teleschau - der Mediendienst GmbH

Anatole Taubman: "Wie ein Joghurt ..."

16/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Beinahe wäre er "implodiert" - so sagte es der Schweizer Anatole Taubman einer großen Boulevardzeitung, als er erfuhr, dass er einer der Bösewichte im neuen James-Bond-Film "Quantum of Solace" (etwa: "Ein wenig Trost") werden solle, "da es unerwartet kam". Er ein Gegenspieler des großen 007, des Top-Agenten Ihrer Majestät! - Im Gespräch macht Taubman die Sache gleich ein wenig kleiner, rückt sie zurecht: "Ich bin der Kleinere von zwei französischen Bösewichten", sagt er, "zusammen mit Mathieu Almaric" spiele ich ein Gangsterpärchen, wir sind Cousins - er ist der Wichtige, ich bin der etwas durchgebrannte Größenwahnsinnige. Wir spielen uns als eine Art 'Odd Couple' wie Walter Matthau und Jack Lemmon die Bälle zu."

Na schön - drunter geht's wohl nicht? - Doch, geht: Ab Donnerstag, 8. Mai, ist Taubman beispielsweise in der neuen "Pater Castelli"-Reihe im ZDF zu sehen, in einem geistlichen Krimi, in dem Francis Fulton-Smith als "Sonderbeauftragter des Papstes" in allerlei mysteriösen (und ein wenig hanebüchenen) Fällen ermittelt. Taubman gibt dort mit viel Lust auf Verkleidung - Schiebermütze, Dreitagebart, Lupe auf der Stirn - den viel wissenden Forensiker und Gerichtsmediziner, der vom Rande her den Ermittlungen auf die Sprünge hilft.

Wer glaubt, der in Zürich geborene, in Berlin lebende Schauspieler würde eine Rolle wie diese verstecken, geht ziemlich fehl. Im Gegenteil: Taubman schwärmt von den Dreharbeiten in höchsten Tönen, überschlägt sich im Lobe des Partners Fulton-Smith. Begeistert berichtet er etwa von jener Szene, in der er Fulton-Smith eine Taschenlampe zuwerfen musste. "Der fing sie mit einer Hand - und wirbelte sie durch die Luft, weil ich sie ihm leider falsch rum zugeworfen hatte!" Eine Actionszene, als wäre sie von Bond.

Mehr als 50 Filme hat der am 23. Dezember 1971 als Sohn eines aus Königsberg stammenden deutsch-jüdischen Vaters (die Mutter ist Wienerin) gedreht. Taubman spricht vier Sprachen, Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Nimmt man das Schwyzerdütsch noch hinzu werden es bereits fünf - eine leichte Dialektfärbung mit einem etwas krachenden Zäpfchen-"r" macht Taubmans Aussprache jedenfalls charmant. Längst hat er sich zu einem der gefragtesten Schweizer Schauspieler im Ausland gemausert. Er werde, so sagt er, nie "als Engländer", als "Deutscher" oder "Franzose" engagiert, sondern als Europäer. Der Mann mit einem britischen und einem Schweizer Pass zieht einen etwas kuriosen Vergleich: Es sei so wie mit dem Joghurt bei ihm - das werde als Marke ja auch in verschiedenen europäischen Ländern gekauft.

Taubman hat die bei Schweizern mitunter anzutreffende Gabe, ohne merkliche Anstrengung humorvoll zu sein, sozusagen naturgegeben. Man gewinnt bei dem hochgewachsenen 1,84-Meter-Mann, dessen Geheimratsecken bedrohlich nach oben wachsen (und ihm so einen leicht diabolischen Ausdruck verleihen) zweifellos die Erkenntnis, dass ihm die Welt gefällt.

Das war vielleicht nicht immer so: Die Eltern, mit denen er aus England früh - mit fünf Jahren - in die Schweiz umgezogen war, trennten sich 1976. Der Vater starb 1981. Martin Hugo Taubmann war vor dem Krieg bei den Berliner Philharmonikern Geiger, er floh 1934 ins Londoner Exil, diente dort beim Militär unter General Montgomery und kämpfte gegen Rommel und die Deutschen. Nach dem Krieg wurde er Musikmanager, Impresario in London und Wien, danach in der Schweiz.

Wie beim Vater, so gehört auch beim Sohn dem Fußball (fast) die ganze Liebe. Spricht man Taubman auf allfällige Actionszenen im Bond-Film an ("ob denn ...?"), dann wird man erstens mit einer englischen Schimpfkanonade überzogen ("Buddy, I tell you ..!") und zweitens mit den Geheimnissen des Taubmanschen Fußball-Kosmos konfrontiert. Taubman ist Manchester-United-Fan. Als Kind war er schon im Old Trafford Stadium mit dem Vater, die Fahne von damals hat er immer noch. 15 Traditionstrikots nennt er sein Eigen. Und den Vereinsspruch des Tages - heute vom Wunderstürmer und Familienvater Paul Scholes - liest er täglich brav vom United-Kalenderblatt .

