Michael Degen: Soweit man glücklich sein kann ...

30/10/2009 0:00. By teleschau - der Mediendienst GmbH
Foto vergrößern Das persönliche Glück geht nicht über die Sorge um die Welt, in der wir leben. Jedenfalls sieht das Michael Degen so. Der Schauspieler, dessen Lebensgeschichte schon verfilmt wurde ("Nicht alle waren Mörder", 2006), hat die Bedrohung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt, sich zusammen mit seiner Mutter Anna in Berlin versteckt. Bestimmt gibt es da einen Zusammenhang, dass sich der Deutsch-Israeli Degen mit seinen 77 Jahren nicht auf die freudvolle Insel zurückzieht, sondern mit zunehmender Sorge unser Land beobachtet. Vor zwei Jahren erklärte er, wenn er jünger wäre, würde er auswandern. Den erstarkenden Rechtsradikalismus nannte er damals als Grund. Er ist geblieben, spielt wieder Theater und ist auch in der ZDF-Produktion "Die Seele eines Mörders" (Mo., 16.11., 20.15 Uhr, ZDF) als Anwalt zu sehen. Statt sich altersmilde zu geben, hält er die Augen offen, auch wenn sie gerade wegen einer abflauenden Erkältung ein bisschen tränen. "Die Nase läuft, es ist alles furchtbar", lacht Degen.

teleschau: Es ist nicht das vordergründigste Thema in "Seele eines Mörders", aber der Film und insbesondere Ihr Charakter erkennt die Ehe als unanfechtbar und über jeden Zweifel erhaben an. Ist das eine Realität, die Ihnen vertraut ist?

Michael Degen: Absolut, diese Art von Zusammengehörigkeit habe ich als Kind bei meinen Eltern erlebt. Als mein Vater beerdigt wurde und ich den Sand, wie es üblich war, auf den Sarg warf, hat mir meine Mutter ins Gesicht geschlagen. Danach sprang sie ins Grab, umklammerte den Sarg. Fragen Sie nicht, wie sie rausgeholt wurde. Sie war außer sich, später hat sie sich für die Ohrfeige entschuldigt.

teleschau: Diese Art des Miteinanders findet man heute selten.

Degen: Ja, das Gefühl der Zugehörigkeit ist verloren gegangen. Das ist etwas, das früher doch sehr oft vorhanden war. Wenn auch nicht überall eine solch besondere Liebe - nein, das ist schon wieder so ein pathetisches Wort, sagen wir Zuneigung - vorhanden war, wie im Falle meiner Eltern.

teleschau: Diese beiden Menschen waren füreinander bestimmt, oder?

Degen: Nun, meine Mutter war ja bereits verlobt. Nur tauchte auf genau jener Feier ein anderer Mann auf, einer, der Geschichten erzählte, sodass keiner mehr einen Bissen aß, sondern alle gespannt zuhörten. Auch meine Mutter hing an seinen Lippen, und irgendwann nahm er ihre Hand. Die beiden sind weggegangen und wurden nicht mehr gesehen.

teleschau: Das passiert sonst nur im Märchen. Dieses Wissen hat Sie sicher geprägt.

Degen: Ich selbst habe es nicht so erfahren, obwohl ich zweimal verheiratet war - und auf der Suche nach dieser Zuneigung. Bei meiner jetzigen Frau lerne ich diese Zugehörigkeit zum ersten Mal als eine Selbstverständlichkeit kennen. Das ist sehr schön.

teleschau: Das war schon fast die Antwort auf die Frage, ob Sie ein glücklicher Mensch sind.

Degen: Ja, soweit man glücklich sein kann. Auch wenn ich die Nazis, so gut es ging, abgeschüttelt habe, spielt die Vergangenheit eine schwer wiegende Rolle, die Gegenwart auch, natürlich. Und von der Zukunft weiß man nicht, welches Gesicht sie zeigt, soweit ich noch eine habe. Man lebt doch unter einem anderen Druck und vor einer anderen Kulisse als vor 15 oder 20 Jahren.

teleschau: Was hat sich insbesondere verändert?

Degen: Das Verhalten der Menschen untereinander und die daraus ableitbare geistige Verwahrlosung. Insbesondere das brutale Verhalten junger Leute ist so schrecklich! Ich hätte es mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass wir zunehmend so viel Gewalt erleben. Jugendliche, die Lust haben, einen anderen zusammenzutreten. Mit 18, 20, 22 ist man doch so weit, dass man weiß, was man tut.

teleschau: Das sehen Sie nicht als Einzelfälle?

