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    X Factor 2012: Zurück und gar nicht peinlich

    Es ist soweit: Der Auftakt der dritten Staffel von "X Factor" läutet mit großem Tamtam das Ende des Castingshow-Sommerloches ein. Wie bereits die exzessive Werbung von RTL und VOX im Vorfeld verlauten ließ, hat sich tatsächlich einiges geändert: Zum ersten Mal dürfen auch Bands ihr Können in der Sendung unter Beweis stellen. Außerdem brauchen die Kandidaten ab jetzt mindestens drei X, also die "Ja's" der Juroren, um eine Runde weiterzukommen. Die Bewertungen erteilt weiterhin Exportschlager und Selbstvermarktungstalent Sarah Connor, neu in der nun vierköpfigen Jury sitzen Guano Apes-Frontfrau Sandra Nasic, Scooter-Legende H.P. Baxxter und Musikproduzent Moses Pelham.

    Neben Sarah Connor (2.v.r.) sitzen Sandra Nasic, H.P. Baxxter und Moses Pelham (v.l.) in der Jury von ‚X Factor’ (Bild: Vox)Neben Sarah Connor (2.v.r.) sitzen Sandra Nasic, H.P. Baxxter und Moses Pelham (v.l.) in der Jury von ‚X Factor’ …

    Sexy oder Schlabberlook?

    Einen guten Start besorgt Familienvater JayJay aus Wien. Mit seiner rührenden Version von "One" (U2) räumt er gleich zu Beginn alle vier "X" der Jury ab. Aber was genau zählt, um weiterzukommen? Als Schülerin Enya (16) durchgestylt auf die Bühne stakst und dann mechanisch anfängt zu zappeln, ahnt man Schlimmes. Doch ihre selbstbewusste Interpretation von Kate Perrys sexuell aufgeladenem "Peacock" überzeugt die Jury trotz piepsiger Stimme dann doch. Auch ihre Aussage "Am liebsten würde ich mit Scooter arbeiten, der hat schon gesagt, er achtet nicht so auf die Stimme" macht Freude auf ein Wiedersehen. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin besticht Melissa (22) nicht durch ihr Äußeres. Im Schlabberlook und ohne erkennbare Frisur wird sie von einer irritierten Jury empfangen. Kaum öffnet sie jedoch den Mund, haut sie wirklich alle von den Stühlen. Ihr "Breathe Easy" ist tiefgehend und beweist, dass Style eben doch nicht alles ist — oder zumindest, dass es auch ohne geht. Der schöne Schweizer Colin dagegen hält zum Bedauern der beiden weiblichen Jurymitglieder nicht, was sein Aussehen verspricht. Zwar erfüllt er sämtliche Casting-Klischees und wäre sicherlich perfekt zu vermarkten, seine kalkulierte und schleimige Performance wird jedoch zur dünnen Lachnummer und befördert ihn ohne ein "X" nach Hause.

    Die blinde Fabienne bekommt von Sarah Connor ihr ‚X’ überreicht (Bild: RTL)Die blinde Fabienne bekommt von Sarah Connor ihr ‚X’ überreicht (Bild: RTL)

    Sinnlichkeit statt Mitleidsfaktor

    Besser ergeht es da dem 21-jährigen Andrew. Seine selbst auf der Gitarre begleitete Version von "Wie soll ein Mensch" ist sinnlich und virtuos und lässt vergessen, dass er unter dem Tourette-Syndrom leidet. Auf der Bühne stehend hat er die Ruhe weg und löst statt Mitleid Begeisterung bei Jury und Studiopublikum aus. Genauso wie die fast blinde Fabienne (16). Sie liefert ein kraftvolles, reifes und mit Leib und Seele dargebotenes "You've Got The Love", das das Publikum zu Standing Ovations bewegt. Die Jury, selbst zu Tränen gerührt, winkt die Schülerin direkt ins Bootcamp durch.

    Die Entscheidung, in der neuen Staffel auch Bands zuzulassen, ist glücklich: Das zeigt sich bei "Rune". Die vierköpfige Jungsgruppe aus Karlsruhe covert, ganz in weiß gehüllt, David Guettas "Titanium" in einem wilden Mix aus Hardrock und elektronischem Dubstep. Die Darbietung ist mitreißend, verrückt und klingt "echt live" - was von der begeisterten Jury mit vier Mal "X" belohnt wird. Nicht nur Jurorin Sandra Nasic fühlte sich nach diesem Auftritt „befreit".

    Die Rollenzuteilung innerhalb der Jury wird bereits in dieser ersten Folge deutlich: H.P. Baxxter steht mehr auf's Grobe, Kuschelbär Pelham auf die sanften Töne, Nasic gibt die Alternative-Queen und Sarah Connor ist einfach Sarah Connor: Professionelle Übermutti und sexy Allzweckwaffe in einer Person. Trotz der etwas zu häufigen Träne im Knopfloch nach besonders guten Auftritten wirken alle vier entschlossen und ernsthaft bei der Sache. Schließlich müssen sie ja auch alle Kandidaten, die das auf die Castings folgende Bootcamp überstehen, unter sich in "ihre" vier Kategorien einteilen, um mit ihnen weiterzuarbeiten. Dem Sieger winkt eine von seinem Mentor produzierte Singleauskopplung.

    Vier Mal ‚X’: Die Jungs von ‚Rune’ begeistern Jury und Publikum (Bild: RTL)Vier Mal ‚X’: Die Jungs von ‚Rune’ begeistern Jury und Publikum (Bild: RTL)

    Große Bandbreite als X-Faktor

    Das etwas verschrobene Pärchen der Band "Mrs. Greenbird" wartet aufgeregt hinter der Bühne auf ihren Auftritt, als sie hören, dass ihr Lied, "Too Close" von Alex Clare, dort gerade bereits ziemlich gut von Schüler Lucas (17) gesungen wird. Statt aufzugeben, kontern sie mit ihrer ganz eigenen, zweistimmig-folkigen Version und kommen trotz oder gerade wegen der direkten Vergleichsmöglichkeit gemeinsam mit Einzelkünstler Lucas weiter.

    Hier zeigt sich deutlich die musikalische und performative Bandbreite, die "X Factor" beschwört und möglich macht. Nach dieser ersten, erfreulichen Ausgabe der dritten Staffel bleibt zu hoffen, dass das Niveau gehalten und der hohe Anspruch nicht Lügen gestraft wird. Etwas mehr Biss und weniger harmonische Toleranz in der Jury wären aus reinem Unterhaltungszweck dennoch zu wünschen — "X Factor" muss deshalb ja nicht gleich zur ewig gleichen Retortenkünstlerproduktion mutieren.

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