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(tsch) Sich einen sächselnden Alain Delon oder Donald Sutherland vorzustellen, mag schwer sein. Unmöglich ist es jedoch nicht, denn die Synchronstimme der beiden ist ein waschechter Sachse. Und sein Gesicht kennt man auch: Seit zehn Jahren spielt Dieter Bellmann den Dr. Gernot Simoni in der Krankenhaus-Serie "In aller Freundschaft", deren 400. Folge am 8. Juli im Ersten gezeigt wird. Doch schon vor der "Sachsenklinik" erlangte der heute 67-Jährige Berühmtheit. Nachdem er über 30 Jahre auf den Bühnen der Messestadt verbrachte, gilt er als Leipziger Schauspiellegende - auch, wenn er nur ein Zugezogener ist.teleschau: Herr Bellmann, ursprünglich stammen Sie aus einem Dorf in der Nähe von Pirna. Wie lang leben Sie schon in Leipzig?
Dieter Bellmann: Ich begann 1958 das Studium hier an der Theaterhochschule, war dann 1961 bis 1967 in Dresden, und seit 1967 lebe ich wieder hier, also seit 41 Jahren.
teleschau: In dieser Zeit konnten Sie einige Entwicklungen miterleben ...
Bellmann: Früher war Leipzig eine verräucherte Stadt durch den Braunkohleabbau rundherum. Mittlerweile ist die Luft sauber, die Tagebaulöcher wurden mit Wasser aufgefüllt und sind zu Seenlandschaften geworden. Auch die Stadt an sich ist sauberer. Wenn man sein Auto gewaschen hat, ist es nach einer Stunde nicht schon wieder dreckig. Es gibt viele Gründerzeithäuser hier, die wunderbar restauriert wurden. Es ist eine freundliche Stadt, eine grüne Stadt. Ich glaube, auf die Quadratkilometerzahl gesehen, sogar die grünste Stadt Deutschlands.
teleschau: Was gefällt Ihnen an Leipzig am besten?
Bellmann: Die Überschaubarkeit, dieses wunderbare Zentrum, diese Kulturtradition dieser Stadt, die Kneipen, das ganze Flair hier - es ist wirklich ein "Klein-Paris".
teleschau: ... um Goethe zu zitieren. Können Sie erklären, warum man die Leipziger mögen muss?
Bellmann: Na, weil die Leipziger "helle, heeflisch und heemdiggsch" sind. Das ist ein Spruch von Lene Voigt, einer Mundartdichterin, die hier lebte und viel für das Kabarett schrieb. Die Leipziger sind muntere Leute. Ich will es einmal so beschreiben: Wenn in Leipzig im Kabarett eine Pointe gesprochen wird, dann dauert es eine Sekunde, bis der Lacher kommt, in Dresden dauert es fünf Sekunden und in Stuttgart zehn Sekunden, bis die Leute lachen.
teleschau: Ist das Ihre eigene Erfahrung?
Bellmann: Natürlich, ich inszenierte viel Kabarett, in Stuttgart, in Leipzig, in Frankfurt, überall.
teleschau: Würden Sie jemals aus Leipzig wegziehen?
Bellmann: Es kann immer sein, dass sich die berufliche Situation ändert, und man zum Umzug gezwungen ist. Aber mein Hauptwohnsitz wird immer hier in Leipzig bleiben.
teleschau: Haben Sie schon einmal den Direktor eines Leipziger Krankenhauses persönlich getroffen?
Bellmann: Aber natürlich, den Chef der Uniklinik, Dr. Josten. Außerdem ist mein bester Freund Leiter der Notarztklinik und wir tauschen uns oft aus über das, was ich mache und das, was er macht. Ein Geben und Nehmen, immer mit der Maßgabe, dass ich Schauspieler bin und kein Arzt.
teleschau: Sie verbinden also Privatleben und Rollenvorbereitung?
