Für die ARD ist sie ein Glücksfall - Anne Gesthuysen, kompetente Allround-Moderatorin vom Typ "lässige Natürlichkeit". Seit fünf Jahren gibt sie dem ARD-Morgenmagazin ein ausgeschlafenes Gesicht. So als wäre es völlig selbstverständlich, über Jahre hinweg um halb eins in der Nacht sein Tagwerk zu beginnen. Weil Anne Gesthuysen ankommt, sieht man sie nun auch immer öfter in der Primetime. Mit Sven Lorig, ihrem Morgenmagazin-Kollegen, moderierte sie die Eröffnungs-Gala zur ARD-Themenwoche "Ist doch Ehrensache". Und auch zur Europawahl wird die privat mit Talkstar Frank Plasberg liierte Journalistin einem Abendprogramm vorstehen. Die Blondine vom Niederrhein moderiert das politische Talkformat "Jetzt reden wir" (Mo. 25.05., 20.15 Uhr, ARD).teleschau: Wann beginnt ein typischer Arbeitstag beim Morgenmagazin?
Anne Gesthuysen: Bei mit fängt er um 00.30 Uhr mit zwei Weckern an, die im Abstand von zehn Sekunden für einen Riesenlärm sorgen. Danach lege ich einen Blitzstart in den Sender hin. Wenn ich trödeln würde, hätte ich Angst, wieder müde zu werden.
teleschau: Wie viele Stunden Schlaf haben Sie bis dahin bekommen?
Anne Gesthuysen: Ich versuche, dass es sechs bis sieben sind. Gegen 18 Uhr ruft in der Arbeitswoche also das Bett. Ist aber gar nichts gegen meinen Kollegen Sven Lorig. Der braucht viel Schlaf und liegt bereits gegen 15 Uhr nachmittags in der Falle. Ich weiß nicht, wie er das schafft.
teleschau: Bringt er mit seiner Schlaf-Flexibilität die besseren körperlichen Voraussetzungen für diesen Job mit?
Anne Gesthuysen: Ja, vielleicht. Wenn er sagt, er habe schlecht geschlafen, dann waren das immer noch acht Stunden. Davon kann ich nur träumen. Selbst wenn ich pünktlich ins Bett komme - etwa zwei Nächte pro Arbeitswoche schlafe ich eher schlecht.
teleschau: Wann treffen Sie Ihren Moderationskollegen im Sender?
Anne Gesthuysen: Um zwei Uhr. Einer von uns kommt immer um eins, um die Themen zu sichten. Der andere kommt um zwei. Da wechseln wir uns täglich ab. Die erste halbe Stunde reden wir eigentlich nur über Privates. Erzählen uns Dinge, lästern ganz liebevoll und schweißen uns zusammen gegen die Welt. Diese Phase ist immer sehr schön und wichtig - für uns als Team. Danach verteilen wir die Themen, und jeder hat etwa drei Stunden Zeit, sich auf seine vorzubereiten.
teleschau: Worin besteht die Vorbereitung?
Anne Gesthuysen: Zeitungen und Agenturenmeldungen lesen, Moderationskärtchen schreiben. Wir moderieren frei, aber in einer so langen Sendung ist es manchmal schwierig, die Konzentration immer hoch zu halten. Da gibt ein Blick auf die Karten einfach Sicherheit. Darauf stehen Stichworte zu jedem Thema, auch mal ganze Formulierungen. Es ist ein gutes Gefühl, die Karten in der Hand zu haben, auch wenn man sie nicht braucht.
teleschau: Wovor haben Sie die größte Angst während der Sendung?
Anne Gesthuysen: Davor, dass ich Namen vergesse. Ich habe ein furchtbar schlechtes Namensgedächtnis. Da werde ich fast schon panisch. Selbst wenn ich einen Namen ganz genau weiß, guck ich vor der Moderation noch mal schnell auf die Karte, um ganz sicher zu sein.
teleschau: Verspüren Sie direkt nach der Sendung die ganz große Müdigkeit?
