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(tsch) Die Frauen. Sie waren einst der eigentliche Grund, warum Franz Xaver Gernstl, HP Fischer (Ton) und Stefan Ravasz (Kamera) mit der Dokumentationsreihe "Gernstl unterwegs" im Dritten Programm des Bayerischen Rundfunks begannen. Sie alle haben gewissermaßen ihre Ziele erreicht: Sie sind verheiratet, haben Kinder. Doch sie reisen weiter, die Gernstl-Reihe geht in ihr 25. Jahr. Noch immer ist diese Art des "Fernsehmachens" ein Novum in der deutschen TV-Landschaft: Gernstl (57) lässt in seinem Reportage-Format die Leute reden, hört einfach mal zu. Es darf gar geschwiegen werden. Humor entsteht aus dem Moment. Und die Quote gibt Gernstl, zumindest in Bayern, recht. 19 Prozent Marktanteil wurden bereits verbucht. Am Donnerstag, 07.08., startet im BR um 20.15 Uhr "Gernstls Deutschlandreise". Ein abwechslungsreicher und amüsanter Ausflug, ein Besuch bei den Menschen, der auf Sylt beginnt (13 Folgen, jeweils donnerstags und samstags, 20.15 Uhr).teleschau: Gernstl ist wieder unterwegs, nun schon ein Vierteljahrhundert. Dachten Sie schon mal an Abschied?
Franz Xaver Gernstl: Wir haben uns gesagt, den Ersten von uns im Rollstuhl, den schieben wir noch rum. Wenn der Zweite im Rollstuhl hockt, dann machen wir auf Elba eine schlecht gehende Strandbar auf, bei der ab und zu einer vorbeikommt und wir nicht zu viel arbeiten müssen.
teleschau: Was sagt denn die Familie dazu?
Gernstl: Den Kindern ist's ja wurscht, die sind 18 und 24 ...
teleschau: Die neuen Folgen wirken eine Spur pointierter ...
Gernstl: Schön, wenn Sie das so sehen. Uns ist es nicht aufgefallen. Aber vielleicht haben wir ja doch dramaturgisch dazugelernt.
teleschau: Aber Sie selbst sind häufiger zu hören ...
Gernstl: Stimmt, ich habe gelernt, dass der Kommentar eine zusätzliche Ebene darstellt. Sie erzeugt eine gewisse Art von Humor, die wir bisher nicht hatten.
teleschau: Humor, welche Definition fällt Ihnen dazu ein?
Gernstl: Einfach gesagt: Wenn ich über etwas lachen kann. Ein Beispiel: In der ersten Folge auf Sylt treffen wir zwei Menschen. Sie quasselt, er brummelt. Ich frage sie, ob sie beide in Pension sind, und er grummelt: "Ne, im Hotel". Ich spüre das inzwischen schon, wenn was Heiteres im Busch ist. Aber man muss auch den Kameramann dazu haben, der das erkennt und drauf bleibt. Wiederholen lässt sich das alles ja nicht.
teleschau: Fragen Sie die Menschen, die Sie treffen, ob Sie mit dem Senden des Materials einverstanden sind?
Gernstl: Natürlich, ich kenne ja die Gepflogenheiten. Manchmal passt es auch, dass man einen Fünfziger danach zusteckt, gerade, wenn man merkt, dass es einer brauchen kann. Und manchmal eben gar nicht. Ich kann ja nicht dem Sargbauer, der den Tränen nahe ist, dann Geld geben. Viel wichtiger ist, dass man den Leuten die DVDs schickt. Es gibt andere schludrige Fernsehteams, die gehen und sich denken: Nach mir die Sintflut. Die informieren nicht, ob die Sendung kommt oder nicht und hinterlassen dann verbrannte Erde. Es gibt sicher viele enttäuschte Menschen in diesem Land, die noch immer auf ihre Sendung warten.
teleschau: Wird es für Sie zunehmend schwieriger, im süddeutschen Raum zu drehen. Viele dürften Sie hier kennen ...
Gernstl: Naja, es hat auch seine Vorteile, wenn ich auf einen Bauernhof komme und die Bäuerin sagt: "Ah, der Gernstl, kemmts eina". Ich bin halt viel schneller im Wohnzimmer. Und manchmal ist es nachteilig, weil ich merke, dass sich die Leute verstellen.
teleschau: Es war also auch eine neue Herausforderung, außerhalb Bayerns zu drehen?
Gernstl: Natürlich. Ich glaube, ich frage auch interessierter, weil's für uns Bayern dann doch schon exotisch wird. Alles wirkt dann authentischer. Im Chiemgau muss ich dann eben wieder anders rangehen, weil dort die Menschen vom Tourismus schon fast wieder verseucht sind. Da fällt Neugier schwerer. Im Norden ist es anders: Da kann ich den Zuschauer spüren lassen, dass ich so blöd bin wie er. Wir kennen uns ja da auch überhaupt nicht aus.
teleschau: Nächstes Ziel ist also das Ausland?
Gernstl: Ich habe beim BR mal in Sachen "Gernstl in Amerika", West- und Ostküste, angefragt. Ist aber gleich bei der Projektbesprechung durchgefallen.
teleschau: Wieso?
