Als Shirley MacLaine 1984 ihre Dankesrede zur Oscar-Verleihung hielt, hätte sie es machen können wie viele andere auch: sich artig und demütig für die Würdigung ihrer darstellerischen Leistung in "Zeit der Zärtlichkeit" bedanken. Bloß zu ihr gepasst hätte das eher nicht. "Na endlich, ich hab's mir auch wirklich verdient!", rief sie stattdessen aus, was nicht nur der Sache nach korrekt ist, sondern auch den Charakter der Schauspielerin treffend wiedergibt. Shirley MacLaine verkörperte wie kaum ein zweiter weiblicher Hollywoodstar ihrer Zeit den Übergang von der klassisch-femininen Filmdiva zum selbstbewussten, burschikosen Frauentypus der 60er-Jahre. Am 24. April feiert die Frau, die einmal "Das Mädchen Irma la Douce" war, ihren 75. Geburtstag.Glaubt man MacLaines Aussagen, die sie 2005 anlässlich des Kinostarts von "In den Schuhen meiner Schwester" tätigte, dann bringt das Altern aus ihrer Sicht nur Vorteile mit sich. "Abgesehen von ein paar Zipperlein genieße ich es. Ich bin freundlicher, geduldiger und verständnisvoller, als ich es jemals war. Ich habe meinen inneren Frieden gefunden." Ob der innere Frieden Folge einer esoterischen Sinnsuche ist, die MacLaine zwischenzeitlich recht exzessiv betrieb, sei einmal dahingestellt. Die Meditationsratgeber, die Rede von Geisterbesuchen und UFO-Sichtungen kann man getrost unter Schrullen einer liebenswerten, leicht störrischen älteren Dame abhaken, deren Karrieredaten eh für sich sprechen.
Fleiß, Talent und eine gewisse Kompromisslosigkeit sind die Tugenden, denen die ehrgeizige MacLaine ihre Laufbahn zu weiten Teilen verdankt. 1952 zog es Shirley MacLean Beaty, so ihr bürgerlicher Name, als Revuetänzerin nach New York, wo sie die Bekanntschaft ihres späteren Ehemanns machte, des Regisseurs und Produzenten Steve Parker. Im Alter von drei Jahren hatte sie im heimischen Richmond, Virginia, mit Ballettstunden begonnen. Eine orthopädische Maßnahme, aber wohl auch ein früher Fingerzeig in Richtung Glamour und Showgeschäft. Die Neigungen und Interessen der Familie zu opfern, wie es ihr die Eltern vorlebten, kam für sie jedenfalls nie in Frage. Genauso wenig wie für ihren jüngeren Bruder, dem unter dem Namen Warren Beatty eine kaum weniger schillernde Hollywoodlaufbahn glückte.
Shirley MacLaine wurde erstmals 1955 in Alfred Hitchcocks "Immer Ärger mit Harry" für einen Kinofilm besetzt. Die Komödie mag einer der untypischsten und am meisten unterschätzten Hitchcock-Filme sein. Für die weibliche Hauptdarstellerin bedeutete sie den Durchbruch. Mit "Der Agentenschreck" - ihrer nächsten Komödienrolle - schloss sie sich noch im gleichen Jahr dem "Rat Pack" um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. an. Am vielleicht trefflichsten brachte jedoch Billy Wilder ihr naiv-verspieltes und dezent frivoles Image auf die Leinwand: im wundervollen "Das Appartement" (1960) und in der liebevoll überzeichneten Paris-Hommage "Das Mädchen Irma la Douce" (1962) - jeweils an der Seite von Jack Lemmon.
Deutlich skandalträchtiger und inhaltlich schwerer war 1961 William Wylers "Infam". MacLaine spielt hier eine Lehrerin, die sich nach Bekanntwerden einer vermeintlichen lesbischen Liaison das Leben nimmt. Mit dem Beginn der 70er-Jahre wurden die Engagements sporadischer. Die zuvor viel gebuchte Schauspielerin öffnete in dieser Zeit ihren Horizont, unterstützte die demokratische Linke und engagierte sich gegen den Vietnamkrieg. Das Jahr 1974 verbrachte sie fast vollständig auf einer China-Reise. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie im Folgejahr zu einem Buch ("You Can Get There From Here") und einem oscarnominierten Dokumentarfilm ("The Other Half Of The Sky: A China Memoir").
Mit ihrem Privatleben vertrugen sich die zahlreichen Engagements und außerberuflichen Aktivitäten allerdings immer schlechter. 1982, also nur zwei Jahre, bevor MacLaine nach fünf erfolglosen Nominierungen den heiß ersehnten Oscar erhielt, reichten sie und Steve Parker die Scheidung ein. Aus knapp 30 gemeinsamen Ehejahren ging eine Tochter hervor, die als Sachi Parker selbst Schauspielerin wurde.
Auch wenn Shirley MacLaine nie ganz von der Bildfläche verschwand, brachte das Jahr 2005 so etwas wie ein gefühltes Comeback. In der Fantasy-Komödie "Verliebt in eine Hexe" und vor allem in Curtis Hansons lebensphilosophischer Romanze "In den Schuhen meiner Schwester" glänzte das gereifte Mädchen als würdevolle Autorität. Von den amourösen Turbulenzen, die sie in jungen Jahren dem Vernehmen nach ausgiebig auskostete, fühlte sie sich da schon Lichtjahre entfernt. "Je mehr ich von Männern weiß", gab sie in jenem Jahr zu Protokoll, "desto mehr liebe ich meinen Hund."
Dass das Publikum immer noch ihre Filme liebt, untermauert das Erste mit einer Reihe anlässlich ihres Ehrentags. Am Mittwoch, 22. April, 00.50 Uhr, beginnt die Retrospektive mit "Das Mädchen Irma la Douce", gefolgt von Hitchcocks "Immer Ärger mit Harry" am Montag, 27. April, um 01.20 Uhr. Weitere Beiträge der Reihe: "Verdammt sind sie alle" (1958), am Dienstag, 28. April, um 00.35 Uhr, "Madame Sousatzka" (1988) am Mittwoch, 29. April, um 00.50 Uhr, "In Colorado ist der Teufel los" (1958) am Dienstag 5. Mai, um 00.35 Uhr, und abschließend "Am Wendepunkt" (1976) am Mittwoch, 6. Mai, um 01.35 Uhr.
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