Bellmann: Wenn man so eine Rolle spielt, muss man einfach einiges wissen. Als wir anfingen, informierten wir uns in St. Georg, Leipzigs größtem Krankenhaus. Wie ist die Atmosphäre während einer Operation, was passiert davor, wie geht es danach weiter - solche Dinge waren uns wichtig. Zudem ist am Set eine wunderbare medizinische Beratung, sodass alles gut recherchiert ist, was wir preisgeben. Das ist nötig, um glaubhaft zu sein.
teleschau: Sprechen die Leipziger Sie auf Ihre Rolle in "In aller Freundschaft" an?
Bellmann: Jeden Tag. Und nicht nur Leipziger, das passiert mir in ganz Deutschland oder auch im Urlaub auf den Kanaren, in Griechenland und Italien.
teleschau: Müssen Sie oft medizinische Ratschläge erteilen?
Bellmann: Ja, aber das ist mehr mit einem Schmunzeln oder einem Augenzwinkern verbunden. Aber ich finde das sympathisch, denn es ist ein Beweis, dass die Leute die Serie mögen.
teleschau: Unterscheidet sich die Wahrnehmung der Serie in den alten und neuen Bundesländern?
Bellmann: Ich denke, mittlerweile gleicht sich die Reaktion von Hamburg bis hinunter nach München. Natürlich sind in unserer Serie auch viele Schauspieler aus dem ehemaligen Osten Deutschlands besetzt, und das finde ich gut so. Es gab eine große Schauspieltradition im Osten, über 60 Theater und mit der Defa eine große Filmfirma. Ich freue mich, dass viele meiner wunderbaren Kollegen nach der Wende wieder Arbeit fanden.
teleschau: In der "Sachsenklinik" sind Sie einer der wenigen waschechten Sachsen. Ist das nicht paradox?
Bellmann: Zum einen stammen beispielsweise Thomas Rühmann und Andrea-Kathrin Loewig aus Sachsen-Anhalt. Leipzig, Halle, Magdeburg, Merseburg - das ist alles ein Katzensprung. Zum anderen heißt die Sachsenklinik nur so, weil sie eine Klinik in Sachsen ist. In der Schwarzwaldklinik spielten ja auch nicht nur Schwarzwälder mit.
teleschau: Dennoch hört man kaum Dialekt bei "In aller Freundschaft", und auch im sächsischen Radio ist der Dialekt verbannt - ganz im Gegensatz zur bayerischen Medienlandschaft ...
Bellmann: Ich glaube nicht, dass das Sächsische verbannt ist. Es gibt beispielsweise diese legendäre Figur "Ilse Bähnert" von Tom Pauls, der den Dialekt kultivierte. Auch der MDR repräsentiert das Lokalkolorit seiner Bundesländer gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass die sächsische Sprache ausgeklammert wird. Sie ist nicht so beliebt, aber das Stuttgarterische klingt auch nicht besonders, und das Bayerische ist ebenfalls nicht meins.
teleschau: In Deutschland gibt es die absonderlichsten Dialekte. Warum reiten alle ausgerechnet auf dem Sächsischen herum?
Bellmann: Es soll irgendwie dumm sein, aber das finde ich nicht. Die sächsische Sprache ist eine sehr helle Sprache, eine sehr bildhafte. Man kann es schlecht erklären. Ich jedenfalls bin Sachse, ich bekenne mich dazu. Wenn ich in Sachsen in einer Kneipe bin, dann spreche ich och sächsisch und das funktioniert prima.
teleschau: Apropos funktionieren: Können Sie das Erfolgsgeheimnis von "In aller Freundschaft" erklären?
Bellmann: Wir haben gut recherchierte Bücher, fachkundige Berater und ein tolles Team. Das gilt nicht nur für die 16 Schauspieler im Hauptcast, sondern auch für die Leute, die hinter der Kamera stehen. Die Mädchen, die uns die Kostüme bügeln, die Maskenbildner, die uns die Altersflecken wegschminken und die Kameraleute, die uns gut aussehen lassen. Oder die Regisseure, die gestandene Filmemacher sind, und auch schon "Tatort" oder Spielfilme drehten. Es ist ein gutes Miteinander, eine nette Atmosphäre.
teleschau: Aber der Zuschauer bekommt das vor der Mattscheibe nicht direkt mit ...
