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Frisuren für Zweitligakicker: Im Programmschwerpunkt "Summer of the 80s" erklärt ARTE das Lebensgefühl der 80er-Jahre

19/06/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Gute Ideen, die beim Publikum ankommen, darf man auch als Kultursender in Serie schicken. Nachdem ARTE in den letzten beiden Jahren mit den Programmschwerpunkten "Summer of Love" und "Summer of the Seventies" bei den Zuschauern überdurchschnittlich punktete, konnte man das diesjährige Programm im Juli und August quasi im Voraus erfühlen: Unter dem Slogan "Summer of the 80s" strahlt der Straßburger Sender dienstags und donnerstags insgesamt 15 popkulturelle Themenabende aus. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit Ikonen wie Madonna, Michael Jackson oder Prince versucht ARTE in einer sechsteiligen Reportage auch das Normalo-Lebensgefühl der 80er-Jahre herauszuarbeiten.

"Die Zeiten sind hart, aber modern", zitiert ARTE-Programmdirektor Christoph Hauser einen Spruch aus seiner Studentenzeit. Vor Journalisten in Hamburg stellt der Programm-Manager seinen Sommerschwerpunkt 2009 vor - die "schrecklichen" Achtziger. Für Menschen, die in den die Welt umarmenden Spätsechzigern oder Siebzigern erwachsen wurden, müssen sie sich in der Tat ziemlich kalt angefühlt haben. Plötzlich trug man neon statt pastell. "Da bleib' ich kühl, kein Gefühl" - dieser harsch hingeworfene Satz der Berliner Band "Ideal" war Anfang der Achtziger ein durchaus resignativer Ausdruck des Lebensgefühls eines politisch bleiernen Jahrzehnts, in dem die Feindbilder zwar noch stimmten, in dem man als Heranwachsender aber partout nicht wusste, was man dagegen unternehmen konnte oder wollte.

"Resignation statt Aufbruch" galt allerdings nur für das politische Lebensgefühl des Pop in den Achtzigern, das die Helmut Kohls oder Ronald Reagans mehrheitlich zu ignorieren wusste. Die Achtziger waren nach fast anderthalb Dekaden gesellschaftlicher Visionen vor allem das Jahrzehnt der oberflächlichen Reize und des wieder erstarkten Materialismus. Insofern ist die Eröffnung des ARTE-Sommerschwerpunkts durch das "Material Girl" Madonna nur logisch.

Am Dienstag, 07. Juli, zeigt der Sender um 21 Uhr den Spielfilm "Susan ... verzweifelt gesucht". An der Seite von Rosanna Arquette spielt das junge "It-Girl" Madonna 1985 darin einfach nur sich selbst - eine hungrige Egoistin, die den Puls der Zeit diktiert und in ihrer selbst erkämpften Freiheit Zeichen setzt. Die Zukunft gehört denen, die sich selbst darum kümmern - scheint der Film einem gar nicht so pessimistisch zurufen zu wollen. Im Anschluss um 22.45 Uhr folgt der 1990 entstandene Konzert-Dokumentarfilm "In Bed With Madonna".

Den beiden afroamerikanischen Musik-Superstars der Achtziger widmet ARTE im Sommer gleich zwei Dokumentationen. Während "Michael Jackson - Die ganze Wahrheit" (Donnerstag 09.07., 22.40 Uhr) den Niedergang des "King of Pop" nach der Anklage wegen Kindesmissbrauchs ab 2005 nachzeichnet, stellt das interessante Doppelporträt "Doctor Jackson & Mister Prince" (Dienstag, 04.08., 21.00 Uhr) Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Karrieren des damals "sauberen" Michael Jackson und seinem lasziv-diabolischen Antagonisten Prince heraus.

Dem roten Faden im Popgeschehen der Achtziger widmet sich hingegen eine sechsteilige Dokumentation unter dem Titel "Welcome to the Eighties". Leider versteckt ARTE die neu produzierte popkulturelle Reihe, welche Zeitphänomene von Postpunk über Synthie-Pop und Rap bis hin zu Acid House beleuchtet, im Nachtprogramm (11.08. ab 22.50 Uhr, 18.08. ab 23.10 Uhr, 25.08. ab 22.55 Uhr).

Präsentiert werden die 15 Themenabende von Stefanie Tücking, einst jugendliche Gastgeberin der Stil prägenden ARD-Musikvideo-Hitparade "Formel Eins". Die heute 47-Jährige gibt zu, die Musik in den Achtzigern "als grauenvoll" erlebt zu haben. Mit Schaudern erinnerte sich die Achtziger-Anchorwoman bei der Pressevorstellung des "Summer of the 80s" an die regelmäßigen Preisübergaben an "Modern Talking" zurück. "Erst Anfang der Neunziger ging für mich als Gitarrenfan mit Kurt Cobain wieder die Sonne auf".

Vor allem modisch kritisch äußern sich aus heutiger Sicht auch die Superstars der Achtziger wie Martin Gore von Depeche Mode oder Bono Vox. Während Gore zugibt, er könne seinen Kindern zwar die Musik der Achtziger erklären, nicht aber die modischen Entgleisungen, packt der "U2"-Sänger in einer der Dokumentationen noch einen drauf. "In den Achtzigern", so Bono, " hatte ich einen der schlimmsten Haarschnitte, die jemals ein Mensch trug. Ihn nahmen sich Millionen von Zweitligafußballern zum Vorbild. Ich hingegen dachte, ich sähe aus wie David Bowie."

Bleibt die Frage, welchen Pop-Schwerpunkt sich die ARTE-Verantwortlichen im Jahre 2010 zur Brust nehmen wollen. "Dafür gibt es zwei mögliche Szenarien", so Programmdirektor Christoph Hauser. "Entweder wir versuchen uns mit einer Analyse der vielleicht noch etwas zu kurz zurückliegenden Neunziger oder wir gehen weiter zurück in die frühen Sechziger, der Zeit der Folk- und Beatpoeten." Auch eine Abkehr von der Jahreszahlen-fixierten Herangehensweise hält Hauser für möglich. "Allein mit Ideen wie 'Black Music' oder 'Frauen im Pop' wüsste ich ganze Sommer zu füllen."

Über 50 Jahre nach Rock'n'Roll, der Geburt der Popkultur, sind den Film- und Fernsehkameras eben eine Menge Geschichten erzählt worden. Für den ein oder anderen weiteren Sommerkurs in Popkultur sollte der Stoff auf jeden Fall genügen.

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