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Michael Kessler: "Frank Plasberg freut sich richtig drauf!"

21/07/2008 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern (tsch) Besser als das Original ist Michael Kessler oft, wenn er Florian Silbereisen, Peter Kloeppel oder Günther Jauch in der TV-Parodie "Switch Reloaded" veralbert. Da johlt das Publikum vor Vergnügen, die Promis sind dennoch nicht alle gleich verschreckt. Frank Plasberg und Horst Lichter sollen sich sogar schon darauf freuen, wenn der 41-Jährige sie nun in der dritten Staffel (ab Di., 19.08., 22.15 Uhr, ProSieben) ebenfalls parodiert. Doch Michael Kessler kann nicht nur als Mitglied des "Switch"-Ensembles gnadenlos Sprechweise, Mimik und Gestik anderer analysieren und anwenden - er kann auch gut zuhören: Gerade schiebt er wieder Schicht für die vierte Staffel von "Berliner Nacht-Taxe". In dem ungewöhnlichen RBB-Talkformat kutschiert der Wahlkölner Fahrgäste durch die Hauptstadt und entlockt ihnen ihre Geschichten. Selbst sagt er allerdings: "Mein Privatleben ist mir heilig." - Macht nichts. Es gibt auch so genug zu besprechen.

teleschau: Herr Kessler, wie haben Sie sich für die neuen Folgen von "Switch Reloaded" an Frank Plasberg angenähert?

Michael Kessler: Wir dachten zunächst, das wäre einfach, merkten dann aber schon in der Maske: Das ist doch schwerer. Manche sind sehr leicht zu parodieren - ein Horst Lichter oder ein Florian Silbereisen geben viel her in ihren Outfits, der Art und Weise wie sie sich bewegen. Kloeppel oder Frank Plasberg haben weniger zu bieten.

teleschau: Bei Kloeppel griffen Sie die Betonung in seinen Sätzen heraus - was wählten Sie bei Plasberg?

Kessler: Bei ihm fand ich es extrem, wie er an seinem Tisch steht, wenn er mit den Politikern redet. Da stützt er sich dann zum Beispiel auf, steht sehr schräg und hat immer den Kugelschreiber in der Hand.

teleschau: Ja, stimmt!

Kessler: Das ist seine Grundhaltung, die wir dann einfach verstärkten: Ich stehe also im Sketch sehr, sehr schräg. Das sind dann oft die kleinen Dinge, bei denen - wie auch bei Kloeppel - Leute auf mich zukommen und sagen: "Mensch, das ist mir nie aufgefallen, aber es stimmt, das macht der!" (lacht).

teleschau: Beobachten Sie Menschen aufmerksamer, seit Sie professioneller Parodist sind - oder gehörte das schon vorher zu Ihrem Schauspielhandwerk?

Kessler: Das sollte ein Schauspieler machen, ja. Mein alter Lehrer damals an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum sagte: "Es ist ein Frevel, in einer Straßenbahn zu lesen. Seht euch die Menschen an!" - Ich setze mich unheimlich gerne einfach in einer Fußgängerzone ins Café und beobachte.

teleschau: Haben Sie sich mal spaßeshalber überlegt, was ein Parodist von Michael Kessler wohl überbetonen würde?

Kessler (lacht): Er müsste sich eine große Nase ankleben ...

teleschau: ... und abgesehen von der Maske?

Kessler: Oh, das wäre, glaube ich, schwer. Ich wäre wohl erst einmal langweilig (lacht). Da müsste mich der Parodist schon sehr genau studieren. Ich bin ja privat nicht so der Florian Silbereisen.

teleschau: Fällt es Ihnen eigentlich manchmal schwer, nach der Klappe wieder von einer so überdrehten Rolle herunter zu kommen?

Kessler: Es geht. Den "Obersalzberg" zum Beispiel drehen wir eine Woche lang von morgens bis abends, und ich spiele in jeder Szene diese Mischung aus Hitler und Stromberg. Danach spüre ich eine gewisse Abfärbung. Ich transformiere dann nicht zu Adolf Hitler, verstehen Sie mich nicht falsch! Aber die Sprechweise und diese Strombergschen Formulierungen, das färbt ab. Da muss ich mich privat ein bisschen zusammennehmen, um das wieder abzustellen.

teleschau: Neu in der aktuellen Staffel sind unter anderem Tom Buhrow von den "Tagesthemen", die ZDF-TV-Köche Horst Lichter und Johann Lafer sowie Anja Kohl von "Börse im Ersten" - auffallend viel Öffentlich-Rechtliches.

Kessler: Ja, wir können ja nicht nur immer das Privat-Fernsehen fertigmachen ... Jetzt, da auch die ARD mal die Farben in den Flaggen vertauscht, muss man sich denen ebenfalls widmen.

teleschau: Das heißt, auch das Öffentlich-Rechtliche ruft zunehmend lauter nach Parodie?

Kessler: Insgesamt bietet uns das Privatfernsehen natürlich mehr Angriffsfläche, weil - ich sag's jetzt mal so - da mehr Schrott läuft.

teleschau: Genießen Sie tatsächlich völlige Narrenfreiheit bei ProSieben? Sie machen ja auch nicht Halt vor sendereigenen Shows wie - ebenfalls neu - "tv total" oder "Germany's Next Topmodel" ...

