Diese Frau ist vor allem: ein Sound. Ein Geräusch, das man nie vergessen wird. Gülcan Kamps wurde zwar als TV-Person bekannt, als eine der Figuren, die wirklich jeder kennt, der in den letzten zehn Jahren mal den Apparat angeschalten hat. Trotzdem denkt man nicht gleich an ihr Gesicht (oder an andere Körperteile, die sie in Shootings für das Biertrinkerheft Maxim gezeigt hat). Sondern: an die Stimme. Eine Schwingung, die sich tiefer eingegraben hat als jedes Leopardenfellprintkleid. Als jedes gelbe Presswurst-Oberteil.
Immer am Grinsen: Gülcan Kamps im Jahr 2004 (l.) und 2011 (r.) (Bilder: ddp images)
Leicht heiser, hanseatisch gefärbt. Auch dann gellend laut, wenn man sie leise dreht. Immer kurz vor dem Überschnappen, ab und zu von schnellem, starken Luftschnappen unterbrochen, aber eher selten. Gülcan Kamps, die vor ihrer Hochzeit Karahanci hieß, hat durch ihre Moderationen beim Musiksender Viva, bei Shows wie „Bravo TV" und „The Dome" einen Stil geschaffen, den man nicht kopieren kann — außer man spritzt sich hochoktaniges Benzin in die Vene: ein Redeschwall, wie man ihn vorher nur von Straßenverkäufern kannte, die in der Fußgängerzone Gemüsehobel verhökern.
Ganz so falsch ist der Vergleich ja gar nicht. So wie die extraharte Konkurrenz um Aufmerksamkeit, die in der Shoppingstraße tobt — so hat sich seit Ende der 90er-Jahre auch der Wettbewerb in der Medienbranche entwickelt. Gülcan, die irre plappernd die Zuschauer bei der Stange hält, die hysterisch in die Kamera winkt oder singt, um Leute beim Durchzappen festzuhalten: Sie ist die Moderatorin, die am allerbesten den TV-Wahnsinn der Gegenwart symbolisiert. Ihn zu leben scheint.
Was wurde aus... den VJs der 90er?
„Ich möcht' mit dir eine türkische Hochzeit/ Denn ich weiß, du wirst mit 40 noch top sein", rappte Eko Fresh in „Unglücklich", einer natürlich leicht ironischen Liebeserklärung, die er Gülcan 2007 kurz vor ihrer Fernseh-Eheschließung mit dem Bäckereierben Sebastian Kamps schickte. Mit 40 noch top — am 20. September feiert Gülcan nun immerhin ihren 30. Geburtstag, ein ebenso magisches Alter für eine ehemalige Musik-TV-Schnauze. Was ist passiert, wie geht's weiter? Und was machen eigentlich meine Fans so?
Gülcan kam als Tochter türkischer Eltern in Lübeck zur Welt, Vater Taxifahrer, Mutter Hausfrau. Wollte BWL studieren, bekam aber keinen Uni-Platz und wurde stattdessen 2002 beim Viva-Casting entdeckt. Es waren die letzten goldenen Jahre: Rauschplaudern und okaye Quoten, Interviews mit Boybands, massig Sektchen und sogar ein eigener Top-Ten-Hit, 2003 als Co-Sängerin und Flüsterfrau bei „Aya Benzer/Moonlight", dem Song des Türk-Pop-Stars Mustafa Sandal. Als der Job des Pop-Nummerngirls noch ein Karrieresprungbrett war, das einen erst auf den Talksessel von Harald Schmidt und irgendwann auf einen guten Sendeplatz bei Pro Sieben brachte, war Gülcan eigentlich am richtigen Ort. Keiner, der sie gesehen hatte, vergaß sie. Ob erfreut oder schockiert.
Gülcan ist eine völlig eigene Fruchtgattung — aber auf das Showkonzept, das ihrer Unverwechselbarkeit irgendwie gerecht wird, wartet sie bis heute vergeblich. Den größten Aufschlag (und Aufschrei) brachte 2007 die erwähnte Realityserie „Gülcan Traumhochzeit", für die sie angeblich über eine Million Euro kassierte. Kurz darauf folgte „Gülcan und Collien ziehen aufs Land", eine matte Kopie des Paris-Hilton-Kuhfladenklassikers „The Simple Life".
Zur falschen Zeit am falschen Ort: Gülcans Göttergatte Sebastian Kamps vorm Puff erwischt!
Seit ihrem Rauswurf bei Viva im Frühjahr 2011 hat man — außerhalb von „Bild"-Schlagzeilen — wenig von ihr gehört: Die letzten Folgen der Youtube-Reihe „Gülcans Backschule" dümpelten Mitte September bei 800 Views, auch Moderationen von Shows wie „Ballermann-Hits" erreichen nur ein exquisites Nischenpublikum. Immerhin wird sie die kommende Silvestershow von RTL2 präsentieren — aber für Gülcans 30er-Jahre erwarten wir mehr. Wir haben ein Recht auf diese Stimme.
Wie wäre es zum Beispiel mit einer Celebrity-Ausgabe der Kindershow „1, 2 oder 3", in der Gülcan das Allgemeinwissen anderer ehemaliger Pop-TV-Mädchen abprüft? Oder eine politische Talksendung, in der sie Kabinettsmitglieder zu aktuellen Problemen befragt? Vor ihren Wortkaskaden und ihrer assoziativen Logik dürften auch die erfahrensten Phrasendrescher irgendwann kapitulieren. Und sich selbst verplappern.
Das Wichtigste: Auch mit 30 sollte Gülcan nicht versuchen, die Gesetzte, Seriöse zu spielen. Die Überrumpelung, das kindlich Euphorische ist ihr Ding. Herzlichen Glückwunsch, Frau Kamps! Ich hoffe, wir hören uns!
