Ausstrahlung am 24.06.2009 um 20:15 Uhr auf ARDEine liest gerne. Die andere mag Pferde. Die nächste will Kinder, offensichtlich schnell. Und so sitzen sie ihm alle gegenüber, die potenziellen neuen Lebensgefährtinnen aus Rumänien. Erwin hat ihnen Kaffee und etwas zu essen mitgebracht, weil es das ja, glaubt er, in Rumänien nicht so reichhaltig gibt. Und er mag sich nicht entscheiden. Bis Irina kommt. Sie wird das Leben des Tankstellenbesitzers gehörig durcheinanderwirbeln. "Die zweite Frau" ist vor allem auch ein Film über die erste Frau: Erwins Mutter. Das stille, bisweilen kammerspielartige Drama von Hans Steinbichler läuft nach seiner Premiere bei ARTE nun im Ersten und erinnert an eine der größten Charakterdarstellerinnen der vergangenen Jahre: Monica Bleibtreu.
Ohne Vorgeschichte geht es los, ab nach Rumänien. Mutter und Sohn, er ist Ende 30, haben sich offensichtlich geeinigt. Eine Partnerin muss her. Es wird eben jene Irina (Maria Popistasu) sein, doch als sie eintrifft in der Heimat Erwins (Matthias Brandt), irgendwo in der deutschen Provinz, wo es offensichtlich weder eine Stadt noch ein Dorf, sondern nur diese Tankstelle an der Straße gibt, fangen die Probleme erst an.
Wie platt, wie lächerlich hätte dieser Film werden können, gelänge es nicht, die besondere Beziehung zwischen Mutter (Bleibtreu) und Sohn halbwegs glaubwürdig darzustellen. Schwer genug. Denn Erwin ist ein Muttersöhnchen, wie man es sich extremer kaum vorstellen kann. Seit jeher lebt er mit seiner Mutter alleine. "Ich hab doch nur dich", sagt sie und entschuldigt damit alles. Ihre übertriebene Fürsorge, alle Bevormundungen, alle Lebensregeln, die nur sie aufstellt. Und er hat nur seine Fische, die er bewundert, weil er sich selbst in ihnen sieht. Schweigend und nichts hörend leben sie in ihrer Unterwasserwelt.
Zahllose dieser mitunter etwas zu aufdringlich vorgebrachten Metaphern gibt es in diesem Film, der dafür ohne langatmige erklärende Dialoge auskommt. Als Irina eintrifft und das Leben der beiden gehörig durcheinanderbringt, trifft sie auf eine Mutter, die ihr Liebstes an eine Jüngere zu verlieren droht. Und die, von Eifersucht getrieben, in ihren Sachen wühlt und sie maßregelt, wann immer sie kann. Doch da ist auch noch die sich tatsächlich entwickelnde Liebe von Irina ("Der Name bedeutet Frieden, aber das stimmt nicht") und Erwin ("Der Name bedeutet nichts. Einfach Erwin"). Er muss sich nicht entscheiden. Aber er muss erwachsen werden, in wenigen Wochen. Sich lösen aus der Umklammerung seiner Mutter. Aus einem devoten, hilflosen Jungen soll ein selbstständiger Mann werden. Das Schicksal wird ihm gar keine andere Möglichkeit lassen.
Obwohl seine Figur reichlich extrem angelegt ist: Man glaubt Matthias Brandt, der zu jener Sorte Schauspieler gehört, die eine Rolle in besonderer, in außergewöhnlicher Weise verinnerlichen. Wen immer er spielt, er saugt dessen Charakter auf - bis hin zu einem individuellen Gang. Der Betrachter sieht diesen Erwin nur die Straße hinunterlaufen, und er ahnt, welchen Menschen er da vor sich hat.
Monica Bleibtreu, die im Mai 2009 an den Folgen einer schweren Krankheit starb, bewies mit diesem Film ein weiteres Mal ihre Lust am Wagnis. Es ist eine zunächst sehr unsympathische Figur, die sie hier spielt - ein egozentrisches Muttertier. Getrieben von Verlustängsten. Aber auch von Liebe.
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