Valerie Niehaus: Mein Leben im Sandkuchen

16/10/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Früher war sie als Nachwuchs-Blondine Star der Soap "Verbotene Liebe", heute organisiert die alleinerziehende Mutter ihr Leben zwischen Grundschule im Berliner Bezirk Charlottenburg und den Dreharbeiten zu meist romantischen Filmen. Wer jedoch denkt, die gebürtige Westfälin sei willfähriges Opfer deutscher Primetime-Fernsehunterhaltung, sieht sich getäuscht. Die 35-jährige Mimin zeigt sich als überaus intelligente Frau, die ihre Arbeit immer wieder kritisch durchleuchtet. Valerie Niehaus über falsche und echte Vorwürfe gegen das viel gehasste Romantik-TV sowie die Kunst, das normale Leben auszuhalten.

teleschau: Frau Niehaus, Sie sind Hauptdarstellerin von gleich zwei romantischen Filmen, die binnen eines Monats zur Primetime im Ersten laufen. Fühlt sich das gut an?

Valerie Niehaus: Ich habe dazu kein besonderes Gefühl. Das ist meine Arbeit. Dafür mache ich das ja, damit die Sachen auch laufen. Wobei die Filme einen unterschiedlichen Vorlauf hatten. "Tierisch verliebt" ist bereits vor zwei Jahren entstanden. "Eine Liebe in St. Petersburg" wurde vor einem Jahr gedreht. Dass die beiden mit der Ausstrahlung so dicht beieinanderliegen, ist ein ungewöhnlicher Zufall, der hat aber nichts zu bedeuten.

teleschau: Welche Rolle gefiel Ihnen besser?

Valerie Niehaus: Ich finde, dass beide Filme einen interessanten Blick auf Existenzen werfen. Die Pferdezüchterin in "Tierisch verliebt" erlebt eine Bedrohung ihrer Lebensgrundlage, während die Anästhesistin an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben ist - dort nämlich, wo sie zum ersten Mal ihre Existenz wahrnimmt und diese hinterfragt.

teleschau: Pumpen Sie die Dimensionen der Rollen jetzt nicht ein wenig künstlich auf?

Valerie Niehaus: Ich spiele gerne normale Frauen - und das sind beides normale Frauen. Im Normalen liegt ganz viel Besonderes. Der Beruf der Schauspielerin sollte nicht nur meine Eitelkeit als Künstlerin befriedigen. Es geht nicht nur darum, in das eine oder andere Extrem zu verfallen und dem Zuschauer zu zeigen, wie wenig Angst ich davor habe, mich so oder so zu verhalten. Die Aufgabe - gerade im Fernsehen - besteht auch darin, das zu spiegeln, was jeden Tag in diesem Leben stattfindet. Ich habe etwa 30 Filme in den letzten 15 Jahren gemacht. Der Anspruch hat sich seit den Anfängen eigentlich kaum verändert - ich finde das normale Leben da draußen immer noch sehr interessant.

teleschau: Eine typische Klischee-Aussage von Schauspielern ist, dass sie in einer Rolle die Herausforderung suchten. Sind Sie also ein ganz anderer Typ?

Valerie Niehaus: Ich finde, das Normale zu spielen, schließt die Herausforderung nicht aus. Die wenigsten Menschen erleben jene Extreme, die ständig Thema von Drehbuch-Plots sind. Die wenigsten Leute stechen jemanden ab. Die meisten schaffen es auszuhalten, was unerträglich normal ist. Man kann natürlich ein philosophisches Streitgespräch darüber führen, ob das eine Herausforderung ist. Ich betrachte meine Figuren so, als würde ich ihnen im richtigen Leben begegnen. Ich beobachte normale Leute mit dem allergrößten Interesse. Natürlich habe ich auch schon andere Sachen gespielt - bis hin zum Horrorfilm. Aber es kommt natürlich auch darauf an, wie man gesehen wird. Für mich macht das auch von außen betrachtet Sinn, dass mich viele als Normalo-Frau wahrnehmen.

teleschau: Ich muss gerade an einen starken Auftritt von Ihnen im Film "Mogadischu" denken. Eine ungewöhnliche Rolle, in der Sie ein Opfer jener Flugzeugentführung spielen, dem man quälend lange bei der Bedrohung seines Lebens zusehen muss.

