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Roland Koch: Burgschauspiel in der Seifenoper

26/06/2009 1:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Ist der Mann schizophren? Hält er sein Publikum zum Narren? Fakt ist, dass der Schauspieler Roland Koch - keineswegs verwandt mit dem namensgleichen und ebenfalls äußerst wandelbaren hessischen Politiker - mindestens zwei Berufsleben führt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Am Wiener Burgtheater, wo er als Regisseur, Schauspiellehrer und prominentes Ensemblemitglied einen Ruf wie Donnerhall genießt - steht der Schweizer Mime für anspruchsvollste Theaterarbeit. Im Fernsehen hingegen sieht man den 50-Jährigen fast ausschließlich in leichten Produktionen. In einer solchen dürfte nun der nächste Karrieresprung erfolgen. Als Familienoberhaupt Markus von Rheinberg in der ARD-Edelsoap "Geld.Macht.Liebe" (ab 06. Juli, montags, 20.15 Uhr) spielt der mediale Grenzgänger ab sofort ein deutsches Update des Texas-Fieslings J.R. Ewing aus der 80er-Kultserie "Dallas".

teleschau: Sie sind ein renommierter Theaterschauspieler, spielen am Wiener Burgtheater. Fernsehen haben Sie bislang nur sporadisch gemacht. Ist die Hauptrolle in einer lang angelegten Serie nicht ein Einschnitt im Leben?

Roland Koch: Zunächst drehen wir 21 Folgen, das ist in der heutigen Zeit in der Tat viel. Aber es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Auch weil die Rolle so viel Potenzial besitzt. Ich darf dort einfach alles sein: Liebhaber, charmanter Vater, Krimineller, Familienmensch. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, Protagonist und Antagonist in einem zu sein?

teleschau: In den frühen Achtzigern startete im deutschen Fernsehen die TV-Serie "Dallas" - auch da war der Held ein Böser, es ging ebenfalls um Reichtum, Macht, Intrigen. Ist "Geld.Macht.Liebe" das deutsche Update dieser Art Serie knapp 30 Jahre später?

Koch: Es gibt da durchaus Parallelen. Unsere Geschichte bietet natürlich Gelegenheit, ganz viele Themen zu bündeln: das Ausleuchten von Familienstrukturen, die Besonderheiten von Leuten mit "altem Geld", dazu haben wir das Glück, dank unseres Schauplatzes Finanzwelt mit dieser Krise zu kollidieren. Und das alles im Hochglanzformat, denn es soll ja vor allem unterhalten. Wenn man diese Themenstränge alle so sieht, existieren da schon Ähnlichkeiten zu Serien aus den 80er-Jahren.

teleschau: Ist es für einen Schauspieler schwierig, einen Serienhelden beim Publikum zu etablieren, der viele negative Eigenschaften hat?

Koch: Ob man sich mit einem Helden identifiziert oder von ihm im negativen Sinne fasziniert ist - beides hat Potenzial. Das Wichtige für mich ist jedoch, dass sich dieser Held entwickeln darf, dass viele Seiten von ihm am Anfang noch gar nicht feststehen - auch für mich als Darsteller nicht. Ohnehin ist kein Mensch einfach nur böse, sondern es kommen Situationen auf ihn zu, da entscheidet er sich, entweder das Legale oder das Illegale zu tun. Mir geht es um das Verhalten in Grenzsituationen. Manche Menschen beugen sich dann irgendeiner Art von Rechtssystem, dem sie sich verpflichtet fühlen. Ein anderer zimmert sich sein eigenes Recht. Solche Ausstiege aus dem, was man unter dem Begriff Recht summiert, gehören für mich als Schauspieler zu den faszinierendsten Situationen. Ob man dies dann als schwach, böse oder faszinierend bezeichnet, egal. Das sind ja alles nur Begriffe.

teleschau: Sie spielen einen Menschen, der seine Regeln selbst aufstellt?