Bellmann: Doch, das strahlt aus. Wenn sich ein Team ständig streitet und die Darsteller keine Lust haben, dann bekommt das Publikum das mit.
teleschau: Sie spielten bereits in diversen Folgen des "Tatort" mit. Haben Sie schon die neuen Leipziger Kommissare gesehen?
Bellmann: Ja. Man muss sich natürlich erst an die Neuen gewöhnen. Martin Wuttke fand ich hervorragend, er spielt eine sehr interessante Figur. Nur war der "Tatort" mir ein bisschen zu betulich, er war nicht so spannend, wie ich mir das von einem Krimi wünsche. Aber die Bilder waren schön und ruhig. Er könnte dynamisch ein bisschen mehr loslegen.
teleschau: Auch in "Polizeiruf 110" spielten Sie oft mit - allerdings nur zu DDR-Zeiten. Seit der Wende nicht mehr ...
Bellmann: Das stimmt.
teleschau: Gibt es dafür einen Grund?
Bellmann: Da müssen Sie die Produktionsfirma fragen. Eigentlich ist es mir egal, weil ich relativ gut beschäftigt bin. Ich spielte im "Tatort" mit, bei "Alarm für Cobra 11", und ich produzierte Hörbücher. Bisher habe ich den Polizeiruf nicht vermisst, aber wenn die Anfrage kommt, warum nicht?
teleschau: Sie nahmen auch schon mehrere Male auf dem Regiestuhl Platz, beispielsweise 1980 bei der Defa-Verfilmung von "Dornröschen". Das Märchen wird derzeit vom ZDF neu gedreht - blutet Ihnen da nicht ein wenig das Herz?
Bellmann: Überhaupt nicht. Ein Film ist immer abhängig von der Zeit, in der er entsteht. Auch Märchen verändern sich. Nicht in ihrer Grundstruktur, aber im Kostüm, Bühnenbild und Erzählfassung. Deshalb denke ich, ist es gut, dass man die alten Märchen immer wieder mal modernisiert.
teleschau: Sehen Sie sich die Defa-Märchen weiterhin an?
Bellmann: Selbstverständlich, ich habe alle auf DVD. Mit denen verbinde ich einiges. Als ich sechs Jahre lang am Dresdener Kinder- und Jugendtheater arbeitete, spielte ich oft in Märchen mit. Und wenn man als junger Regisseur anfängt, bekommt man als Erstes die Märchen ab, weil die gestandenen Regisseure die nicht machen wollen - was ich sehr schade finde. So sammelte ich erste Regie-Erfahrung, und irgendwann kam das Fernsehen und meinte, daraus könnte man einen Film machen.
teleschau: Glauben Sie, dass die Defa-Märchen durch die Neuverfilmungen verdrängt werden könnten?
Bellmann: Nee, die sind ein Teil dieser Medienlandschaft. Diese Filme sind 40 Jahre alt, aber sie haben etwas an sich. Zum Beispiel "Das kalte Herz" mit Erwin Geschonneck. Es ist noch in Schwarz-Weiß, aber es wird nicht alt. Eine wunderbare Geschichte.
teleschau: Gut, Märchen sind zeitlos, aber wie steht es mit anderen Defa-Produktionen. Sind die davon bedroht, dauerhaft in Archiven zu verschwinden?
Bellmann: Es ist deutsche Filmgeschichte, da kommen wir nicht dran vorbei. Es gab die DDR, egal wie man dazu steht, und in der DDR sind Filme entstanden. Da waren ideologische Filme dabei, aber auch handwerklich gute.
teleschau: Doch die sendet fast ausschließlich der MDR oder RBB zu später Stunde.
Bellmann: Dann muss man sie eben dort einschalten.