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Gero von Boehm: Das Leben ist eine Mischkalkulation

19/06/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Mit der zweiteiligen ZDF-Dokumentation "Kreml, Kaviar und Milliarden" über Russlands neureiche Oligarchen erregte Gero von Boehm zuletzt viel Aufsehen, denn er rückte den Milliardären auf den Pelz, um den Zusammenhang zwischen Politik und wirtschaftlichem Aufstieg in Russland aufzuzeigen. Aber auch mit seiner 3sat-Gesprächsreihe "Gero von Boehm begegnet" geht der 1954 in Hannover geborene Autor, Produzent (Interscience Film) und Regisseur seit Längerem neue Wege. In intensiven 45-Minuten-Gesprächen unter vier Augen porträtiert er interessante Menschen unserer Zeit. "Ich bin ein Filmmensch", sagt von Boehm - und verzichtet deshalb auf eine übliche Studioumgebung: Er besucht sein Gegenüber an Orten, die ihm etwas Besonderes bedeuten - und zeigt Bilder und Gegenstände, die für den Porträtierten wichtig sind. Am Montag, 08.06., 22.25 Uhr, begegnet er nun dem internationalen Unternehmensberater Roland Berger.

teleschau: Herr von Boehm, Ihr Anliegen ist es für gewöhnlich, die Bedeutung von Künstlern und Wissenschaftlern zu vermitteln. Nun widmen Sie sich - mitten in der Wirtschaftskrise - dem Unternehmensberater Roland Berger, einem der Größten seiner Branche.

Gero von Boehm: Es geht mir mehr um die Psyche, den ureigenen Antrieb Roland Bergers, als um den materiellen Erfolg. Berger ist ja ein genialer Ideengeber. Viele seiner Analysen und Ideen landen aber auch in der Schublade. Zur Zeit der Wende erklärte er etwa Helmut Kohl sehr deutlich, wie es kommen würde und wie teuer es werden würde. Kohl zog jedoch damals ein Redemanuskript aus der Schublade, in dem von "blühenden Landschaften" die Rede war und von 600 Milliarden Mark, die man in den neuen Ländern verdienen werde. Wir wissen heute: Es kam anders.

teleschau: Der Aufstieg des Selfmademan Roland Berger mag atemberaubend sein, schon als Student betrieb er eine Wäscherei und einen Spirituosen-Discount, mit 40 war er Chef einer internationalen Beraterfirma mit Büros in Mailand, Paris, London und Sao Paulo. Doch was war Ihr Beweggrund, ihn zum Protagonisten Ihrer Sendung zu machen?

von Boehm: Ein wichtiges Thema ist für mich stets das Phänomen der Macht. Es interessiert mich, wie und wo sie sich zusammenballt. Ich will nachgucken: Wie ist das mit dieser Machtzusammenballung, die uns alle immer wieder betreffen kann. Berger hat großen Einfluss. Seine Firma gehört zu den fünf größten Beraterfirmen weltweit, er hat ein bedeutendes Netzwerk aufgebaut.

teleschau: Was hat Sie an ihm letztlich beeindruckt?

von Boehm: Er wollte immer unabhängig sein, er wollte keine Hierarchie. Was aus seiner Kindheit kam: Sein Vater bekam schon früh mit den Nazis Ärger. Als Finanzmanager bei Hjalmar Schacht in Berlin wollte er kein Geld für die Jugendaufmärsche bewilligen. Später duldete er als Leiter einer Fabrik in Wien keine Nazipropaganda. Das trug ihm immer wieder Wohnungsdurchsuchungen ein, schließlich landete er für längere Zeit in einem Gestapogefängnis. Das alles dürfte ein Beweggrund für den von Roland Berger gestifteten "Preis für Menschenwürde" gewesen sein, für Menschen, die besonders mutig sind, wie zuletzt Shirin Ebadi im Iran. Der Preis ist übrigens mit einer Million Euro etwa so hoch wie der Nobelpreis dotiert.

teleschau: Berger ist heute 71 Jahre alt. Mit 65 stieg er aus der Firma aus. Sah er die Finanz- und Wirtschaftskrise eigentlich voraus?

von Boehm: Er hat die Krise kommen sehen, er erkannte, dass das völlig aus dem Ruder läuft. Immerhin hat er, ziemlich weitsichtig, 2007 alle seine Aktien verkauft. Es fehlte ihm unter anderem an der notwendigen Kontrolle der Banken.

teleschau: Bei aller Hochachtung: Die Funktion des Unternehmensberaters hat bei Abwicklungen und Fusionen ihre unangenehmen Seiten. Sprechen Sie auch über Opel, wo er als Berater - und angeblich als Kontakter für Fiat - tätig war?

von Boehm: Im Fall Opel war er weder Berater der Regierung noch bei irgendwelchen bilateralen politischen Gesprächen dabei. Er bringt ja Leute im Hintergrund zusammen. Er hat ein großes Missionsverständnis, will in einer bestimmten Situation den Leuten nutzen. Dabei ist er ein Mensch voller Emotionen, kein Beweger von Schachfiguren, wie man vielleicht glauben mag.