Er selbst spielte in der C-Jugend (bis 14) bei Grasshoppers Zürich, wo er nach anderen Quellen gar die Schweizer Meisterschaft gewann. Noch immer ist Taubman vom Fußballspielen gewaltig infiziert. Bei den sechswöchigen Bond-Dreharbeiten in Panama spielte die Auswahl des "FC Bond", aus der 350-köpfigen Crew rekrutiert, dreimal sonntags gegen eine nicht unzimperliche Mannschaft der panamesischen Security. Taubman ist beim Freizeitclub mittlerweile "vom Maskottchen zum Präsidenten aufgestiegen", wie er sagt, da er zu seinem Leidwesen aus versicherungstechnischen Gründen nicht selbst spielen darf. Er freut sich schon auf Bregenz, den nächsten Bond-Drehort (Schauplatz: Bregenzer Festspiele mit "Tosca"), weil es dann gegen das Team der dortigen Oper gehen soll.

Der Weltbürger Taubman, der sich selber lieber als "Multieuropäer" bezeichnet, liebt seine Heimat, die Schweiz. Er rühmt gerne die Luft, die Berge. Als er in jungen Jahren in Zürich wegen "Disziplinlosigkeit" von der Schule flog, nahmen ihn die Benediktiner des Wallfahrtsorts Maria Einsiedeln in ihrer Klosterschule auf. - Ein hartes Los? - "Nein", sagt Taubman, "die Mönche in Einsiedeln waren für mich die Rettung. Von denen habe ich Respekt, Ordnung und Nächstenliebe gelernt. Und die Noten sind von der Fünf auch noch bis zu Einsen geklettert."

In Schweizer Filmen ging Taubman schon als dubioser Bergführer und Kletterer durch, spielte aber auch schon einen Jetpilot, der zu einem Engel wird. Er liebt den Wechsel zwischen Schwer und Leicht. "Marmorera", Markus Fischers Mystery-Thriller um ein im Stausee versunkenes Dorf und die Geister, die nun die Hinterblieben quälen, war einer seiner größten Erfolge. Taubman spielt einen Psychiater, der den Verstand verliert. "Tausendmal wichtiger" sei ihm dieser Film, was das Handwerk betrifft, als der neue Bond. Das wahre "Abenteuer des Handwerks", das "Ausgesetztsein" erlebte er in dieser schwierigen Rolle.

Was hat er nicht alles schon gespielt - eine unter die Haut gehende Episode als geretteter KZ-Häftling in der HBO-Serie "Band of Brothers" ("Unter Brüdern") unter der Regie von Tom Hanks, einen Terroristen à la Bin Laden im Polit-Thriller "Fay Grim" unter Hal Hartleys Regie. Parallel zu den Bond-Dreharbeiten in diesem Jahr drehte er zudem einen verlorenen Mujahedin in dem mit Spannung erwarteten französischen Kinofilm "Secret défense". Und immer wieder auch historische Rollen. Er mag Kostümfilme besonders. In der deutsch-schweizer Produktion "Mein Name sei Bach" war er als Bachs verwegener Sohn Friedemann zu sehen, und demnächst in der zweiten Staffel der US-Serie "The Tudors" henkt er als Jean Rambeaud, Popstar- Scharfrichter des 16. Jahrhunderts, gar Anne Boleyn. Er liebt an Kostümfilmen "das große Drama", aber auch "den Ehrenkodex der Männer, egal ob nun böse oder gut". Seine Traumrolle ist die des Valmont in den "Gefährlichen Liebschaften". Schade, dass die ja nun schon John Malkovich schwer übertrefflich besetzt hält.

Taubman ist fürsorglicher Familienvater im Nebenberuf, er hat zwei Töchter mit seiner Lebenspartnerin, der Schauspielerin Claudia Michelsen. Er lebt in Berlin, in Charlottenburg. Er mag die Stadt, "weil sie stinkt", weil sie "Leben hat". Er setzt sie fast gleich mit seinem Lieblings-"Moloch" New York, wo er an der renommierten Schauspielschule "Circle in the Square" Anfang der Neunziger die "für mich beste Basis" bekam. Neulich, auf dem Rückflug von Panama, war er mal wieder für ein paar Tage da. Gerne ginge er dort mal wieder für länger hin.

Zurück zum Bösewicht - bei Bond im Besonderen, und im Allgemeinen: "Jeder Bösewicht hat eine Vergangenheit", erklärt er, "jeder Bösewicht ist ja von Hause aus erst mal gut. Er wird ja als weißes Blatt geboren." Er mag die Vielschichtigkeit, die Begründungen des Bösen. Im speziellen Fall vertraut er nun ganz auf Marc Forster, den Bond-Regisseur, weil der "jedem Gesicht bis ins Detail einen Inhalt zu geben versteht". Sein Partner Mathieu Amalric, mit dem er eng befreundet ist, sei eher zurückhaltend in seiner Rolle, er hingegen spiele eher den Spinner. Und - eben noch Joghurt - vergleicht er sich jetzt schon mit einem Wandbehang: "Ich bin die Tapete, er ist der Star. Die Tapete wird so lebendig sein, dass Mathieu noch mehr erstrahlt."