Koch: Ja und nein, denn er würde behaupten, dass die Familie diese Regeln aufstellt. Insofern sind wir in einer Art mafiösen Struktur. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns - so lautet einer der Kernsätze dieser Welt. Er gilt für die Familie und ihre Bank. Wer gegen uns ist, muss zerstört werden. Und in dieser Kategorie hat man dann auch kein Gewissen mehr, das ist ein sehr archaischer Kosmos.

teleschau: Im Titel "Geld.Macht.Liebe" steckt schon ein gewisser Drang nach großen, üppigen Geschichten drin. Reden wir über eine Hochglanz-Seifenoper für die Primetime?

Koch: Seifenoper in dem Sinn, dass da ziemlich eckige und viereckige Dinge passieren. Bei manchen würde ein nüchterner Geist sagen, dass er sich das so jetzt nicht vorstellen kann. Ich sehe das jedoch anders. Manche Situationen und Geschehnisse sind etwas surreal - oder besser formuliert, ausgesprochen fiktional. Will sagen, dass man sie in der Gesellschaft so nicht eins zu eins wiederfindet. Aber ich sehe das wie im Theater - manchmal ist es besser, eine Art von Hyperrealität herzustellen, um seine Aussage zu treffen, sein Ziel zu erreichen.

teleschau: Was genau ist für Sie an dieser Serie das Hyperreale?

Koch: Naja, diese Frankfurter Bankentürme - dass wir uns in denen als Laien bewegen und behaupten, wir könnten etwas über Banken- und Finanzkrise erzählen - das ist natürlich stark übertrieben. Ebenso die Art und Weise, wie Beziehungen entstehen und wieder auseinandergehen. Das ist bei uns in dem Sinne hyperreal, als dass es darum geht, Dinge zuzuspitzen.

teleschau: Wenn man im Theater übertreibt, dient es der Enttarnung der Verhältnisse. Im Fernsehen kommt Übertreibung hingegen meist als melodramatisch rüber. Taugt Übertreibung im Fernsehen einzig und allein zur Unterhaltung?

Koch: Theater und Fernsehen kann man nicht vergleichen. Der Zuschauer im Theater erwartet sozusagen a priori, einer Zumutung beizuwohnen. Wenn es keine Zumutung ist, dann war es langweiliges Theater - da gibt es auch einen Konsens in der Gesellschaft. Im Fernsehen erlebt man die Zumutung nur im Sparten- oder Nachtprogramm. Es gibt "Art House" und "Mainstream". Startet man im anspruchsvollen Feld, hat man es im Prinzip leichter: Ist es ein Erfolg, wird man gefeiert. Bleibt er aus, sagt jeder: "Logisch, das war zu gut, um erfolgreich werden zu können." Arbeitet man wie ich auf dem Feld der Unterhaltung, wird man kritischer beäugt, und eigentlich kann nur ein Erfolg deinen Ruf retten. Für mich als Schauspieler geht es aber auch darum, innerhalb des Genres Unterhaltung ein paar Stachel zu setzen, auch in Nuancen ein wenig subversiv zu sein.

teleschau: Wo ist in Ihrer Rolle, Ihrer Darstellung, der subtile Stachel zu finden?

Koch: Das werde ich nicht erzählen, das gehört zu meinem beruflichen Privatbereich. Da geht es um die Anlage der Rolle. Ums Temperieren, ums sich Ausweiten. Du musst glaubhaft bleiben und dennoch überraschend sein. Sich immer ein Stückchen weiter zu entwickeln und dabei auch zu frappieren, allein das stellt doch gelungene Unterhaltung dar. Wenn man so will, ist dieses Überraschungsmoment auch ein bisschen subversiv, weil Erwartungen untergraben werden.

teleschau: Wenn wir bei der Einteilung "Art House" und "Unterhaltung" bleiben, kann man sagen: Im Theater sind Sie ein klarer Protagonist des "Art House", im Fernsehen sieht man Sie fast nur in Unterhaltungsformaten. Steckt da eine Strategie dahinter?

