ich Dinge auslasse, indem ich Konflikte über ein Zurücktreten bewältige." Die Resonanz des Publikums zu der Dokumentation war so überwältigend, dass dem Wiener sogar angeboten wurde, ein Buch darüber zu schreiben. Besonnen, wie er ist, will er aber nichts überstürzen. "Es wird sicher nicht das siebzehnte Buch über den Jakobsweg, sondern etwas sehr Philosophisches und Persönliches, wobei ich mich frage: Schaffe ich es, das in der Form herauszubringen, die ich vor mir sehe, oder wird das noch ein paar Jahre auf sich warten lassen?"

Ulrich Reinthaller ist ein gläubiger Mensch, doch das auf eine sehr offene Weise. "Meine Konfession ist eher die Bekenntnis zu dem, was ich noch nicht weiß. Zu einer Öffnung, zu der ich mich hinbewege, zu einem Rand, von dem ich neue Täler sehe, von denen ich jetzt noch nicht berichten kann." Diese Perspektive auf eine höhere Ebene gebe ihm Kraft. "Damit meine ich nicht ein 'danach'. Die Zeit wird ja anscheinend irgendwann aufhören, meint ja die Quantenphysik. Es ist also kein Leben danach, vielleicht ist es eins davor", sagt er schmunzelnd. Man merkt: Dieser Mann hat sich Gedanken gemacht. Über Religion, über die Wissenschaft und über das Leben. Er steht voll und ganz hinter dem, was er tut - sei es "Der Arzt vom Wörthersee" oder die spirituelle Selbsterforschung auf dem Jakobsweg.