WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Gottschalks ARD-Pleite: Warum das Publikum ihn hängen ließ

    Was an Thomas Gottschalks' ARD-Pleite so ganz besonders seltsam ist: wie viele deutsche Fernsehzuschauer sich darüber zu freuen scheinen. Manche heimlich, die meisten relativ offen. Spott, Häme, Kritik — nichts anderes hat der 62-jährige Entertainer je für seine Vorabendshow bekommen, nachdem er Ende Januar mit ihr gestartet war. Es knirschte gruselig, ein TV-Denkmal ging in die Brüche, ein Publikumsliebling fiel in Ungnade. Bei Arbeitnehmern würde man sagen: Wo soll der jetzt noch unterkommen?

    Thomas Gottschalk ARD Gottschalk liveAbschied von einem TV-Denkmal: Gottschalks Ende bei der ARD ist alles andere als triumphal (Bild: Getty)

    Nun wurde sogar seine für den 7. Juni geplante Abschiedssendung von der ARD aus dem Programm geworfen, zugunsten eines Fußball-EM-Vorberichts. Spiegel Online soll die letzte Show jetzt streamen, auch dort war „Gottschalk Live" natürlich verrissen worden. „Es ist aus. Endlich", begann der Spiegel-Kommentar, als Mitte April bekannt wurde, dass das Format abgesetzt werden würde.

    Man spottete über die Quoten, die teilweise nur noch bei 500.000 Zuschauern lagen — aber gilt ein besonders kleines Publikum nicht sonst als Indiz für ausgesuchte Qualität und Kennerschaft? Man fragte laut, was die eigentümliche Mischung aus Prominenten, Presseschau und Videoschalten „eigentlich solle" — aber ist diese Frage jemals von einer Fernsehsendung schlüssig beantwortet worden?

    Keine Diskussion: Gottschalk war bei seinem Vorabend-Abenteuer nicht in Bestform, und die leichte Arroganz, die ihm als „Wetten, dass ...?"-Hausherr durchaus zustand, wirkte im neuen ARD-Biotop etwas deplatziert. Trotzdem bleibt es erst mal ein Rätsel: Warum wurde der Moderator von genau der Öffentlichkeit so genüsslich hingerichtet, die doch immer als sein großer Rückhalt galt und noch im Juni 2011 die letzte Mallorca-Wettshow mit einer 43-Prozent-Quote beehrt hatte?

    Um das zu beantworten, muss kurz zurückgeblendet werden: in die frühen 80er-Jahre, als der knapp 30-jährige Thomas Gottschalk beim Bayerischen Rundfunk als Radiorebell wirkte, jeden Abend eine herrliche Stunde „Pop nach acht" improvisierte, sich im Fernsehen mit einer Sendung namens „Telespiele" vorstellte (in der Anrufer via Telefon digitales Bildschirmtennis spielen mussten), dann „Na sowas" moderierte (eine Show, von der fünf bunte, erfolgreiche Jahre kein Mensch wusste, was sie „eigentlich sollte"). Mit Jeans und Sneakers eine TV-Bühne zu betreten — das war 1982 noch ähnlich provokant wie die berühmte Turnschuh-Vereidigung von Joschka Fischer. „Berufsjugendlicher" wurde Gottschalk von Kritikern genannt, verächtlich. Ein damals noch neuer Begriff.

    30 Jahre ist das her, das Publikum ist mit ihm gealtert, aber der blonde Thommy ist immer noch — jung, chaotisch, verantwortungslos. Kommt damit durch, dass er sorglos die Namen seiner Interviewpartner vergisst. Macht seine Witzchen auch über ernste Angelegenheiten. Bringt mit seinem Bubencharme die ARD-Chefin Monika Piel dazu, dass sie sich im ganzen Sender unmöglich macht.

    Und das könnte der Grund sein, warum sich die Trauer über Gottschalks Niederlage jetzt so in Grenzen hält: Das Publikum gönnt ihm die Rolle des Berufsjugendlichen nicht mehr. Es hat sich insgeheim danach gesehnt, ihn leichtfertig scheitern zu sehen — denn wenn alle anderen groß und stark werden mussten, soll Gottschalk das gefälligst auch tun. So wie sein alter BR-Kompagnon Günther Jauch, der Anfang der Achtziger noch als „Rätselflug"-Laufbursche an Helikopterkufen turnte, heute aber die diplomatische Teestunde mit der Kanzlerin abhält.

    Was Gottschalk jetzt tun soll? Auf keinen Fall nachgeben. Dem undankbaren Publikum ins Gesicht springen, anstatt es zu verschonen. Kindersendung moderieren. Gummibärchen-Themensendung starten. Rache nehmen für die Schmach.

    Unsanftes Ende: Thomas Gottschalks verfrühtes ARD-Aus

    Quizaction