Kessler: Da gibt es überhaupt keine Einschränkungen. Die sehen das ganz entspannt. Zum Glück.

teleschau: Auch die parodierten Kollegen selbst?

Kessler: Die nehmen es, glaube ich, auch mit Humor. Ich hatte mal eine Begegnung mit Florian Silbereisen, und er sagt zwar, dass er manchmal kräftig schlucken muss, aber er fände es auch lustig. Was wollen die auch sonst sagen? Ich würde mal behaupten: Herr Kloeppel lacht so viel, wie er lachen kann. Aber wenn wir nicht zufällig einen der Parodierten treffen - etwa bei einer Veranstaltung - hören wir von ihnen eigentlich nichts. Ich weiß nur zufällig von Frank Plasberg, den ich auch persönlich kenne, und von Horst Lichter: Die freuen sich richtig drauf! Eine negative Reaktion haben wir noch nie erlebt. Aber man muss auch sagen: Wir schlagen zwar zu, achten aber darauf, dass wir nicht unter die Gürtellinie treffen.

teleschau: Wie viele Stunden pro Tag sehen Sie fern?

Kessler: Weniger als vermutet. Privat interessieren mich im Fernsehen vor allem Dokumentationen. Besonders gerne sehe ich mir amerikanische oder englische Serien auf DVD an. Deutsches Fernsehen schaue ich eher aus beruflichen Gründen.

teleschau: Was machen Briten und Amerikaner Ihrer Meinung nach besser als deutsche Fernsehautoren?

Kessler: Die britischen sind viel anarchischer, böser und letztlich auch kreativer. Viel Neues kommt ja von dort. Die Deutschen tun sich da sehr schwer, weil sie sich nicht trauen. Ich bin mir sicher, dass auch hier in einigen Schubladen sehr lustige Ideen schlummern. Die Amerikaner, finde ich, schaffen immer eine tolle Verbindung zwischen Ernsthaftigkeit, Humor und echtem Gefühl. In Serien wie "Grey's Anatomy" oder "Desperate Housewives" gibt es ja auch immer ganz tolle ernste oder traurige Momente - und das finde ich toll. Bei den Deutschen ist es meist entweder nur komisch oder nur dramatisch. Mit dem Gefühl tun wir uns ja auch immer ein bisschen schwer.

teleschau: Gibt es gar nichts, was Sie im Deutschen Fernsehen noch erheitern kann?

Kessler: Ich bin nach wie vor ein großer Fan von Loriot und Gerhard Polt. Ich bin auch ein "Pastewka"-Fan. Nicht, weil ich da mitspiele, aber das schaue ich einfach gerne. Für mich darf es ein bisschen mehr Gehalt haben, ein bisschen intelligenter sein - wobei ich auch bei Dick und Doof lachen kann.

teleschau: Wie kam's, dass Sie auch schreiben - Schauspielen allein war irgendwann zu langweilig?

Kessler: Damit habe ich angefangen in Zeiten, als es mit der Schauspielerei nicht so gut lief. Die habe ich nämlich auch erlebt, saß herum und nichts passierte. In dem Moment brauchte ich einfach eine Beschäftigung. Das hat sich dann zu einer Leidenschaft von mir entwickelt.

teleschau: Zuletzt schrieben Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse in der Sendung "Berliner Nacht-Taxe" beim RBB. Sie fahren Taxi und die Menschen erzählen Ihnen Ihre Geschichten. Wie bringen Sie sie dazu?

Kessler: Das ist gar nicht so einfach. Viele Menschen denken ja heutzutage, im Fernsehen ist alles gefaked. Ich fahre tatsächlich eine Freitag- und eine Samstagnacht eine ganze Taxi-Schicht. Wenn die Leute einsteigen, sage ich Ihnen sofort: "Das ist eine TV-Sendung, ich fahre Sie umsonst, aber Sie werden gefilmt." 90 Prozent der Menschen steigen ein. Viele kennen mich nicht, das ist die bessere Voraussetzung. Die Kunst ist es dann, einfach neugierig zu sein. Und das bin ich. Ich frage ehrlich, und das Ziel ist, dass die Menschen diese Kameras vergessen. Erstaunlicherweise funktioniert das.

teleschau: Haben Sie beim Zuhören auch etwas über sich selbst herausgefunden?

Kessler: Ja. Ich bin zum Beispiel kein Nachtmensch.

teleschau: Nicht gerade ideal dafür ...

Kessler: Es ist unglaublich anstrengend. Aber ich mache die Sendung wahnsinnig gerne. Weil ich es toll finde, dass wir da anderes Fernsehen produzieren. Wir verarschen niemanden, es wird keiner vorgeführt, und ich bin erstaunt, wie offen viele Menschen sind. Im Grunde ist es ein Talkformat, aber es reden ganz normale Menschen - kein Prominenter, der wieder ein Buch promotet. Das finde ich im deutschen Fernsehen inzwischen auch wahnsinnig anstrengend, diese eigene Maschinerie, in der sich jeder gegenseitig bewirbt. Einfach mal Geschichten aus dem Leben zu hören, finde ich spannend.