Anne Gesthuysen: Im Gegenteil. Um neun ist die Sendung zu Ende, dann sind wir alle erst mal furchtbar aufgekratzt. Es folgt die Konferenz mit der Kritik zur Sendung, die geht etwa bis zehn Uhr, danach ist Feierabend. Oft treffe ich mich später mit Freunden zum Mittagessen. Ab 14 oder 15 Uhr wird es schwierig, sich mit mir zu unterhalten. Dann schweifen der Blick und die Gedanken schon mal ab, und ich bin für nicht mehr allzu viel zu gebrauchen.
teleschau: Was tun Sie in den freien Wochen?
Anne Gesthuysen: Ich treffe Freunde, das ist mir sehr wichtig. Außerdem mache ich viel Sport und finde es auch gut, wenn man da ein bisschen Ehrgeiz entwickelt. Ich laufe sehr viel und möchte jetzt wieder anfangen, Tennis zu spielen. Ein neues Projekt besteht darin, dass ich einen Roman schreiben möchte. Auch wenn es mir peinlich ist, davon zu reden, weil ja viel zu viele Fernsehleute ein Buch veröffentlichen ...
teleschau: Immerhin wollen Sie kein Koch- oder Fitnessbuch unter die Leute bringen ...
Anne Gesthuysen: Nein, Gott sei Dank nicht. Es ist ja bis jetzt nicht viel mehr als eine Idee, aber das Buch beschäftigt sich mit einer Geschichte, die in der Familie spielte. Es geht auch um den Niederrhein, die Region, aus der ich stamme und von der ich ja nie so richtig losgekommen bin.
teleschau: Sie sind ein richtiges NRW-Kind. Alle Ihre Jobs waren heimatnah. Sind Sie so bodenständig, wie es Ihre Biografie andeutet?
Anne Gesthuysen: Ich bin tatsächlich nie aus NRW rausgekommen, aber das ist eher Zufall. Ich bin ein Kind des WDR. Ich habe dort ein Schülerpraktikum gemacht, später hat man mir dort geraten, in Dortmund Journalismus zu studieren. Das habe ich gemacht. Danach bekam ich ein Volontariat beim WDR und habe fast die ganze Zeit dort gearbeitet. Aber ein bisschen bin ich dann doch noch in die Welt hinaus gekommen. Ich habe beim französischen Radio in der Champagne gearbeitet. Eine prickelnde Zeit.
teleschau: Mit Sven Lorig moderieren Sie bereits fünf Jahre im Team. Sie wirken sehr harmonisch und locker vor der Kamera. Wie wichtig ist es für die gute Stimmung vor der Kamera, dass man sich auch abseits von ihr gut versteht?
Anne Gesthuysen: Die gute Stimmung zwischen uns ist nicht gespielt. Ich denke, wäre es anders, würde das der Zuschauer auch sehen. Wir mögen uns sehr, und das hilft dabei, dass man sich auch mal kritisieren kann. In fünf Jahren gibt es immer mal Situationen, in denen man sauer auf den anderen oder einfach nur frustriert ist. Da tut es gut, sich so nahe zu stehen und diese Gefühle gleich rauszulassen und diskutieren zu können. Sven und ich haben am gleichen Tag Geburtstag. Ich finde, das merkt man unserem Verhältnis an. Der, der an Horoskope glaubt, würde da schon ähnliche Eigenschaften bei uns finden.
teleschau: Zum Beispiel?
Anne Gesthuysen: Wir sind beide sensibel, auch mal bis hin zum Mimosenhaften. Aber eben auch immer sehr ehrlich. Manchmal sogar ein bisschen zu offen. Wir können uns alles sagen. Für eine so enge Arbeitsbeziehung ist das ein sehr kreativer Nährboden.
teleschau: Sie nennen es Arbeitsbeziehung. Sind Sie auch privat befreundet?