Gernstl: Die meinten, ich soll doch lieber mal die Landwehrstraße (Kiezmeile in München, Anm. d. Red.) entlangfahren. Der BR will's halt weiß-blau, weil sie wissen, dass das funktioniert. Schade, ich könnte mir auch Dubai vorstellen. Wir waren ja auch in Istanbul. Keiner hat geglaubt, dass es klappen könnte, und die Einschaltquote lag bei dieser Folge bei 19 Prozent. Wir lassen also mal zwei Jahre ins Land gehen, und dann verkaufen wir dem BR noch die beiden Amerikafolgen ...
teleschau: Welche Humoristen mögen Sie selbst?
Gernstl: Ich mag zum Beispiel den Gerhard Polt sehr gern, weil er eben ein Spiegel ist für das bayerisch G'scherte.
teleschau: Kennen Sie sich?
Gernstl: Nein, leider nicht. Wir verkehren zwar in der gleichen Gaststätte, aber nie gleichzeitig. Immerhin weiß ich vom Wirt, dass Polt meine Sendungen anschaut und auch mag.
teleschau: Könnten Sie sich ein gemeinsames Projekt vorstellen?
Gernstl: Ich forciere so etwas nicht. Aber wenn er mir jetzt über den Weg läuft, dann würde mir schon was einfallen. Mir hat schon mal jemand vorgeschlagen, eine Kochsendung mit Promis zu machen.
teleschau: Sie? Schmarrn ...
Gernstl: Warten Sie. Wenn ich mit dem Polt über den Markt gehe, wir gemeinsam einkaufen und danach zusammen bei ihm kochen, kann ich mir das dann doch gut vorstellen. Außerdem esse und koche ich gerne.
teleschau: Was waren die schlimmsten kulinarischen Erlebnisse bei Ihren letzten Reisen?
Gernstl: Nun, insgesamt war für mich der gesamte Norden ein kulinarischer Aussetzer. Aber das ist ja auch verständlich, die hatten nie so richtig Zeit fürs Essen. Die mussten ja immer den Naturgewalten trotzen. Losgegangen mit dem guten Essen ist es wieder ab Trier. Da ging's wieder bergauf. Und dann kommt schon das Saarland, dort grillen sie den ganzen Sommer hindurch und haben einfach mehr Zeit.
teleschau: In Ihren Sendungen kommen oftmals Künstler vor. Sind Künstler die interessanteren Leute?
Gernstl: Ich frage nicht direkt nach ihnen. Aber wenn ich im Wirtshaus sitze und wissen will, ob es in dem Ort jemand Interessanten gibt, dann wird halt oft der Künstler genannt.
teleschau: Aber ein lustiger KFZ-Mechaniker ...
Gernstl: ... ist mir natürlich auch viel lieber. Was interessiert mich ein Künstler, der nur geschwollenes Zeug redet. Wir sprechen ja dann auch kaum über die Kunst.
teleschau: Wie hoch ist das Frustpotenzial beim Drehen?
Gernstl: Sehr hoch! Manchmal drehe ich drei Tage und glaube, es wäre toll gelaufen. Dann schaue ich es mir an und merke: Es ist grausam, weil ich doch nur langweilige Typen erwischt habe.
teleschau: Wie flüchten Sie aus der Situation, wenn Sie merken, dass das Gespräch nichts wird?
Gernstl: Früher machte ich weiter, weil es mir peinlich war. Jetzt beende ich das ganz schnell. Besonders, wenn ich irgendeinen Kotzbrocken habe, mit dem ich politisch überhaupt nicht harmoniere. Da sag ich dann schon: "Tut mir leid, das interessiert mich jetzt gar nicht."
teleschau: Haben Sie dann in solch einer Situation nicht immer Ihr geistiges Controlling vor Augen und die Frage, ob Sie Ihre Familie ernähren können?
Gernstl: Ja freilich, gerade in den ersten 20 Jahren haben wir alle schon öfter an Selbstmord gedacht (lacht). Wir glaubten früher immer, dass sie uns beim BR auf die Schliche kommen: dass wir Scharlatane sind, nur blödes Zeug gedreht haben und überhaupt nix können. Da gab es sie schon, diese Existenzängste. Aber inzwischen weiß ich, dass immer ein bisschen was geht.
teleschau: Ihre Sendung ist Teamarbeit.
Gernstl: Ja, wir sind sehr talentiert darin, uns gegenseitig Salz in die Wunden zu streuen. Wir haben alle schon mal die Hosen runtergelassen. Aber keiner ist nachtragend. Dazu kennen wir uns zu gut. Wir wohnten ja auch mal gemeinsam in einer Männerwohngemeinschaft, und ich war auch mal mit dem Fischer seiner Frau zusammen (bevor der Fischer mit ihr zusammen war, Anm. d. Red). Bei uns gibt's nichts Unausgesprochenes mehr. Wenn wir also mal drei Tage in der Provinz hocken und nichts geht, dann trinken wir, klopfen uns auf die Schulter und sagen uns: "Wird scho wieder".
teleschau: Zum Abschluss vielleicht noch Ihren Lieblingswitz?
Gernstl: Ja, aber der ist so blöd ...
teleschau: Na, dann mal los!
Gernstl: Gut. Kommt der Frosch zur Käsehändlerin, und sie fragt: Was hätten sie den gerne? Sagt der Frosch: "Quack".
teleschau: Blöd ...
Gernstl: Sag ich doch ...