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Gabriela Maria Schmeide: Gutmütig, aber mit Wucht

16/05/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Seit Regisseur Andreas Dresen die Theaterschauspielerin Gabriela Maria Schmeide für seine Filme "Die Polizistin" und "Halbe Treppe" verpflichtete, hat die blonde Frau aus Bautzen ein bestimmtes Image weg: das der gutmütigen Ossi-Frau, die vom Leben gebeutelt wurde. Kaum eine Darstellerin in Deutschland vermag weibliche Underdog-Rollen besser zu spielen. Dass die heute in Bremen lebende Klasse-Mimin jedoch auch anders kann, zeigt sie in der Tragikomödie "Patchwork" (Mittwoch, 21.05., 20.15 Uhr, ARD). Mit geradezu umwerfender Wucht verkörpert Gabriela Maria Schmeide eine allein erziehende Mutter Anfang 40, die noch immer von der großen Liebe träumt und gegen alle Widrigkeiten eine neue Familie aufbauen möchte.

teleschau: Haben Sie persönliche Erfahrungen in Sachen Patchwork-Familie?

Gabriela Maria Schmeide: Nur aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich selbst stamme aus einer ganz normalen Familie mit vier Kindern, die allerdings vom Vater verlassen wurde, als ich kurz vorm Abitur stand. Mein Vater wollte in den Westen flüchten, konnte aber meine Mutter nicht zum Mitkommen bewegen. So hat er sich eines Tages überraschend für uns alle ohne Vorankündigung abgesetzt.

teleschau: Das hat Sie aber in Ihrer Bindungssicherheit nicht erschüttert. Mit Ihrem Mann sind Sie schon sehr lange zusammen ...

Gabriela Maria Schmeide: Stimmt, seit über 20 Jahren. Wir sind aber auch durch Höhen und Tiefen gegangen. Kennengelernt haben wir uns am Theater in Bautzen. Er war Elektriker und arbeitete dort als Beleuchter, später zogen wir wegen meiner Theaterengagements nach Berlin und Bremen, wo wir nun auch schon seit 14 Jahren leben.

teleschau: Und das in ungewöhnlicher Konstellation: Ihr Partner gibt den Hausmann, kümmert sich um die Tochter, Sie verdienen das Geld...

Gabriela Maria Schmeide: Er ist die stabile Basis, und ich ziehe hinaus in die Welt (lacht). Natürlich ist das auch nicht immer einfach, aber grundsätzlich lebt er seit 20 Jahren ziemlich zufrieden mit dieser Rolle. Er kümmert sich sehr liebevoll um unsere Tochter und ist ansonsten sehr beliebt, weil er zwei goldene Hände besitzt und Freunden wie Nachbarn Küchen aufbaut, Fließen verlegt oder die Elektrik erneuert. Mein Mann hat ein sehr ausgefülltes Leben und sitzt keineswegs nur als männliches Heimchen zu Hause.

teleschau: Mit welchen Problemen werden Patchwork-Familien konfrontiert, die es bei normalen Familien nicht gibt?

Gabriela Maria Schmeide: Ich denke, das größte Problem ist der Umgang der Ex-Partner miteinander. Die alten Beziehungen wirken sich zwangsläufig auf die neuen aus. Sei es, dass Kinder gegen die neue Familie ausgespielt werden oder sich die ehemaligen Partner in Bezug auf die neuen Partner manipulieren - das alles, gilt natürlich für den Fall, dass eine Patchwork-Familie eher schlecht funktioniert. Es gibt aber auch viele positive Beispiele, wo solche Konstellationen sehr harmonisch zusammenleben. Insgesamt ist die Lebensform Patchwork mittlerweile so präsent in unserer Gesellschaft, dass sie schon fast als normal gilt.

teleschau: Sind Kinder mit einem Elternteil außerhalb der Familie nicht das größte Problem im Patchwork, weil sie eine echte Zerrissenheit aushalten müssen?

