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Jule Böwe: Komödien-Freizeit

21/07/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) In so leichtem Ambiente hat man den Berliner Theaterstar Jule Böwe bisher selten erlebt. In der federleichten Komödie "Schokolade für den Chef" (Sa. 26.07., 20.15 Uhr, im Ersten) spielt die für ihre durchlässig komplexen Frauenrollen bekannte Mimin an der Seite von Götz George eine Schokoladen-Managerin. Im Gespräch zum Film, der zu Götz Georges 70. Geburtstag ausgestrahlt wird, äußert sich die Schauspielerin über das Geheimnis des berühmten Kollegen, aber auch über die Treue zu ihrer künstlerischen Heimat, der Berliner Schaubühne. Im unkonventionellen Lebensentwurf der ehemaligen Ergotherapeutin, die als spät Berufene zunächst von vielen Schauspielschulen abgelehnt wurde, spielt übrigens das Wort "Treue" eine gewichtige Rolle.

teleschau: Der Film "Schokolade für den Chef" erinnert an eine Zeit, als Deutschland noch über Heinz Erhardt lachte, Millionäre in die Rollen von Dienstboten schlüpften und am Ende eine Doppelhochzeit gefeiert wurde ...

Jule Böwe (lacht): Das mit Doppelhochzeit stand sogar mal im Script, wurde dann aber rausgestrichen. Klar, diese Verwechslungsnummer ist natürlich ganz alte Schule. Ein tausendmal erzähltes Märchen. Was mich aber überzeugte, waren Regisseur Manfred Stelzer, den ich sehr beeindruckend finde, und die tolle Besetzung: Götz George, Irm Hermann, Astrid Meyerfeldt, Karl Kranzkowski, Rudolf Wessely, Ludger Pistor, Pierre Besson - das sind alles total schräge Vögel. Ich war gespannt darauf, was mit diesem Ensemble aus so einem Stoff herauszuholen ist.

teleschau: Kann man das Genre der seichten Komödie von innen sprengen - mit einem solchen Ensemble? Und wenn ja, wie macht man das?

Jule Böwe: Ich denke, die Komödie scheint immer dann am besten hervor, wenn man seinen Stoff ernst nimmt. Meine Rolle ist die der etwas leidenden, nicht ganz durchblickenden Frau. Insofern musste ich ohnehin nicht so auf den Putz hauen. Wir dachten aber nie, dass wir das Drehbuch in irgendeiner Form verändern müssten.

teleschau: War die Tatsache, mit Götz George zu arbeiten, auch ein Grund, in diesem Film mitzuspielen?

Jule Böwe: Ich habe nicht wegen Götz zugesagt, sondern wegen des Ensembles. Trotzdem habe ich mich gefreut, mal mit ihm zu spielen. Für mich war es das erste Mal.

teleschau: Wie war er als Kollege?

Jule Böwe: Super. Wie ein guter Schauspielkollege sein sollte.

teleschau: Götz Georges Schauspielkunst wird immer wieder über den grünen Klee gelobt. Was macht seine besondere Qualität aus?

Jule Böwe: Ich habe ihn beobachtet, wie er mit Text umgeht. Das Besondere an ihm ist: Egal, was er sagt, es klingt nie gestelzt, sondern immer wie aus dem Leben gegriffen. Einige sagen, er nuschelt sich da so rein. Götz George beherrscht eine ganz natürliche Sprachform, deshalb kommt er seinem Publikum auch so nah. Für mich ist das sein Geheimnis. Er erzeugt Direktheit - und das in jedem Satz. Jeder Schauspieler hat dies zum Ziel, aber es können nicht alle (lacht).

teleschau: Ist so eine Fähigkeit angeboren?

Jule Böwe: Weiß ich nicht, ob das bei ihm angeboren ist. Er steht, glaube ich, 60 Jahre vor der Kamera. In dieser Zeit kann man sich eine Menge Handwerk antrainieren ...

teleschau: Sie selbst haben lange vergeblich versucht, von einer Schauspielschule angenommen zu werden. Fühlen Sie sich heute als Handwerkerin?

Jule Böwe: Ich würde mich nicht als Handwerkerin bezeichnen. Natürlich beherrsche ich Dinge, eben weil ich ganz viel Theater, Film, Fernsehen und Hörspiele gemacht habe. Trotzdem bin ich vom Typ her kein Handwerker, der vordergründig Werkzeuge benutzt. Ich bin eher eine Bauchschauspielerin, die sehr viel aus ihrem eigenen Gefühlshaushalt abgreift.

teleschau: Kommen Sie da immer so gut ran?

Jule Böwe: An meinem Bauch komme ich immer ran, das fällt mir leicht.

teleschau: Auch wenn die Rolle noch so schräg ist und vielleicht sehr weit entfernt liegt von Ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie haben bisher sehr oft stark angeschlagene Frauenrollen gespielt, wirken aber selbst fröhlich und ausgeglichen ...

