August Zirner: Der ehrenwerte Mister Zirner

30/10/2009 0:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern "Wut", "Contergan", "Die Fälscher" - bereits eine kleine Auswahl seiner Filme der letzten Jahre zeigt: Wo August Zirner ist, wird Qualität gefilmt. Dabei ist der 53-jährige Schauspieler mit der hohen Stirn eigentlich ein eher unauffälliger Typ. Als Sohn österreichischer Emigranten jüdischen Glaubens kam er 1956 in Illinois zur Welt. Als Twen kehrte Zirner nach Wien zurück. Dort besuchte er das berühmte Max-Reinhardt-Seminar, um Schauspieler zu werden. Im Fernsehen, auf Theaterbühnen und als Musiker mit seiner Jazzband ist August Zirner Schwerstarbeiter in Sachen anspruchsvolle Unterhaltung. Dafür lebt der Vater von vier Kindern privat sehr zurückgezogen mit Frau und der jüngsten 19-jährigen Tochter am Starnberger See bei München.

teleschau: Ihr Film "Ein Dorf sieht Mord" ist eine Adaption des Buches "In unnütz toller Wut" des niederländischen Bestseller-Autors Maarten 't Hart. Hat man dessen Handlung schlicht von Holland nach Deutschland übertragen?

August Zirner: Nein. Im Buch dieses meiner Meinung nach herausragenden Schriftstellers geht es um ein holländisches Dorf und einen dort lebenden Schriftsteller. Durch das Eintreffen einer jungen, schönen Fotografin wird klar, dass das Dorf ein Geheimnis trägt, welchem der Schriftsteller auf die Spur kommt. Unser Film überträgt die holländische Provinz ins niedersächsische Wendland. Weil dort Gorleben liegt und das Geheimnis um dieses Thema herum rankt. Im Roman geht es nicht um Kernkraft und ihre Gegner - das ist eine Idee des Films.

teleschau: War jene Idee, die Handlung im Kreise ehemaliger AKW-Gegner spielen zu lassen, ein Grund für Sie, die Rolle des Schriftstellers zu übernehmen?

Zirner: Es gab viele Gründe. Ich finde den Roman ganz toll, ebenso die Idee der deutschen Adaption. Außerdem halte ich das Thema für sehr wichtig - dass Atomlobby und Politik der Bevölkerung vorgaukeln wollen, ein Endlager für atomaren Abfall wäre überhaupt möglich. Meine Tochter studiert Geowissenschaft und sagt, dass Geologen weltweit sicher wissen: Salz ist eines der am wenigsten geeigneten Milieus für radioaktiven Abfall. Während unserer Dreharbeiten kam der Skandal des Lagers in Asse in die Medien - ein Salzlager. Salz ist immer von Wasseradern durchzogen und zieht ständig weiter Wasser. Dort wollte man Müll für tausend Jahre lagern. Bereits nach zwölf Jahren hat sich nun eine äußerst bedrohliche Situation ergeben.

teleschau: Die neue Bundesregierung flirtet mit der Idee, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke zu verlängern. Insofern hat Ihr Film ein perfektes Timing ...

Zirner: Finde ich gar nicht. "Ein Dorf sieht Mord" läuft am 30. November. Die Bundestagswahl ist längst gelaufen, und die Bevölkerung hat sich für Schwarzgelb entscheiden. Eine schlimmere Kombination in Sachen Atompolitik gibt es nicht. Aber ich muss hier auch sagen: Unser Film ist kein Atomthriller. Er spielt lediglich in der Atmosphäre Wendland und einer Szene ehemaliger AKW-Kämpfer.

teleschau: Diese Szene im Film besteht aus einer Gruppe angegrauter Herren. Ist die Friedens- und Umweltbewegung von einst heute reif fürs Museum?

Zirner: Natürlich gibt es im Wendland viele ältere Atomgegner, schließlich kämpfen die dort seit 30 Jahren. Die Bürgerinitiativen dort sind jedoch altersmäßig sehr durchmischt, dazu sehr solide und seriös aufgestellt. Auch ich war bei einer Bürgerversammlung und bin der Initiative gegen die Castor-Transporte beigetreten. Ich habe großen Respekt vor solchen Bewegungen, und vor allem spürte ich die ungeheure Kraft, die so etwas haben kann. Dort, wo die Probleme konkret werden, so wie im Wendland, versteht man den Wahnsinn, den die Atomlobby vertritt, besonders deutlich. Die Auswirkungen dieser Politik bedrohen vor allem die jungen Menschen.

teleschau: Deutschland leidet unter starker Politikverdrossenheit. Haben sich die Jungen besonders weit von der Politik entfernt - so wie sie von den Parteien betrieben wird?

Zirner: Ich denke schon. Wer kann es einem Menschen verdenken, so zu handeln. Unpolitisch sind aber gerade die Jungen überhaupt nicht. Sie denken nach über Kernkraft oder über Konsum. Gerade die Frage, ob ich etwas kaufe oder nicht, ist eine hochpolitische. Unterstütze ich Waren aus bestimmten Ländern oder von bestimmten Konzernen? Solche konkreten Fragen stellen sich heutzutage junge Leute. Ich finde, viele von ihnen gehen sehr viel konkreter auf die Probleme zu, als wir das damals taten.

teleschau: Sie haben als Sohn österreichischer Auswanderer zur Zeit des Nationalsozialismus bis heute einen amerikanischen Pass. Wollten Sie Ihren Pass während der Ära Bush nie zurückgeben?

