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(tsch) Alexandra Neldel gilt immer noch als Phänomen. Die heute 32-jährige Berlinerin schaffte es, sich vom Image des Soapstars aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu befreien, um sich im deutschen Kino und Fernsehen als ernsthafte Mimin einen Namen zu machen. Selbst "Verliebt in Berlin", ein neuerlicher Ausflug ins Seifenopernfach, konnte der gelernten Zahnarzthelferin nichts anhaben. Im Gegenteil: Neldels Darstellung des hässlichen Entleins Lisa Plenske in der Sat.1 Telenovela wurde zum Megahit, längst ist das Format in viele Länder der Erde exportiert worden. Nun hat sich die viel beschäftigte Aktrice zum ersten Mal seit "Verliebt in Berlin" wieder für eine Fernsehserie verdingt: Im zwölfteiligen ProSieben-Krimi "Unschuldig" spielt der Publikumsliebling eine Anwältin, die Justizirrtümer aufzudecken versucht (mittwochs ab 23.04., 20.15 Uhr, ProSieben).teleschau: Sämtliche Versuche der Privatsender, neue deutsche Serien zu etablieren, sind in letzter Zeit gescheitert. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass es der Crime-Serie "Unschuldig" besser ergehen könnte?
Alexandra Neldel: Als wir die Serie drehten, war die Situation noch nicht so dramatisch wie jetzt. Aber ehrlich gesagt - wenn ich so ein Projekt annehme, denke ich nicht darüber nach, ob es vielleicht scheitern könnte. Ich fand einfach die Geschichte spannend. Dass es um Menschen geht, die unschuldig im Gefängnis sitzen, dass deren Fälle und Schicksale aufgerollt werden. Zudem mag ich unsere Hauptfiguren sehr gerne - dargestellt von Clemens Schick, Erhan Emre und mir. Alle bringen eine düstere Vorgeschichte mit, die im Lauf der Folgen nach und nach aufgerollt wird. Trotzdem besitzt das Ganze auf eine gewisse Art auch Komik, die aber erst in den späteren Folgen stärker zu tragen kommt. "Unschuldig" ist ein modernes Format, bei dem man dranbleiben muss, um alles mitzukommen. Es ist eine Serie, bei der Optik und Charaktere stimmen. Ich glaube schon, dass wir damit eine Chance haben.
teleschau: Was verstehen Sie unter einem "modernen" Format?
Alexandra Neldel: Wir verbinden coole Optik mit der Zeit für Emotionen. Bei uns gibt es keine unmotiviert schnellen Schnitte. Wenn es um menschliche Gefühle geht, bleibt die Kamera schon mal länger auf den Gesichtern. Was ich außerdem modern finde: Wir erklären nicht alles. Der Zuschauer muss selbst ein bisschen mitdenken. Dazu der Mix der Charaktere mit einer Anwältin, einem Ex-Polizisten und einem medizinischen Forscher. Das alles finde ich ziemlich modern.
teleschau: Legen die TV-Macher heute nicht vielleicht ein bisschen zu viel Wert auf coole Optik?
Alexandra Neldel: Coole Optik allein nützt jedenfalls gar nichts, wenn die Leute nicht an den Charakteren dranbleiben. Wir haben uns vor Beginn der Dreharbeiten mit allen Beteiligten getroffen, um über die langfristige Entwicklung unserer Charaktere zu diskutieren - das fand ich ganz toll. Wir werden nach und nach immer mehr von den drei Hauptdarstellern offenbaren. Auch so etwas finde ich sehr zeitgemäß. Bei "Dr. House" funktioniert dies ganz ähnlich.
teleschau: Damit eine solche Strategie aufgeht, benötigt man aber auch genügend Folgen Zeit, in der die Charaktere den Zuschauern ans Herz wachsen ...
Alexandra Neldel: Das ist richtig. Aber Serie bedeutet ohnehin, dass man die Entwicklung einer Geschichte über eine längere Zeit verfolgen will. Mit welchem Pfund soll man sonst wuchern? Ich finde es schlimm, wenn eine Serie wie "Die Anwälte" nach nur einer Folge abgesetzt wird. Das ist einfach dumm, so darf man nicht arbeiten. Ich finde, zwölf Folgen sollte man einer Serie mindestens Zeit geben. Erst dann ist es fair, sie zu beurteilen. Ich glaube, dass wir mit ProSieben einen Sender gefunden haben, der uns diese Zeit gibt.
teleschau: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?
Alexandra Neldel: Eine spezielle Vorbereitung auf das Berufsbild brauchte ich nicht, da ich keine Rechtsanwältin spiele, die Plädoyers vor Gericht hält. Darüber freue ich mich, da ich es viel spannender finde, wenn man am Fall selbst arbeiten darf. Aber natürlich hatte ich eine Vorbereitung in Form von Gesprächen mit Anwälten und Kommissaren. Unsere Version einer Anwältin ist eher locker und menschlich, was aber auch meiner Beobachtung von modernen Frauen in diesem Beruf entspricht. Dass Anwältinnen zugeknöpfte Damen in spießigen Kostümen sind, dieses Vorurteil gehört, glaube ich, schon lange der Vergangenheit an.
teleschau: Nach dem Sat.1-Vierteiler "Zodiac - Der Horoskop-Mörder" sind Sie nun zum zweiten Mal in einem Krimi- oder Thrillerformat zu sehen. Haben Sie das Gefühl, dass die alten Lisa -Plenske-Fans diese Wandlung akzeptieren?
