Ausstrahlung am 24.08.2009 um 21:00 Uhr auf ARDIm Jahr 1848 gelang es dem ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis, die Sterblichkeitsrate junger Mütter in einem Wiener Hospital von rund 12 auf 1,3 Prozent zu senken. Seine Methode: Er wies behandelnde Ärzte an, sich vor den Untersuchungen die Hände zu desinfizieren. Mehr als 150 Jahre ist diese hygienische Errungenschaft alt und Semmelweis ein anerkannter Pionier. Doch wer glaubt, dass in deutschen Krankenhäusern seither in Sachen Hygiene die Dinge zum Besten stehen, sieht sich böse getäuscht. Das führt Meike Hemschemeiers Bestandsaufnahme "Killerbrut" in aller Deutlichkeit vor Augen. Die WDR-Dokumentation begibt sich gemäß Untertitel auf die unsichtbaren Spuren einer "verschwiegenen Katastrophe". Das Schockierendste: Sie wäre ganz einfach vermeidbar.
Im September 2003 eskaliert in den Unikliniken Münster eine Problemlage, die in deutschen Krankenhäusern nahezu flächendeckend ignoriert wird. Die Intensivstation muss vorübergehend geschlossen werden. Der Grund: Mehrere Patienten sind mit hochgefährlichen Bakterien infiziert, sämtliche medizinische Geräte kontaminiert, zehn Mitarbeiter tragen die Keime durchs Krankenhaus. Ein skandalöser Einzelfall? Mitnichten. Jeder zehnte bis 20. Patient wird laut WDR-Recherchen eben dort mit Keimen infiziert, wo Gesundheit doch eigentlich alles ist: in deutschen Krankenhäusern. 40.000 Patienten sterben jährlich an den Folgen, viel mehr als es Verkehrs- oder AIDS-Tote gibt - ohne dass eine breite Öffentlichkeit Notiz nähme.
Warum das so ist, begreifen weder Dr. Burkhard Kirchhoff, Anwalt für Arzthaftungsrecht, in dessen Kanzlei sich die Akten türmen, noch Dr. Klaus-Dieter Zastrow von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Denn geeignete Gegenmaßnahmen, so Zastrow vor der Kamera, seien das Einfachste der Welt. Wie das Beispiel Niederlande zeigt, wo jeder, der in den zurückliegenden sechs Monaten in einem deutschen Krankenhaus behandelt wurde, als Hochrisikopatient gilt und in Quarantäne genommen wird. Dort kennt man den deutschen Schlendrian - vor allem aber wirksame Gegenmaßnahmen: Die Niederländer testen jeden neu Eingewiesenen auf mögliche Keime und verhindern so ihre Verbreitung.
Ganz anders in Deutschland, wo Anwalt Kirchhoff ein "Kartell des Schweigens" beklagt. Hier grassieren demnach die Krankheitserreger ungehindert, weil vorhandene Hygienebestimmungen schlicht nicht eingehalten werden. Und mehr noch: Antibiotika werden überdies falsch verschrieben, die Keime entwickeln Resistenzen. Wer mit solchen MRSA-Bakterien infiziert wurde, ist in vielen Fällen nicht mehr zu retten. So im Fall eines verstorbenen Krebspatienten, dessen Schicksal exemplarisch aufgerollt wird. Oder wie im Fall einer Köchin, die bislang 39 Operationen am Bein über sich ergehen lassen musste, weil ihr einmal eine verunreinigte Schraube eingesetzt wurde. Der Leidensweg wäre wohl erst dann zu beenden, wenn sie sich für mehr Lebensqualität und gegen das chronisch schmerzende Bein entscheidet.
Die Bundespolitik glaubt, alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben, schiebt die Verantwortung auf die Länder. Und die Gesundheitsämter? Sind zwischen Personalkürzungen, Imbissbuden- und Schwimmbad-Kontrollen hoffnungslos überlastet. Dabei sind die knappen Finanzen dieses eine Mal gar kein Argument. In Münster, wo man die richtigen Lehren aus der Hygienekatastrophe gezogen hat, rechnet man dies exemplarisch vor: Durch die Vermeidung von Folgekosten spart das Universitätsklinikum jährlich rund eine Million Euro ein.
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