Koch: Nein. Ich bin, was das Fernsehen betrifft, ein extremer Späteinsteiger. Mit 40 Jahren habe ich da meine ersten Rollen gespielt. Es ist nicht so, dass jeden Tag zehn Top-Drehbücher auf meinem Tisch liegen. Ich behaupte sogar, das geht selbst prominenteren Kollegen so. Nicht alle Rollen, die ich im Fernsehen spielte, konnte ich mir aussuchen. Ich musste meine Übungsrunden drehen. So ging das die letzten Jahre. Ich habe viel gelernt. Michael Caine hat mal gesagt: "Nur ein nicht spielender Schauspieler, ist ein schlechter Schauspieler."

teleschau: Wovor haben Sie mehr Respekt: eine komplexe Hauptrolle am Wiener Burgtheater oder Ihre Rolle in "Geld.Macht.Liebe"?

Koch: Vor beidem habe ich großen Respekt, und im günstigen Fall befeuern sich diese beiden Welten gegenseitig. Wir drehen die Serie seit April. Momentan jette ich noch häufig zwischen Wien und Frankfurt hin und her, weil ich ab und an abends Theatervorstellung habe. Fernsehen ist für einen Schauspieler Arbeiten mit gebremstem Schaum. Die Kamera findet es oft interessanter, wenn Leute einfach nur versammelt sind. Im Theater erwartet man einen Ausbruch. Ich baue beim Drehen oft Spannung auf, die ich abends auf der Bühne rauslassen kann. Auf der anderen Seite hat man dadurch wieder etwas zu verwalten, ein emotionales Erlebnis, das einem beim zurückhaltenden Drehen, beim Fokussieren auf die kleine Geste im kurzen Augenblick hilft.

teleschau: Die ARD hat große Probleme mit der Vorabendserie "Eine für alle", in der es um kleine Leute in der Wirtschaftskrise geht. Sie bieten nun den Gegenentwurf. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise verfolgen wir die Reichen, Schönen und Mächtigen. Wollen die Leute so etwas eher sehen?

Koch: Das weiß ich nicht. Als Schauspieler sollte ich mich auch nicht so sehr darum kümmern.

teleschau: Wie würden Sie als Fernsehzuschauer reagieren? Sich mit der Krise konfrontieren oder ihr mit schönen Bildern zu entkommen suchen?

Koch: Auch das kann ich nicht beantworten, weil ich ohnehin ein untypischer Fernsehzuschauer bin. Ich versuche, das Fiktionale dort weitgehend zu meiden. Vielleicht weil ich etwas Abstand zu meinem Beruf suche. Ich bin dort zu Hause, wo interessante Dokumentationen oder philosophische Diskussionen zu finden sind. Nachts um 12.00 Uhr reden Menschen über abstrakte Dinge, und im Hintergrund brennt ein künstlicher Kamin - bei so etwas fühle ich mich wohl.

teleschau: Sie sind ein gestandener Schauspieler von 50 Jahren. Haben Sie Angst, aufgrund Ihrer neuen Rolle Ihre Privatsphäre zu verlieren? Davor, dass man wie "J.R. Ewing" überall erkannt und in eine Schublade sortiert wird?

Koch: Damit setze ich mich auseinander, wenn es so weit ist und nottut. Prominent zu sein, ist für mich nicht wichtig. Ich lege es nicht darauf an. Auf der anderen Seite genießt man in Wien als bekannter Theaterschauspieler auch eine beachtliche Prominenz. Erkannt zu werden, ist daher für mich nichts Neues. Ich bin kein Misanthrop. Solange gewisse Grenzen gewahrt werden, habe ich nichts dagegen, angesprochen zu werden. Aber wir unterhalten uns über ungelegte Eier. Wenn das Format keinen Erfolg hat, spricht in einem halben Jahr niemand mehr über mich. Aber auch im günstigen Fall gehe ich nicht davon aus, dass ich bald von fünf schwarz gekleideten Männern geschützt werden muss.

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