Alexandra Neldel: Wenn ich beim Drehen darüber nachdenken würde, was die Presse oder die Zuschauer von mir denken könnten, würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Deshalb darf man sich solche Fragen als Schauspielerin gar nicht stellen. Ich werde älter und mit mir meine Rollen, das ist doch ganz normal. Die Anwältin Anna Winter ist sicher keine Lisa Plenske. Keine beste Freundin, mit der man gerne mal ein Bier trinken möchte. Dennoch ist es eine spannende Figur, wie ich finde.
teleschau: Verraten Sie uns Ihr Geheimnis, mit dem Sie es schafften, sich vom Soap-Star zur viel beschäftigten Schauspielerin in Film und Fernsehen zu mausern.
Alexandra Neldel: Ich hatte vor allem auch Glück. Peter Thorwarth gab mir 1999 die Chance, direkt nach "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" in seinem Kinofilm "Bang Boom Bang" zu spielen. Mit einer solchen Biografie bin ich aber schon lange nicht mehr alleine. Mittlerweile haben es mehrere Schauspieler aus Daily Soaps in Spielfilme hinein geschafft. Warum auch nicht? Wenn man sich weiterbildet und offen ist, muss der Anfang bei einer Soap nicht unbedingt ein Karrierenachteil sein.
teleschau: Apropos Weiterbildung: Sie haben diesen Beruf ja nie wirklich gelernt. Haben Sie Minderwertigkeitskomplexe, wenn Sie mit erfahrenen Bühnendarstellern eine Szene zu drehen haben?
Alexandra Neldel: Je länger ich das mache, desto selbstbewusster werde ich. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen ich denke: Oh mein Gott, die haben alle so viel drauf und du nicht. Als ich letztes Jahr den Kinofilm "Meine schöne Bescherung" mit Martina Gedeck, Heino Ferch und Meret Becker drehte, dachte ich manchmal: Ups, da sind die Schauspieler und jetzt kommst du dazu! Aber die haben mich ganz toll aufgenommen und akzeptiert. Es kommt vor allem darauf an, wie man auftritt. Ich lese ja auch die anderen Rollen und beobachte, wie andere Schauspieler diese Rollen ausfüllen - das ist meine Methode der Weiterbildung. Ich habe es auch mal mit Schauspielunterricht probiert, aber gemerkt, das bin ich nicht - im Raum herumstehen und imaginäre Steine fangen oder irgendwelche Tiere nachmachen.
teleschau: Sie sind also überzeugte Autodidaktin?
Alexandra Neldel: Ja, das kann man so sagen. Ich weiß aber auch, dass ich nicht auf der Bühne spielen kann. Dazu fehlt mir einfach die Technik.
teleschau: Sie können also ausschließen, dass man Sie mal in einem Theater bei der Arbeit beobachten kann?
Alexandra Neldel: Im Moment schon. Ich weiß nicht, wie es in ein paar Jahren ist, wenn ich noch mehr gelernt habe und mich sicherer fühle.
teleschau: Sehen Sie sich denn gerne bei der Arbeit zu?
Alexandra Neldel: Nein! Ich kann mich überhaupt nicht gut sehen. Als wir die erste Folge von "Unschuldig" gemeinsam anschauten, musste ich oft einfach mal wegschauen. Ich bin bestimmt nicht die Art Schauspielerin, die ganz viele SMS tippt mit dem Wortlaut: Ich bin im Film "xy" zu sehen, guck ihn dir an!
teleschau: Andere Schauspieler sehen ihren Job als beendet an, wenn der Regisseur "cut" gerufen hat. Liegt die Verantwortung für das Endprodukt nicht letzten Endes woanders?
Alexandra Neldel: Nein, das sehe ich anders. Das Publikum denkt nicht daran, dass in einer misslungenen Szene noch Kameramann und Regisseur zugegen waren. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wie die ihre Arbeit gemacht haben. Wenn eine Serie oder ein Film floppen, bleibt das an mir hängen. Dann heißt es: Die Neldel hat es nicht geschafft, das Ding zum Erfolg zu führen. Der größte Druck liegt auf uns Schauspielern.
teleschau: Wie sehr schmerzen Sie Misserfolge?
Alexandra Neldel: Wenn ich im Team hart an einer Rolle gearbeitet habe und die Leute wollen das nicht sehen, bin ich schon enttäuscht. Der Kinofilm "Märzmelodie" war zum Beispiel kein großer Erfolg. Was sehr schade ist. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass mich Misserfolge nicht berühren ...
teleschau: Wenn Sie sich aber so ungern selbst zusehen, sind Sie dann nicht auch ein bisschen froh, wenn Freunde und Bekannte ihre Filme verpassen?
Alexandra Neldel: Kommt drauf an - wenn meine Mama anruft und mich lobt, finde ich das ganz toll.
teleschau: Worüber würde sich Ihre Mutter am meisten freuen?
Alexandra Neldel: Vielleicht wenn ich mal beim "Traumschiff" mitspielen würde. Das guckt sie ganz besonders gern, aber eigentlich nur wegen der schönen Landschaften.
teleschau: Und - hat Ihre Mutter die Chance, dass es so weit kommt?
Alexandra Neldel: Wenn es eine tolle Rolle wäre, warum nicht?
teleschau: Nun ja, Sie kennen ja die Rollen, die im "Traumschiff" vergeben werden. Man wird dort keine extra facettenreiche Rolle schreiben, nur damit Alexandra Neldel mitspielt ...
Alexandra Neldel: Damit ist die Frage ja dann beantwortet (lacht).