Zirner: Natürlich gab es immer wieder mal solche Gedanken - ebenso wie bei vielen meiner amerikanischen Freunde. Schon als der alte Bush vor 20 Jahren den ersten Golfkrieg lostrat, wollte ich meinen Pass verbrennen. Vielleicht ist es etwas typisch Amerikanisches, dass ich es nicht tat. Du kannst eine wahnsinnige Wut auf den Präsidenten oder bestimmte Zustände im Land haben. Eine gewisse Solidarität mit den USA ist immer vorhanden. Und das ist selbst bei mir so, obwohl ich Nationalismus ablehne und sogar Probleme mit der Mitgliedschaft in Vereinen habe.

teleschau: Sind Sie ein Einzelgänger?

Zirner: Insofern ja, als dass ich keine Gruppen mag. Selbst als Kind mochte ich nicht in Mannschaften sein - was in Amerika noch schwerer zu vermeiden ist als in Österreich oder Deutschland. Ich bin schon fast krankhaft individualistisch, was natürlich auch zu Problem führt. Ich nehme da die Schuld auch ein bisschen auf mich (lacht).

teleschau: Finden Sie bei sich weitere typisch amerikanische Eigenschaften?

Zirner: Vielleicht, dass ich immer überlege, wie ich etwas hinkriegen kann. Einen gewissen Pragmatismus. Außerdem benutze ich Kategorien meist nur, um Dinge zu verstehen - ich löse Kategorien aber auch sehr schnell wieder auf. Ich denke nicht in Lagern. Flexibilität im Kopf ist sicher etwas typisch Amerikanisches. Flexibilität bis hin zur Unverbindlichkeit - das wäre dann wieder die negative Seite der Medaille.

teleschau: Das positive Gefühl, amerikanisch zu sein, überwiegt jedoch?

Zirner: Ja, schon. Ich denke an diesen typischen Satz aus meiner College-Zeit zurück - "This is a really interesting problem!" Wissen Sie, dass Probleme vor allem interessant sein können und nicht quälend - das ist eine Sichtweise, die ich sehr schätze.

teleschau: Sie sind Stammgast in guten deutschen Fernseh- und Filmproduktionen. Würden Sie gern öfter englische, internationale Rollen spielen?

Zirner: Ich drehe gern auf Englisch. Die Sprache ist mir nah. Ich habe, bis ich 17 war, in Amerika gelebt. Hollywood hat mich nie wirklich interessiert, dazu bin ich zu europäisch (lacht). Amerikanisches Independent-Kino reizt mich dagegen sehr.

teleschau: Sie mussten Ihr Deutsch aber nicht erst hier erlernen?

Zirner: Nein, meine Eltern haben in Amerika mit mir Deutsch gesprochen. Mein Vater starb, als ich 14 war, und meine Mutter hat immer davon geträumt, nach Wien zurückzugehen. Sie hat mich darauf hingewiesen, dass es dort eine Schauspielschule gibt. Dass ich Schauspieler werden wollte, wusste ich schon, seit ich elf war.

teleschau: Man hat das Gefühl, dass Sie überdurchschnittlich oft in hochwertigen Fernsehfilmen mitspielen. Eine vielleicht etwas naive Frage: Ist es für Sie leicht, an gute Rollen zu kommen?

Zirner: Das ist eine durchaus gute Frage, aber schwierig für mich zu beantworten. Vielleicht bekomme ich diese Rollen, weil ich schon lange dabei bin und die Leute wissen, was sie von mir kriegen. Natürlich habe ich auch miese Sachen gemacht. Aber mein Credo ist, dass ich selbst bei Drehbüchern, die nicht ganz so toll sind, überlege, was ich der Rolle geben könnte, damit die Geschichte besser wird. Diese Möglichkeit hat prinzipiell jeder Schauspieler - sofern bei den Machern eine Bereitschaft vorhanden ist, sich darauf einzulassen.

teleschau: Stört es sie, dass wie bei "Ein Dorf sieht Mord" fast jedes Thema in eine Krimihandlung eingebettet werden muss, damit in Deutschland ein anspruchsvoller Fernsehfilm entstehen darf?

Zirner: Das stört mich nicht. Das Krimigenre ist nun mal das am besten Etablierte im deutschen TV. Man kann darüber fast jede Geschichte erzählen. Eine Kriminalhandlung bindet Aufmerksamkeit, das ist doch nicht schlecht. Zumindest erreicht man so eine größere Menge Menschen.

teleschau: Apropos Quote - Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie ihr misstrauen. Was meinten Sie damit?

Zirner: Ich bin kein Statistiker und kann mich dazu nur laienhaft äußern. Dass wenige tausend Menschen, die repräsentativ für die Bevölkerung sein sollen, tatsächlich deren Geschmack ausdrücken, das mag bei Wahlprognosen und politischen Meinungen in Ordnung gehen. Künstlerische Prozesse sind zu komplex, um sie über Statistiken auszudrücken. Man kann vielleicht messen, ob jemand sein Fernsehgerät einschaltet oder nicht. Aber nicht, für welche Geschichten er sich interessieren könnte und warum. Ein Film wie "Grüne Tomaten", in dem es um alte Leute geht - normalerweise Kassengift - hat weltweit viele Menschen ins Kino gelockt. Ich denke, es gibt zu viele Leute in unserer Branche, die Quote im Kopf haben, wenn es um künstlerische Prozesse geht. Ich halte das für einen großen Fehler - gerade dann, wenn man erfolgreich sein will. Man wird unfrei, ungewöhnliche Dinge zu entdecken.

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