"Es ist ein Anfang": Annegret Noble kümmert sich um schwer erziehbare Kids in "Teenager außer Kontrolle" (ab Mittwoch, 27. Februar, 20.15 U

25/02/2008 0:00. By
Foto vergrößern (tsch) Eltern in der Krise: Dass die Pubertät kein Zuckerschlecken ist, dürfte allgemein bekannt sein. Für manche Erziehungsberechtigte ist sie jedoch ein kaum zu bewältigender Kraftakt: Ihre Kids saufen, klauen, nehmen Drogen, prügeln sich und haben in jungen Jahren bereits ein saftiges Vorstrafenregister. Diesen Jugendlichen will der Real-Life-Doku-erprobte Sender RTL ("Raus aus den Schulden", "Die Super-Nanny") helfen und startet am Mittwoch, 27. Februar (20.15 Uhr), die zweite Staffel des erfolgreichen Formats "Teenager außer Kontrolle - Letzter Ausweg Wilder Westen". Im weit entfernten US-Bundestaat Oregon ziehen die schwer erziehbaren Kids (fünf Jungs und drei Mädchen) gemeinsam mit ihren Betreuern durch die Prärie und stellen sich ihren Problemen. Im Interview erzählte die Cheftherapeutin Annegret Noble, wie es so weit kommen konnte und was sich seitdem verändert hat.

teleschau: Frau Noble, die Therapie schwer erziehbarerer Jugendlicher findet vor laufender Kamera statt. Beeinflusst das nicht ihr Verhalten?

Annegret Noble: Natürlich tut es das. Genauso wie alle anderen Faktoren eine Therapie beeinflussen. Es spielte ebenfalls eine Rolle, dass es geregnet und sogar geschneit hat und dass ich eine Frau bin. Auch dass es fünf Jungs und nur drei Mädchen waren, hat eine Auswirkung auf das Ergebnis der Behandlung. Das ist alles weder gut noch schlecht. Das sind einfach Tatsachen, denen sie sich stellen müssen. Eine Therapie ist immer situationsgebunden.

teleschau: Vor der Kamera besteht aber doch die Gefahr einer Inszenierung ...

Annegret Noble: Das stimmt. Wenn den Kids zu Beginn an der Therapie etwas nicht gefallen hat, benutzten sie die Kamerateams dazu, uns gegenseitig auszuspielen. Sie begriffen aber schnell, dass das nicht funktioniert und hier alle am gleichen Strang ziehen. Da hörten sie rasch damit auf.

teleschau: Es werden auch sehr intime, persönliche Momente mit der Kamera eingefangen und vor einem Millionenpublikum ausgestrahlt. Sind sich die Jugendlichen ihrer Außenwirkung bewusst?

Annegret Noble: Wir haben ausführlich mit ihnen darüber geredet, was zu tun ist, wenn sie auf der Straße von Fremden angesprochen werden. Vor allem, wenn Vorwürfe kommen und man sie fragt, warum sie so respektlos mit den eigenen Eltern umgehen. Sie sind exzellent vorbereitet und können jetzt hoffentlich damit umgehen. Das Gute daran ist, dass Berühmtheit recht kurzweilig ist und man schnell wieder vergessen wird.

teleschau: Acht Wochen ist eine kurze Zeit für eine Therapie, die dauerhaft wirken soll. Reicht das aus?

Annegret Noble: Es ist auf jeden Fall ein Anfang. Vieles hängt davon ab, was der Einzelne individuell braucht, was er schon zuvor geleistet hat und wie die Folgetherapie wirkt. Ein Junge ist jetzt in einer Einrichtung in Berlin, ein anderer blieb in einer therapeutischen Pflegefamilie in den USA. Bei vielen kooperieren wir nach wie vor mit dem Jugendamt. Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass acht Wochen zwar ein guter Beginn sind, es aber auf jeden Fall noch weitergehen muss. Wichtig ist auch, dass sich die gesamte Familie ändert. Schickt man nur sein Kind weg und hofft, dass es verändert zurückkommt, arbeitet aber nicht an sich selbst, passiert es ganz schnell, dass die Jugendlichen wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen: Sie haben sich zwar verändert, aber das Umfeld sich nicht mit ihnen.

teleschau: Welche Rolle spielt die Wildnis in der Therapie?

Annegret Noble: Eine ganz zentrale Rolle. In der Auseinandersetzung mit der Natur lernen sie sich selbst kennen und erfahren ihre Stärken und Schwächen. Erst dann können sie sich einer Veränderung öffnen. In einer ungewohnten Umgebung hat man natürlich auch mehr Angst. Es gab Klapperschlangen, viel Regen und Schnee. Man konnte sich Frostbeulen holen. Aber wir haben die Kids in diversen Gesprächen gut vorbereitet.

teleschau: Ist der Trip nach Oregon für die Teenager wirklich die "letzte Chance", wie RTL es ankündigt?