Gabriela Maria Schmeide: Ein Kind liebt seinen Vater oder seine Mutter, auch wenn die vielleicht fortgegangen sind und die Familie sitzen gelassen haben. Meine Mutter war äußerst verletzt, als sich unser Vater in den Westen abgesetzt hat. Der verlassene Elternteil nimmt sich vielleicht vor, vor den Kindern nicht schlecht über den anderen zu reden. Aber es ist sehr schwer, dies durchzuhalten. Immerhin waren wir Kinder zwar noch Jugendliche, aber eben auch fast schon erwachsen. Deshalb war es für uns etwas leichter.

teleschau: Haben Sie später neuen Kontakt zu Ihrem Vater aufgenommen?

Gabriela Maria Schmeide: Ja, alle vier Kinder haben heute wieder einen guten Kontakt zu unserem Vater. Die Familie fand nach der Wende allerdings nicht mehr zusammen. Die politische Situation hatte ja großen Einfluss auf diese Familientrennungen, wie wir sie erlebten. Einerseits wurde ich dafür bestraft, dass mein Vater weggegangen war. Trotz eines Abiturs mit der Note 1,0 durfte ich zum Beispiel nicht studieren. Auf der anderen Seite träumte mein Vater 20 Jahre lang davon wegzugehen. Er hat immer wieder versucht, unsere Mutter zum Mitgehen zu bewegen, aber sie konnte einfach nicht alles aufzugeben und ihre Heimat verlassen.

teleschau: Ihre Eltern sind Sorben, Sie sind zweisprachig aufgewachsen. Hat man da ein ganz besonderes Heimatgefühl, wenn man zu einer kleinen ethnischen Minderheit gehört?

Gabriela Maria Schmeide: Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich einem kleinen Volk angehöre, das auch immer kleiner wird. Ich bin sehr tief verwurzelt in dieser Heimat und glaube fest daran, dass ich irgendwann wieder dorthin ziehen möchte. Als ich jung war, fühlte sich diese kleine Welt vor allem eng und beklemmend an, deshalb wollte ich möglichst schnell raus. Nun werde ich älter und die Gefühle der Heimat gegenüber intensivieren sich. Neulich war ich als Firmpatin dort, freute mich und war richtig stolz, wieder einmal eine sorbische Tracht anzuziehen (lacht). Das hätte ich mir vor 20 Jahren wahrscheinlich nicht träumen lassen.

teleschau: In Filmen besetzt man Sie gern für einen gewissen Typus Frau: gutmütig, großherzig. Charaktere, die von der Härte des Lebens erdrückt zu werden drohen. Ist dies ein Zufall, oder sehen Sie einfach so aus wie jemand, auf den diese Attribute zutreffen könnten?

Gabriela Maria Schmeide: So etwas ist nie Zufall. Das Aussehen spielt immer eine große Rolle bei der Frage, für welche Rollen man in Frage kommt. Ich verstehe schon, dass man eher nicht auf die Idee kommt, mich als mondäne Baronin zu besetzen. Oder als Geliebte, die von zehn Männern umgarnt wird. Aber vielleicht wäre das auch mal gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich sieht man in mir eher das Heimchen mit dem großen Herzen (lacht). Mittlerweile sind meine Rollen aber Gott sei Dank viel breiter gefächert.

teleschau: Sicherlich ein Verdienst der vielen guten und oft preisgekrönten Filme, die Sie gemacht haben. Ist es vor allem das Schicksal von Berufsanfängern, nach Typ und Aussehen besetzt zu werden?

Gabriela Maria Schmeide: Kann sein, aber bei mir war das etwas anders. Ich war bereits 34 Jahre alt und eine gestandene Theaterschauspielerin als Andreas Dresen mich für meine erste Filmrolle in "Die Polizistin" besetzte. Zehn Jahre früher wäre das sicher anders gelaufen. Damals entsprach ich eher dem kleinen dünnen Schneewittchen-Typ und hätte sicherlich auch andere Rollen gespielt. "Die Polizistin" war eine Rolle, in der ich viel von mir zeigen konnte, in der ich sehr bei mir war.

teleschau: Mit "bei mir" meinen Sie, dass Sie sich in diesem Charakter selbst wiedergefunden haben?