Anne Gesthuysen: Sicher sind wir Freunde. Wenn man aber so eng und intensiv zusammenarbeitet, möchte man außerhalb der Sendung einfach auch mal jemand anderen sehen. Tatsächlich haben wir in fünf gemeinsamen Jahren nur einmal ein privates Projekt, so nenne ich das mal, durchgezogen. Das war, als wir auf Anregung eines Marathon-Trainers, der in unserer Sendung war, gemeinsam mit ihm für den Mallorca-Marathon 2006 trainierten.
teleschau: Sind Sie auch gemeinsam durchs Ziel gelaufen?
Anne Gesthuysen: Nein, wir sind zusammen an den Start gegangen, haben aber jeder für sich ein anderes ehrgeiziges Ziel verfolgt. Ich wollte besser sein als drei Jahre zuvor bei meinem ersten Marathon in Köln - und am liebsten unter vier Stunden. Und Sven, der wollte gerne unter 3'45 Stunden laufen. Na ja - ich habe mein Ziel mit 4'09 Stunden verfehlt. Die Schuld dafür laste ich übrigens bis heute Sven an - aber das ist eine andere Geschichte.
teleschau: Nun moderierten Sie gemeinsam die Samstagabend-Show "Deutschland tut was", eine Spendengala zum Auftakt der ARD-Aktionswoche "Ist doch Ehrensache", die sich mit dem Ehrenamt auseinandersetzt. Wird man sie bald öfter im Abendprogramm sehen?
Anne Gesthuysen: Nun, vielleicht hat die ARD gesehen, dass es da ein Moderatorenpaar gibt, das zusammen gut funktioniert. Uns macht es Spaß, gemeinsam zu moderieren. Was kommt, wird man sehen. Das Morgenmagazin ist jedenfalls eine sehr gute Schule für jeden Moderator. Es schult die Kondition aufgrund seiner Länge, und es sind gleich mehrere Formate in einem: Nachrichtenmagazin, Talk, Service und Promi-Show. Man muss sich sehr schnell auf Neues einstellen können und sehr flexibel sein. Es gab Sendungen, zum Beispiel nach dem Tsunami, da haben wir schon den nächsten Gesprächspartner anmoderiert und wussten noch gar nicht, wer es sein würde. Den Namen gab es in letzter Sekunde aufs Ohr, weil die ganze Sendung sich von einer Minute zur anderen entwickelt hat. Wer also das Berechenbare oder starre Ablaufpläne liebt, sollte sich besser nicht beim Morgenmagazin bewerben.
teleschau: Wie lange wollen Sie den Job beim Morgenmagazin noch machen? Schließlich soll Schichtarbeit auf die Gesundheit gehen ...
Anne Gesthuysen: Zum einen das, und man wird ja auch nicht jünger. Manchmal fällt es mir schon sehr schwer, in einem permanenten Jetlag zu leben. Aber es macht mir eben auch sehr viel Spaß. Wo im deutschen Fernsehen gibt es schon drei Shows in einer. So etwas gibt man nicht leichtfertig auf. Aber noch mal fünf Jahre werden es wohl nicht mehr werden.
teleschau: Haben Sie denn Träume in Bezug auf Sendungen, die Sie gerne moderieren würden? Was finden Sie besser: Quiz oder Talkshow?
Anne Gesthuysen: Wie wäre es mit dem Morgenmagazin am Abend? Ansonsten: Quiz, ich weiß nicht - vielleicht bin ich da altmodisch, aber ein Quiz möchte ich lieber von Männern moderiert sehen. Ich bin auch nicht so eine Entertainerin wie zum Beispiel Barbara Schöneberger. Die ist selbst die Show. Und ich bewundere sie sehr für dieses Talent. Ich kann weder tanzen noch singen, deshalb präsentiere ich lieber Menschen, Geschichten und Themen - ein klassischer Infotainment-Typ. Insofern liegt mir wohl die Talkshow näher. Wenn man ein kleines Mädchen fragt, was es werden will, sagt es Prinzessin. Wenn man eine Journalistin fragt, was sie moderieren will, dann ist es eine Talkshow.
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