Annegret Noble: Die meisten der Jugendlichen verbrachten schon viel Zeit im Heim oder in der Psychiatrie. Für viele ist es also tatsächlich so etwas wie die letzte Chance, weil sie das Gefühl haben, dass nichts vorher angeschlagen hat.

teleschau: Wieso konnte keine Therapie bisher eine Wirkung zeigen?

Annegret Noble: Da spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle, das ist kaum pauschal zu beantworten. Oftmals hat sich ein bestimmtes Beziehungsmuster eingefahren: Viele "Gespräche" werden sowohl von den Eltern als auch von den Jugendlichen als persönlicher Angriff gewertet. So kommt es schnell zu einem großen Streit, obwohl es womöglich nur um das Abendessen ging. Das meiste schaukelt sich dann hoch. Das persönliche Umfeld ist der Faktor, der die Teenager am meisten beeinflusst. Sie da rauszuholen, half enorm. Auch dass sie sich keinen Alkohol, keine Zigaretten und keine Drogen kaufen konnten, war wichtig. Der Körper konnte so entgiftet werden.

teleschau: Viele der Teilnehmer kommen aus geordneten Verhältnissen. Wieso sind sie trotzdem auf die schiefe Bahn geraten?

Annegret Noble: Die vornehmliche Aufgabe Jugendlicher besteht darin, die eigene Identität zu finden. Das ist das wichtigste Ziel. Um dahin zu gelangen, muss man sich auch von den Eltern ab- und zu Freunden und Gleichaltrigen hinwenden. Dabei besteht natürlich die Gefahr, an falsche Freunde zu geraten. Dann wird man negativ beeinflusst und trifft schließlich die falschen Entscheidungen. Bei Drogen und Alkohol machen die Kids häufig die Erfahrung, dass es ihnen dabei hilft, die Sorgen zu vergessen. Viele verbinden mit der Schulzeit auch negative Erinnerungen. Sie wurden gehänselt und keiner mochte sie. Dann fanden sie Freunde, die ihnen vermittelt haben, jemand zu sein und zurückschlagen zu können. Manchmal ist es auch ein genetisches Problem. Ist man depressiv, bricht das irgendwann heraus und macht einem das Leben schwer.

teleschau: Wie kamen die Teilnehmer untereinander zurecht? Sind Freundschaften entstanden?

Annegret Noble: Ja. Das große Ziel war aber nicht Freundschaft, sondern dass sie sich akzeptieren und unterstützen, auch wenn sie sich nicht mögen. Das ist ein wichtiger Teil der Herausforderung. Ich muss mit jemandem zurechtkommen, den ich mir unter normalen Umständen nicht als Freund aussuchen würde.

teleschau: War es für die Jugendlichen schwer, Vertrauen zu dem Betreuer-Team aufzubauen?

Annegret Noble: Das war nicht leicht. Was auf jeden Fall geholfen hat, war die Tatsache, dass sie in der ungewöhnlichen Umgebung auf uns angewiesen waren. Wir waren diejenigen, die wussten, wie man kocht, wie man warm bleibt, wie man Feuer macht - wie man überlebt. Das hat alles beschleunigt. Wir waren nicht nur Autoritätspersonen, sondern auch Helfer in der Not.

teleschau: Viele der Jugendlichen waren vor der Therapie sehr aggressiv und manche sogar als Schläger bekannt. Gab es Situationen, in denen man als Therapeut Angst vor Angriffen der Teilnehmer hatte?

Annegret Noble: Ich hatte bisher Glück, weil ich noch nie angegriffen wurde. Daher hält sich meine Angst in Grenzen. Ich kenne aber Kollegen, denen so etwas durchaus schon passiert ist und die dann mit einer gewissen Furcht rangehen.

teleschau: Wie schwer fällt es, konsequent zu bleiben, wenn ihnen gedroht wird oder die Jugendlichen vor ihnen herzzerreißend weinen?

Annegret Noble: Nicht besonders schwer. Indem ich konsequent bin, bin ich etwas, auf das man sich verlassen kann. Wäre das anders, würde ich beweisen, dass ich nicht vertrauenswürdig bin. Das ist aber das Gegenteil von dem, was ich erreichen will. Darum ist es das einzig Richtige, nicht nach Lust und Laune mit ihnen umzugehen, sondern mit eindringlicher Konsequenz.

teleschau: Was raten sie Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind, ihr Kind aber nicht ins RTL-Camp schicken können?

Annegret Noble: Nie die Hoffnung aufgeben! Das ist das Wichtigste. Es gibt immer noch jemanden, der helfen kann. Ob durch das Jugendamt, durch eine von der Krankenkasse finanzierte Therapie oder durch Treffen mit Elterngruppen. Ich möchte irgendwann mein eigenes Programm in Amerika aufbauen, das für Teilnehmer auch ohne das Fernsehen bezahlbar ist und mit den betreffenden Jugendämtern und Städten kooperiert. Das wäre mein Traum.