(tsch) Wentworth Miller ist der beste Beweis dafür, dass sich Ganzkörper-Tattoo und Köpfchen ebenso wenig ausschließen, wie Sex-Symbol und perfekter Schwiegersohn. Von Princeton ging es für den 35-Jährigen über Umwege ins "Prison" - und das war der Durchbruch für den gebildeten Shooting-Star. Vermutlich hat dieses Tattoo, das er als Michael Scofield in der US-Serie "Prison Break" (ab Donnerstag, 09.08., zeigt RTL statt der Doppelfolgen um 22.15 Uhr nur noch jeweils eine Episode um 23.10 Uhr) über den kompletten Oberkörper ausgebreitet zur Schau trägt, einiges dazu beigetragen ...Schließlich gibt schon die erste Einstellung, mit der die Fox-Serie eröffnet wird, den Blick auf Millers unbekleidete Brust und Oberarme frei, über die die Tätowier-Nadel kreist. "Hot" ist das Adjektiv, das - von lautem Gekreische begleitet - derzeit am häufigsten mit dem Namen Wentworth Miller fällt. Doch auch Michael Scofield, den er verkörpert, ist kein Draufgänger - und ebenso wenig ein echter Knacki wie sein Darsteller: Er lässt sich bei einem inszenierten Überfall verhaften, um seinen zum Tode verurteilten Bruder aus dem Knast zu holen. Und das Tattoo (jedes Mal vier Stunden in der Maske!) - das ist der Ausbruchsplan. Schützenswert wirkt dieses Lamm im Wolfspelz zwischen all den Knastbrüdern. Weibliche Fans schwärmen von seinem Augenaufschlag, der sie in seiner Langsamkeit an die Furbies erinnert - an kuscheliges Spielzeug.
"Ich hatte beschlossen, für die Rolle nicht zu trainieren", gab Miller zu. "Ich bin ziemlich faul, und außerdem ist diese Figur kein Superheld. Ich wollte nicht, dass Michael ein Muskelprotz ist, der sich wie Jackie Chan bewegt. Denn er ist cleverer als der Durchschnitt." Der vergleichsweise schmächtige, sanftmütige junge Mann mit dem scharfen Verstand, den Miller mit minimalistischem Spiel darstellt, haut Testosteron-Kiefer aus "24" in der weiblichen Zuschauer-Gunst glatt um. Eine Nominierung für den Golden Globe gab's obendrein.
Wentworth Earl Miller III, wie er mit vollem Namen heißt, wurde in England geboren, weil sein Vater - Wentworth Earl Miller II - in Oxford studierte. Aufgewachsen ist er aber in Brooklyn. Als er in der US-Show von Jimmy Kimmel gefragt wurde, ob er diese Namens-Tradition fortsetzen wolle, antwortete er: "Genug ist genug. Mein Sohn bekommt ihn als zweiten Vornamen - und mit erstem heißt er dann vielleicht Jimmy!" - witzig ist er auch noch! Nachwuchs scheint allerdings so bald nicht in Sicht. Der im Internet unter die "Sexiest Men Alive" gewählte Miller behauptet, Single zu sein. Es dauerte nicht lange, da ging das Gerücht um, er stehe ohnehin auf Männer. Der Star dementierte: "Ich bin nicht schwul. Es ist für mich okay, dass es solche Gerüchte gibt. Sie entspringen der Fantasie der Leute." Es sei ihm ziemlich egal, ob sie ihn für hetero oder homo hielten, "solange sie weiterhin die Serie schauen".
Vor "Prison Break" war Miller in mehreren Gastrollen in US-Serien wie "ER", "Buffy - Im Bann der Dämonen", "Ghost Whisperer" und in der Mini-Serie "Dinotopia" zu sehen - sowie in zwei Musikvideos von Mariah Carey. "Wenn Sie meinen Lebenslauf ansehen, dann stehen da vielleicht zwölf Engagements. Dafür war ich aber bei 450 Castings. 'Nein' hörte ich wesentlich häufiger als 'ja'." Zur Schauspielerei kam Miller über Umwege. In seinem Akademiker-Elternhaus wurde Wert auf Bildung gelegt. Er selbst studierte englische Literatur an der renommierten Princeton-Universität (wo er auch der A-Capella-Truppe The Princeton Tigertones angehörte) - und lässt gelegentlich Belesenheit einfließen. "Bei der Erfahrung, mich nun tagaus, tagein für andere Leute definieren zu müssen, half mir ein Zitat aus Toni Morrisons 'Beloved': 'Definitions belong to the definers, not the definded."
Nach dem Abschluss zog er 1995 nach Los Angeles. "Ich liebte Film und Fernsehen." Zunächst arbeitet Miller bei einer TV-Produktionsfirma hinter der Kamera. "Nach etwa eineinhalb Jahren merkte ich, dass ich unbewusst nach L.A. gekommen war, um Schauspieler zu werden." Eine der Rollen, die seinen Lebenslauf besonders schmücken, ist die des jungen Coleman Silk (der ältere wurde von Anthony Hopkins gespielt) in dem Kinofilm "Der menschliche Makel" (2003) (Donnerstag, 16.08., 22.45 Uhr, ARD). Silk ist afro-amerikanischer Abstammung, die er aber verleugnet, weil er zufällig hellhäutig ist. Eines Tages wird er fälschlicherweise des Rassimus bezichtigt. Zweierlei schien Wentworth Miller besonders für diese Rolle zu qualifizieren: Zum einen ist seine eigene Herkunft höchst ungewöhnlich - sein Vater ist afro-amerikanisch, jamaikanisch, englisch, deutsch, jüdisch und Cherokee, seine Mutter russisch-französisch-niederländisch-syrisch-libanesischer Abstammung. Zum anderen passierte Miller an der Uni etwas Ähnliches: Ein Cartoon, den er im "Daily Princetonian" veröffentlichte, wurde als diskriminierend missverstanden. Die Anekdote habe später beim Casting für die Rolle sowohl ihn als auch die Leiterin des Vorsprechens zu Tränen gerührt ...
Der Serien-Star, der nebenbei auch noch zur Stil-Ikone avancierte, scheint so gar keine Allüren zu haben: ein ruhiger, freundlicher junger Mann mit Tierhaar-Allergie, der gerne Scrabble spielt und Flip-Flops trägt - nachdem am Abend das Tattoo von ihm abgeblättert ist. Noch ein wenig Selbstdefinition zum Schluss: "Ich bin ein sehr zurückgezogener Mensch. Ich muss in mich hineinlachen, wenn ich gefragt werde, in welchen Locations ich mich nachts herumtreibe. Auf solche Fragen habe ich einfach keine Antworten. Manchmal erfinde ich welche."