Samuel Finzi: Immer ein bisschen überhöht

23/10/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Überborden heißt: über das normale Maß hinausgehen, schäumen, ausarten. Das kann Samuel Finzi, auch wenn er zum Zeitpunkt des Interviews mit Streifenhemd, dicker Brille und Schal gar nicht so wirkt. Er ist, letztgenanntes Kleidungsstück verrät es fast, Theaterschauspieler, hauptsächlich in Berlin. Einer der Kritiken bekommt, aus denen man das Berührtsein der Autoren lesen kann. Als Finzi mal einen Kinoausflug machte mit der viel gelobten kleinen Produktion "Wir sagen Du, Schatz!" nahm er den Titel wörtlich und verliebte sich am Set. Nicht das erste Mal, dass es Überschneidungen zwischen der Kunst und seinem Leben gab, sagt er und ist wohl selbst gespannt, was ihm "Flemming" (ab 13.11., freitags, 21.15 Uhr, ZDF) bringen wird. Denn der 41-jährige gebürtige Bulgare spielt fürs ZDF den Kriminalpsychologen gleichen Namens. In der Serienhauptrolle an der Seite von Claudia Michelsen dreht er als Alleswisser auf, erklärt Finten und entlarvt unbedachte verräterische Bewegungen. Außerdem ist da noch die Sache mit dem Don-Juan-Syndrom.

teleschau: Sie sind ja eine Waffe, was Frauen angeht. Kann man das spielen?

Samuel Finzi: Nein. (lacht) Ich weiß nicht, ob man das spielen kann. Wobei ich ja eher der Täter mit der Waffe bin, um im Bild zu bleiben. Jetzt will ich nicht sagen, dass ich wahnsinnig charmant bin ...

teleschau: Aber?

Finzi: Vielleicht habe ich mich bemüht, die Tricks, die es ja gibt, um Frauen - oder auch Männer - zu beeindrucken, zu unterstreichen. Der Rest ist meine Persönlichkeit (lacht wieder).

teleschau: Flemming nutzt seine Fähigkeiten beruflich wie privat schamlos aus. Wie finden Sie denn das?

Finzi: Tun wir das nicht alle? Wir verfügen nur über uns selbst und wollen etwas erreichen. Deswegen bewegen wir uns, innerhalb gewisser Grenzen von Moral, mit dem Ethos, das jeder hat. Flemming betrachtet die Schuldigen als Patienten und will ihnen helfen. Er hält sich nicht für Gott, aber er hat ein gewisses Ego, weswegen er glaubt, alles heilen zu können. Außerdem findet er, dass er oft recht hat.

teleschau: Kennen Sie das Gefühl?

Finzi: Ja, kenne ich. Ich bin Schauspieler und sag es mal so: Eine vernünftige Dosis Selbstbewusstsein stört nicht bei dem Beruf. Er besteht aus nichts, wir leben von der Behauptung, die sich in Wirklichkeit wandelt. Dazu trägt Selbstbewusstsein bei.

teleschau: Sie sind ein Mensch, der gerne mit Regisseuren zusammenarbeitet, die Ihnen Freiheit lassen.

Finzi: Das stimmt. Auf Theaterbühnen entstehen Dinge, von denen weder der Schauspieler noch der Regisseur wusste, dass sie passieren würden. Zwei Meinungen treffen aufeinander, eine Situation, in der der Schauspieler, so behaupte ich, mehr weiß als der Regisseur: Dieses Entdecken, das Erfinden, ist das Schönste überhaupt.

teleschau: Kann das auch mal Angst machen?

Finzi: Ja. Manchmal überschreite ich beim Spielen Grenzen. Es ist mir schon passiert, dass ich nicht wusste, ob ich zurückkommen kann. Das klingt jetzt ein bisschen pathetisch, natürlich kommt man zurück. Aber manchmal packt mich so eine Geschwindigkeit, ein Wahn, in den ich mich selbst reinreite. Im Theater treffe ich die Entscheidung.

teleschau: Das ist vor der Kamera anders.

Finzi: Beim Film bin ich sehr abhängig von den Umständen, mein Material wird bearbeitet. Es fallen Entscheidungen über die Figur, ob in der Redaktion oder im Schnitt. Da hört meine Freiheit auf.

teleschau: Was dann sicher auch zu Enttäuschungen führt.

Finzi: Ja, wenn ich mir denke: Das habe ich so gut gespielt. Aber es fällt weg, weil es nicht der Geschichte dient. Das ist in Ordnung, aber ich bin ohnehin noch sehr aufgeregt, den "Flemming" jetzt zu sehen. Mir fehlt da die Distanz, und meistens schäme ich mich, mich zu begutachten.

teleschau: Trotzdem haben Sie sich jetzt für eine längerfristige Arbeit in einer Fernsehserie entschieden. Weil es an der Zeit war, sich einem größeren Publikum vorzustellen?

Finzi: Es hat sich richtig angefühlt. Ich bin keiner, der Sachen überstürzt oder das Leben voller Ehrgeiz angeht. Aber als ich vorher nur so für mich nachdachte, was ich mir im Fernsehbereich vorstellen könnte, habe ich mir einen erträumt, der kein banaler Kommissar ist, sondern Arzt oder Psychologe, der aus einem anderen Metier kommt. Es ist, als hätte mich da oben einer gehört.

teleschau: Das dürfte ein göttliches Kompliment für ZDF-Autor Gregor Edelmann sein.

Finzi: Auch wenn ich zunächst für eine andere Rolle gecastet wurde. An Gregor Edelmann gefällt mir sein großes Bewusstsein für die Form. Er verlässt die naturalistische Ebene. Das ist immer ein bisschen überhöht, nicht wie man im Alltag spricht. Ich hatte übrigens noch nie so lange Monologe, über anderthalb Seiten mitunter.

teleschau: Spielte auch Geld bei der Entscheidung für "ein langfristiges Engagement" eine Rolle?

Finzi: Nein, gar nicht. Das Finanzielle hat mich nie zu Entscheidungen bewegt. Ich werde das Theater nicht aufgeben, von daher sehe ich das alles nicht so verbissen. Theater ist meine eigentliche Arbeit, ich bin aber auch nicht der wahnsinnige Künstler, der alles absagt, was kommerziell ist. Ich mag Flemming, diese Figur. Deshalb spiele ich sie.

teleschau: Flemming kann man wirklich mögen. Aber wo hört das Verständnis für Mörder auf?

Finzi: Die Grenze ist tatsächlich sehr verschwommen. Das Töten gehört leider, auch wenn das brutal klingt, zum menschlichen Wesen. Und es ist eine interessante Frage, mit der wir uns in künftigen Folgen beschäftigen sollten: Wo hört sein Verständnis auf? Denn bis jetzt geht er sehr weit. Das ist aber das Spannende, denn unsere Gesellschaft lebt mit Mord und Totschlag. Der Umgang damit ist ein offensiver, ein Leben kostet meinem Gefühl nach immer weniger. Selbst in Deutschland werden die Toten schnell vergessen. Wie wertvoll ist unser Leben, in dessen Innerem so viel Paradoxes stattfindet?

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