teleschau: Sie bemühen sich in ihren Sendungen besonders um die populäre Vermittlung von Wissenschaft. Haben Sie neue Pläne?

von Boehm: Ich bin mit meiner Firma Interscience Film gerade dabei, ein neues Format mit dem Publizisten und Philosophen Richard David Precht zu entwickeln. Precht ist ein äußerst spannender junger philosophischer Autor, der gerade mit zwei Titeln auf der Bücher-Bestsellerliste steht und ein neues philosophisches Nachdenken in die Gesellschaft getragen hat. Es geht um Ethik, um Fragen wie: Wer sind wir? oder: Was ist eigentlich Glück?

teleschau: Treten Sie selber auf?

von Boehm: Um Gottes willen! Ich habe damit nichts zu tun auf dem Bildschirm. Precht agiert zunächst als Allein-Performer, als Standup-Philosoph, danach wird er zwei Gäste haben. Am Ende macht er dann eine Conclusio. Das Ganze passiert nicht im Studio, wir gehen raus. Ich bin ein Filmmensch, ich will Bilder haben.

teleschau: Haben Sie schon einen Sendeplatz?

von Boehm: Wir drehen im Sommer erst mal einen Piloten. Aber ich hoffe darauf, dass man beim ZDF nach dem Weggang von Johannes B. Kerner zu Sat.1 manche Abende anders strukturieren und kulturell ausrichten wird.

teleschau: Sie sind kein Freund der üblichen Talkrunden.

von Boehm: Es muss Talksendungen geben, aber eben nicht nur. Ich bin bei 3sat der letzte Mohikaner, der sich 45 Minuten lang mit einem Menschen unterhält, der sich wirklich auf ihn einzulassen versucht. Vielleicht ein Minderheitenformat, aber es schauen immerhin mehrere hunderttausend Zuschauer zu. Bei Farah Diba waren es 600.000.

teleschau: Gibt es Vorbilder für Sie: Gaus, Troller, Scholl-Latour?

von Boehm: Gaus war dann doch zu pädagogisch, ich mochte das Einsteigen von Troller, den Zugriff von Peter Scholl-Latour, seine Skepsis, seine scharfsichtigen Analysen. Aber, wenn schon Vorbild, dann der Brite David Frost, den Sie aus dem Film "Frost / Nixon" kennen. Er war ein Hero, der im Interview alles bekam, was er wollte. Er öffnete den Leuten kleine Türchen, durch die sie durchgehen konnten. Darauf hatten sie vielleicht ein Leben lang gewartet - und nun erzählten sie.

teleschau: Mit ihrem ZDF-Zweiteiler "Kreml, Kaviar und Milliarden" betrieben Sie einen ziemlichen Aufwand. Trägt sich so etwas wirtschaftlich überhaupt?

von Boehm: Ich bin viermal nach Russland, viermal nach England gereist, es gab 30 Termine mit über zehn Protagonisten. Das ZDF hatte viel Geduld bei der Endfertigung, die sich verzögerte. Was die Kosten betrifft, so muss man eben noch rationeller arbeiten. Es gibt nicht mehr Geld, aber die Ansprüche werden immer höher. Es gibt Dinge, die vielleicht viel bringen, ein andermal wieder setzt man einfach sein Herzblut daran. Das Leben ist eben eine Mischkalkulation.

teleschau: Klingt ganz wie Roland Berger. Andererseits haben wir Sie im Verdacht, dass Sie irgendwann einen großen Spielfilm machen. Sie bezeichnen sich ja ausdrücklich als Filmmensch.

von Boehm: Es wird gerade ein Drehbuch für einen Spielfilm geschrieben, den ich als Regisseur machen will. Es geht um ein Ereignis, das tatsächlich stattgefunden hat.

teleschau: Ein historischer Stoff, womöglich aus der Nazizeit?

von Boehm: Nein, es geht um Terrorismus und um Geheimdienste, also um mein Lieblingsthema: die Macht.

teleschau: Spielfilme brauchen viel Zeit. Wann darf man damit rechnen, in zehn Jahren vielleicht?

von Boehm: Ich bin nicht Michael Hanecke, der für seinen Cannes-Gewinner "Das weiße Band", einen großartigen Film, 15 Jahre gearbeitet hat. Es wird hoffentlich in absehbarer Zukunft sein.

teleschau: In ihren Gesprächen und Dokumentationen setzen Sie stets auf Popularität, verdirbt Ihnen das nicht den Grimme-Preis?

von Boehm: Ich riskiere eine Gratwanderung. Ich will ja Leute erreichen, um ihnen etwas Bestimmtes zu vermitteln und locke sie daher durch eine ansprechende Form. Nehmen sie den Russland-Film über die Oligarchen: Ich zeige das System, wie es funktioniert - die Abhängigkeit der Poitik, an deren Spitze Putin steht, von den Oligarchen, und umgekehrt. Ich gehe mit den Reichen in ihre Häuser, auf ihre Schiffe und in die Disko. So bleiben die Zuschauer dran. Dass wir dann doch nur knapp drei Millionen Zuschauer hatten, lag am schwierigen Sendetermin. Im Ersten lief ein sehr beliebtes Kontrastprogramm: die Serie "Um Himmels Willen".

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