Degen: Nein, das sind keine Einzelfälle. Wenn jemand einen anderen "aus Versehen" erschlägt, ist das fürchterlich. Aber bewusst einen anderen zu Tode trampeln, würgen, verbrennen, das geht doch nicht. Ich schau dabei nicht nur auf Deutschland, sondern zum Beispiel auch nach England, wo es noch wesentlich schlimmer zugeht als hier.

teleschau: Also haben Sie vor 20 Jahren gedacht, dass die Zukunft eine angenehmere wird?

Degen: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. In die jungen Leute, die ich kennenlerne, die abends im Theater an meiner Bühnentür stehen, habe ich durchaus Vertrauen. Aber was ist mit den anderen? Vor Jahren in Hamburg habe ich gesehen, wie ein vielleicht 16-jähriger türkischer Junge an der Außenalster von einem Volkswagen verfolgt wurde. Drin saßen Glatzen, und als sie auf gleicher Höhe waren, rissen sie die Tür auf, gegen den Kopf des Jungen, und fuhren los. Er lag auf dem Boden, ich bin hin und hatte diesen bewusstlosen Buben im Schoß, schrie um Hilfe, bat darum, dass einer den Notarzt anruft. Bis da einer half! Ich war mit ihm in der Klinik, das Verfahren wurde eingestellt. Keiner weiß, wer es war.

teleschau: Sie lassen sich beeindrucken von dem, was Sie sehen. Warum legen Sie nicht die Füße hoch und lassen es sich gut gehen?

Degen: Das geht doch nicht.

teleschau: Sind Sie ein Mensch, der vergessen kann?

Degen: Vergessen kann ich nicht. Vergeben kann ich, aber nicht vergessen, schon gar nicht, wenn Gewalt im Spiel ist.

teleschau: Und wie ist das bei kleineren Dingen, in der Arbeit? Haben Sie da auch ein Elefantengedächtnis?

Degen: Naja, jetzt lässt das Elefantengedächtnis nach (lacht). Ich denke, in dem Bereich bin ich noch sehr gelenkig. Brauche ich Geld, nehme ich ein Angebot an und vergesse es ganz schnell wieder, wenn es eine schlechte Produktion war.

teleschau: Ist Ihnen ein Tag am Set lieber als ein Nachmittag auf dem Sofa?

Degen: Es gab jetzt eine Zeit, in der ich lieber zu Hause war. Ich brauchte mehr Ruhe, die war notwendig, um mich zu restaurieren. Aber jetzt bin ich wieder gesund und neugierig.

teleschau: Arbeiten Sie denn noch viel?

Degen: Seit Oktober trete ich im Schlossparktheater in Berlin auf, das erste Mal auf der Bühne nach drei Jahren. Das war eine neue Erfahrung. 2010 starten dann wieder Dreharbeiten zu "Donna Leon" in Venedig.

teleschau: Aber wieso denn neu? Sie stehen doch seit über 50 Jahren auf der Theaterbühne.

Degen: Nach drei Jahren Pause ist es wieder neu. Ich muss ja etwas ganz anderes einsetzen als vor der Kamera. Die Frage ist dann, ob das noch in mir drin ist, so wie es mal war. Und daraus resultiert dann Unsicherheit.

teleschau: Da sind Sie nach all der Erfahrung noch unsicher?

Degen: Na, klar. Dazu kommt, dass man in meinem Alter schon mal fragt: Na, werde ich jeden Abend den Text können? Aber derzeit (er klopft auf Holz) geht alles noch prima.

teleschau: Wunderbar, dass Ihnen trotz allem der Optimismus nicht abhandengekommen ist. Offenbar gibt es hier und da auch positive Überraschungen.

Degen: Das stimmt. Als vor der Wahl die Piratenpartei in Berlin Mitte demonstriert hat, stand ich da und guckte denen zu. Plötzlich löste sich ein junger Mann mit vielen Muskeln und ebenso vielen Tätowierungen aus der Masse und raste auf mich zu. Ich dachte nur: "Das nun och noch. Wie krieg ich meine Zähne vor dem in Sicherheit?" Dann blieb er vor mir stehen und sagt: "Michael Degen? Ich habe Ihr Buch gelesen. Mensch, Sie haben ja was durchgemacht. Hoffentlich haben Sie jetzt ein besseres Leben. Ich wünsche es Ihnen!" Und zack, war er wieder weg. Das hatte ich jetzt nicht vermutet.

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