Christian Redl: Ein Mann, dunkel wie das Moor

16/10/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Wo sein Typ auftaucht, entsteht eine gewisse Schwere. Christian Redl ist der Mann für Traurigkeit, die in die Tiefe weist. Weil der 61-jährige Schauspieler diese subtile Qualität in jeder Faser seines wuchtigen Körpers transportiert, darf man ihn als Idealbesetzung des schweigsam alternden Kommissars in der Tradition der Maigrets und Wallanders bezeichnen. Redls ZDF-Film "Der Tote im Spreewald" (Mo. 26.10., 20.15 Uhr) dürfte die Goldmedaille im inoffiziellen Rennen um den schwermütigsten Krimi des Jahres sicher haben. In der losen Fortsetzung des Ausnahmekrimis "Das Geheimnis im Moor" liefert sich der Hamburger Edelmime ein tieftrauriges Duell mit dem anderen Hauptdarsteller des Films - den nasskalt morastigen Kanälen des Spreewaldes. Gibt es einen besseren Anlass, um über Tod und Vergänglichkeit zu sprechen?

Christian Redl geht es nicht gut. Eine Entzündung am Auge hat sein Gesicht unter der Baseballkappe anschwellen lassen. Nun sieht der massige Schauspieler dem Prototyp des alternden Boxers noch ähnlicher. Doch an traurig-düstere Prototypen hat sich Redl ohnehin längst gewöhnt. Seit er 1990 den Grimme-Preis für den Film "Der Hammermörder" erhielt, steht die Karriere des 1948 in Schleswig-Holstein geborenen und in Kassel aufgewachsenen Lehrersohns unter schwerem Schubladenverdacht. Redl spielte so viele schwermütige Gewalttäter und abseitige Kriminelle, wie kaum ein anderer in der Riege der Hochveranlagten.

"Sicherlich umweht mich ein Hauch von Melancholie oder Traurigkeit, aber dafür kann ich nichts. Das ist genetisch bedingt. Außerdem traut man mir zu, dass ich kriminelle Energie habe. Als Privatperson bin ich seltsamerweise das genaue Gegenteil." Christian Redls Vorteil - auch wenn man ihn "typgerecht" besetzt, seine Rollen sucht er sich dennoch streng nach Qualität aus. "Grob gestrickte Bösewichte lehne ich ab. Einen wirklich raffinierten, dunklen Charakter würde ich dagegen jederzeit spielen." Redls aktuelle TV-Hauptrolle ist so düster, dass man sich später selbst daran erinnern muss, dass er gar keinen Bösewicht verkörpert.

Im Gegenteil - "Der Tote im Spreewald" zeigt Redl sogar als Gesetzeshüter. Einer, der wegen der Liebe vom Westen an den finsteren Rand Deutschlands in den Spreewald umsiedelte, bevor ihn die Liebe verließ. Der traumgleiche mystische Kriminalfilm ist die lose Fortsetzung eines überraschenden Quotenerfolgs. 2006 etablierte "Das Geheimnis im Moor" mit Sebastian Blomberg das Setting der ostdeutschen Moorlandschaft im Kopf des Primetime-Publikums. Im ersten Teil spielte Redl noch eine Nebenrolle. Nun wird seine Figur zum Hauptdarsteller befördert.

"Der Spreewald ist ein hinreißendes, unverbrauchtes Motiv", zeigt sich auch der überzeugte Bewohner des Hamburger Innenstadt-Kiezes St. Georg als Fan einer düster romantischen Naturlandschaft. "In dieser Region spielte bislang noch keine Krimi-Reihe. Es ist eine geheimnisvolle, unheimliche Landschaft. Vor allem im Winter kann man sich dort sehr seltsame Geschichten vorstellen." Christian Redl verrät, dass ein Erfolg des zweiten Spreewaldfalles tatsächlich eine neue Krimi-Reihe entstehen lassen könnte. Im Spin-Off des Erstlings spielt er einen alternden, einsamen Kommissar, welcher sich in die von Nadja Uhl dargestellte schwangere Witwe des Mordopfers verliebt - eine Liebe ohne Zukunft freilich.

"Die Witwe und der Kommissar treffen sich in einem Zustand, da beide aus der Zeit gefallen scheinen. Sie trösten sich gegenseitig, nicht mehr. Der Kommissar hätte sich in jüngerem Alter wahrscheinlich so eine Frau gewünscht. Er wird an etwas erinnert, das nicht stattgefunden hat und das auch nicht mehr stattfinden wird." An diesem warmen Frühherbst-Tag sitzt Christian Redl in seinem Lieblingscafé in "St. Georg" - nur wenige hundert Meter entfernt liegt das Hamburger Schauspielhaus, in dem er von 1980 bis 1994 festes Ensemblemitglied war. Es folgten Jahre in Berlin als freier Schauspieler. Beziehungen wie die mit Kollegin Maja Maranow kamen und gingen. Seit einigen Jahren ist Christian Redl wieder in Hamburg. Zurück auf seinem Kiez, seine kleine Wohnung hier hat er die ganze Zeit behalten. Christian Redl ist seit langem für sich.

"Ich lebe allein, so wie der Kommissar", sagt er und deutet eine Nähe zwischen Figur und Darsteller an, wie man sie ohnehin die ganze Zeit vermutete. "Wenn man in meinem Alter allein lebt, fragt man sich: Passiert noch etwas oder passiert nichts mehr? Aber es ist gut so, wie es ist. Ich bin nicht traurig. Ich habe das Thema Liebe noch nicht aufgegeben. Wenn man in Verbitterung gerät, dann wird es allerdings gefährlich. Es ist eine Kunst, alt zu werden."

Im Film wie im Leben zeigt sich Redls Melancholie des Altwerdens vor allem als Melancholie der verpassten Chancen. "In vielen Lebensbereichen ist das Buch bereits geschlossen, und man muss sehen, dass man in Würde seine letzten Jahre organisiert." An dieser Stelle muss Redl lachen. Es klingt ein wenig bitter, aber so hört sich eben ein Lachen an - wenn es um das Ende von allem geht. "Die meisten Menschen verdrängen den Tod - ein törichter Fehler! Auf den Tod sollte man sich frühzeitig vorbereiten, um kein jammerndes Nervenbündel zu sein, wenn er dann kommt. Ich finde die Angst vor dem Tod lächerlich. Das ist die sinnloseste Angst überhaupt."

Doch ist die Angst vor dem Älterwerden dann nicht auch sinnlos? Schließlich handelt es sich auch hier um einen Prozess, der sich nicht verhindern lässt? "Da besteht schon ein Unterschied", betont Christian Redl. "Mit dem Tod habe ich wenig zu tun, ich bin dann einfach weg. Das Älterwerden ist dagegen viel schwieriger. Ich muss es gestalten, tragen. Ich muss mit Würde alt werden, wie man so schön sagt. Ich kenne viele Leute, die dem Älterwerden nichts abgewinnen können. Sie investieren wahnsinnig viel Geld und Zeit, um das Unvermeidliche zu verhindern."

Christian Redl als reifer Kommissar, der im Moor über Vergänglichkeit, Tod und verpasste Chancen des Lebens sinniert - selten wohl hat man einen Fernsehkrimi idealer besetzt als "Der Tote im Spreewald".

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