Valerie Niehaus: Sehen Sie - und das wirkt nur deshalb, weil ich die Rolle vorher als ganz normale Frau definiert habe, die lediglich mit ihrem Sohn aus den Ferien nach Hause fliegen will. Das Extreme wirkt nur dann extrem, wenn wir das Normale vorher etabliert haben. Ich finde, bei meiner Arbeit im Fernsehen sollte keine Barriere entstehen zwischen dem Zuschauer und dem, was man auf dem Bildschirm sieht. Das ist beim Theater oder anderen Kunstdisziplinen anders. Da schaffen wir bewusst Barrieren, bewusste Unterschiede zum echten Leben. Wenn ich für die Degeto arbeite, geht es nicht darum, mich in Absurdität selbst zu verwirklichen. Es geht darum, diese Brücke zu schlagen.

teleschau: Wenn wir schon über Degeto-Formate sprechen - fühlen Sie sich darin als Dienstleisterin?

Valerie Niehaus: Natürlich bin ich Dienstleisterin, denn ich mache einen Job für den Auftraggeber, für die Produktion. Wenn Sie eine Dienstleistung am Fernsehzuschauer meinen - dann empfinde ich sie nicht in einer moralisch raumgreifenden Art und Weise. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich versuchen muss, einen Bildungs- oder Unterhaltungsauftrag zu erfüllen. Aber wie heißt es doch gleich: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Ich kann den tollsten Film machen, aber wenn er in der Schatulle liegt und ihn niemand sehen will, ist nur die Hälfte dessen, was angefragt wurde, erreicht.

teleschau: Die Degeto-Romanze ist ein ziemlich starres Format. Wie schwer macht es Ihnen dieses Korsett, tatsächlich das normale Leben abzubilden?

Valerie Niehaus: Das Korsett liegt meistens in der Dramaturgie. Den Rest, die Texte und so weiter, kann man ja bearbeiten. Diese Freiheiten hat man oft als Schauspieler. Vorausgesetzt natürlich, der Regisseur lässt das zu. Die Dramaturgie ist tatsächlich ein Korsett. Man kann sich die Frage stellen, ob wirklich jemand glaubt, dass die von mir gespielte Ärztin in "Eine Liebe in St. Petersburg" länger als anderthalb Monate dort glücklich sein kann. In manchen Fällen ist es richtig, dass man sich ein paar Gedanken macht, ob diese Perspektiven realistisch sind. Aber man muss natürlich auch daran denken, wozu solche Filme da sind.

teleschau: Wozu nämlich?

Valerie Niehaus: Dass wir uns in ihnen wiederfinden, dass wir sie gerne zu Ende gucken, dass wir uns wohl fühlen hinterher. Ich hasse diesen Begriff vom "Feel-Good-Movie". "Sommer vorm Balkon" wurde als solcher bezeichnet. Ich fand den Film toll, aber er hat mich wahnsinnig traurig gemacht. Was um Himmels willen ist also ein "Feel-Good-Movie"? Genauso könnte man sagen: Diese Filme, die immer gut ausgehen, sorgen bei mir nicht dafür, dass ich mich gut fühle. Ich finde, das Degeto-Format sollte etwas mit Hoffnung zu tun haben. Es ist kein Theater, es ist kein Kunstprojekt. Aber es muss nicht zwangsläufig komplett seicht sein oder überflüssig, nur weil es gut ausgeht.

teleschau: Wenn wir schon über Formatierung sprechen - ist es nicht ein deutlicher Nachteil, egal wie man es wendet, wenn man nach wenigen Minuten weiß, wie die Geschichte ausgeht? Den Vorwurf extremer Handlungs-Voraussagbarkeit müssen sich viele Degeto-Produkte doch gefallen lassen...

Valerie Niehaus: Da will ich ganz ehrlich sein - das empfinde ich auch oft als großen Nachteil. Und ich freue mich immer, wenn es einmal nicht so ist. Ich finde, je mehr unterschiedliche Autoren sich an das Format setzen, desto häufiger passiert es, dass Handlungen unerwartete Wege nehmen. Ich finde, dass man solche Filme häufiger im Programm sieht, als es von Kritikern wahrgenommen wird. Aber natürlich müssen Sie diese Frage an andere richten, ich produziere die Filme ja nicht. Wenn man mit dem Rezept und den Zutaten eines Sandkuchens in die Küche geht, darf man sich nicht wundern, wenn auch ein Sandkuchen dabei herauskommt.

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