Jule Böwe: Die angeschlagenen, durchlässigen Frauengestalten, die ich spielte, sind in der Häufung ein bisschen Zufall, aber auch ein bisschen typbedingt. Durchlässigkeit ist ein gerne benutzter Begriff, um meinen Typ zu beschreiben - auch wenn ich das selbst gar nicht so empfinde. Wenn man hauptsächlich am Theater arbeitet, so wie ich, spielt man aber ohnehin sehr viele unterschiedliche Rollen.

teleschau: Soll das Theater nach wie vor Ihre Basis bleiben, auch wenn Film- und Fernsehanfragen immer häufiger an Sie herangetragen werden?

Jule Böwe: Theater, Film, Fernsehen, Hörspiel - das gehört für mich alles zusammen. Wenn ich nicht alles machen würde, fühlte ich mich in meinem Beruf gar nicht ausgefüllt. Theater ist aber nach wie vor die Basis von allem. Ein Leben ohne Theater kann ich mir nicht vorstellen.

teleschau: Sie haben nach wie vor ein festes Engagement an der Berliner Schaubühne?

Jule Böwe: Ich bin dort seit fast zehn Jahren fest angestellt. Längere Drehs kann ich meistens nur in der Sommerpause zusagen. Die Schaubühne ist aber sehr kooperativ mit mir. Wir sind ja schon sehr lange zusammen. Da lässt man den Partner auch mal gehen, damit der sich neue Anregungen holen kann.

teleschau: Viele fest angestellte Theaterschauspieler, die Erfolg im Fernsehen haben, geben ihr Angestelltendasein nach einer Weile zugunsten eines freieren Lebens mit besseren Verdienstmöglichkeiten auf. Was hält Sie so lange an der Schaubühne?

Jule Böwe: Es gibt diese Überlegung, vielleicht 2009 etwas zu ändern. Dann habe ich zehn Jahre Schaubühne und zwölf Jahre mit dem Regisseur Thomas Ostermeier hinter mir. Aber letztlich habe ich mich bisher immer fürs Weitermachen entschieden, weil es mir an der Schaubühne gut geht. Das Ensemble dort ist meine Familie, dort bin ich gewachsen.

teleschau: Sind Sie ein Familientyp, ist Ihnen diese Art Geborgenheit wichtig?

Jule Böwe: Ich bin absolut so eine Art Familientyp. Das ist sicher auch der springende Punkt für mein langes Verweilen im Ensemble. In meinem Leben gibt es ganz unterschiedliche Familien: meine Theaterfamilie, meine Freunde, meine richtige Familie. Möglicherweise brauche ich immer eine gewisse Basis. Einen Grund, auf dem ich arbeite. Ich habe das noch nicht hundertprozentig herausgefunden bei mir. Ich bin ein sehr treuer Mensch. Aber die Leute bleiben mir ja auch treu (lacht).

teleschau: Das bezieht sich auf fast alle Lebensbereiche bei Ihnen. Sie wohnen auch schon seit 20 Jahren im selben Haus in Berlin auf dem Prenzlauer Berg ...

Jule Böwe: (lacht) Ja, auch an so etwas erkennt man Treue. Allerdings hat das mit dem Haus seine eigene Geschichte. Zu Ostzeiten wohnte ich da als Studentin schwarz drin. Nach der Wende gründeten wir alle zusammen eine Genossenschaft, wir kauften das Haus und renovierten es. Inzwischen haben wir 22 Häuser und das ist ein richtiges Projekt geworden. Auch deshalb bin ich da noch.

teleschau: 22 Häuser - Sie sind also im Nebenberuf Immobilienunternehmerin.

Jule Böwe: Nein, völlig falsch. Das ist genossenschaftliches Eigentum. Das Anhäufen von Privateigentum macht mir eher Bauchschmerzen. Wir haben uns damals vorgenommen, möglichst viele Häuser aus der Spekulationsmasse rauszuholen. Wir wollten auch den Mietspiegel erhalten. Ich war im Vorstand und im Aufsichtsrat der Genossenschaft. Das verbindet mit dem Haus. Unten ist gleich meine Stammkneipe. Das sind Sachen, die ich mag. Auch das Haus ist für mich ein Stück Familie, Basis, Geborgenheit.

teleschau: Was wird man als Nächstes von Ihnen sehen?

Jule Böwe: Jetzt habe ich noch ein bisschen Urlaub, und Ende August beginnen die Proben zu "Anatol" nach Arthur Schnitzler unter der Regie von Luk Perceval. Am 1. November ist Premiere. Dann bin ich wieder auf der Schaubühne.