Gabriela Maria Schmeide: Ich habe diese Rolle ziemlich unverstellt und gleichzeitig zurückgenommen gespielt. Es kann schon sein, dass ich ziemlich viel von mir selbst reingepackt habe. Vielleicht bin auch ich der einfühlsame Typ, der sich eher zu viel als zu wenig um andere kümmert.

teleschau: Im Film "Halbe Treppe" sind Sie Regisseur Andreas Dresen und den Verlierertypen treu geblieben. Wie sehr nervt Sie dieses Rollenklischee, das Sie seit dem immer mal wieder bedienen sollen?

Gabriela Maria Schmeide: Es gab sicherlich Zeiten, da haben mich solche Rollenangebote verstärkt genervt. Dennoch muss ich sagen, dass es wesentlich besser ist, auf Verlierertypen abonniert zu sein als auf andere Rollenklischees. Als Verlierer darf man immer die Abgründe mitspielen, und das macht wesentlich mehr Spaß als die sehr geraden Typen zu geben.

teleschau: In "Patchwork" gibt es eine ziemlich ausgiebige und explizite Nacktszene von Ihnen. Tun Sie sich schwer mit so etwas oder gehen Sie da ganz locker ran?

Gabriela Maria Schmeide: Ich finde es eher peinlich, wenn im Film aus Gründen der Prüderie unnatürlich schnell zu einem Kleidungsstück gegriffen wird oder Menschen, die gerade Sex hatten, in Schlafanzügen herumlaufen. Entweder man lässt solche Szenen ganz draußen oder man versucht, sie einigermaßen realistisch zu drehen. Trotzdem gucke ich auch nicht allzu gerne hin, wenn ich mich in solchen Szenen betrachten muss.

teleschau: Schauspieler gelten als eitel. Sie sind oft in sehr uneitlen Rollen zu sehen. Wie eitel sind Sie wirklich?

Gabriela Maria Schmeide: Viele Leute beschreiben mich als uneitel, aber das stimmt nur zum Teil. Die Kostümproben können bei mir schon mal etwas länger dauern, denn auch ich habe nichts dagegen gut auszusehen. Ich bin sicherlich nicht völlig im Reinen mit mir selbst und habe auch Schwierigkeiten damit, meine Figur so wie sie ist zu präsentieren. Gott sei Dank bin ich aber gesund genug, dass es mir wichtiger ist, als Mensch und Schauspielerin glaubhaft zu sein. Ich bin nicht der Augapfel der Boulevardpresse, der immer aufpassen muss, wie er gerade aussieht und rüberkommt. Da bewege ich mich dankenswerterweise in einem anderen Feld.

teleschau: Sie leben trotz Ihrer Erfolge und der vielen Preise, die Sie für Ihre Filme gewonnen haben, also völlig unbehelligt von den Boulevardmedien?

Gabriela Maria Schmeide: Weitgehend ja. Wenn ich bei Filmpremieren auf dem roten Teppich stehe, fragen sich viele Menschen, wer ich wohl bin. Erkannt werde ich trotzdem oft, aber an anderer Stelle. Fast jeden zweiten Tag passiert es mir, dass mich jemand Fremdes anspricht. Das sind Leute, die glauben, mich von irgendwo her zu kennen, aber eben nicht aus Film oder Fernsehen. Die sagen dann Sachen wie: 'Kennen wir uns nicht vom Yoga oder letztes Jahr vom Wandern?' Wenn ich denen dann erzähle, dass sie mich vielleicht neulich im Film gesehen haben könnten, wirken die eher irritiert oder entschuldigen sich sogar.