Während die private Konkurrenz in Casting-Shows nach Sängern, Tänzern oder Schlittschuhläufern fahndet, macht es das ZDF nicht unter Bundeskanzler. In "Ich kann Kanzler!" (Dienstag, 01. Mai, 22.00 Uhr) treten fünf Polit-Talente mit ihren Ideen für Deutschland vor eine fachkundige Jury. Jörg Pilawa moderiert den Versuch, die Spannung einer Casting-Show mit dem politischen Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu verbinden.
"Ich kann Kanzler!"-Juroren (Bild: ZDF/Stefan Menne)
Da sitzen sie: TV-Talkerin Maybrit Illner, Comedy-Fachmann Oliver Welke und Politikberater Michael Spreng. Die Jury der ZDF-Casting-Show "Ich kann Kanzler!" hört sich die politischen Programme und Reden der aus 1.000 Bewerbern ausgesuchten fünf Final-Teilnehmer an. Der 18-jährige Auszubildende Leslie Pumm denkt radikal liberal und will das Wahlrecht ab 16 Jahren. Die 22-jährige Allison Jones möchte das Kindergeld abschaffen und stattdessen Kindergärten ausbauen. Hans Bulach, 44-jähriger Unternehmensberater aus München, fordert dagegen ein kinderleicht zu verstehendes Steuersystem. Berthold Wagner, 34 und Sozialarbeiter, plant jeden vererbten Euro in die Staatskasse zu spülen, der die Summe von einer Million Euro übersteigt. Die 45-jährige Tagesmutter Susanne Wiest schließlich, im echten Leben seit kurzem Mitglied der Piratenpartei, fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.
Schon 2009 ging das ZDF mit "Ich kann Kanzler!" an den Start - mit mäßigem Erfolg. Die Wahlkampf-Auftritte der - überwiegen jungen - Laienpolitiker interessierten damals 2,76 Millionen Zuschauer, was einen Marktanteil von 11,5 Prozent ergab. Und das bei einer durchaus prominent besetzten Jury: Günther Jauch, Anke Engelke und Altpolitiker Henning Scherf wählten Jacob Schrot zum Sieger. Einen strebsam auftretenden Redeprofi, der dem aus Funk und Fernsehen bekannten Typus des Jungpolitikers nicht unähnlich war. Die Idee des ZDF hinter der aus Kanada importierten Show-Idee ist klar: Politik sollte auf spielerische Weise einem Publikum nahegebracht werden, das sich normalerweise nicht für Politik interessiert. Junge Leute mit politischen Ideen, befreit vom streng festgelegten Meinungskanon der Parteien, sollten endlich mal Tacheles reden dürfen.
Aufgegangen ist das Ganze nur zum Teil. Oft hatte man den Eindruck, die Casting-Teilnehmer versuchten ganz einfach so zu sein, wie sie dachten, dass ein Politiker sein müsse. In etwa so, wie ein "DSDS"-Sänger möglichst gut einen echten Star imitieren will. 2012 scheint die Wirklichkeit solche Fernsehideen längst überholt zu haben. Mit der Piratenpartei - ob man sie nun inhaltlich gut findet oder nicht - treten in den Nachrichten längst Typen auf, die man sich bei einer Show wie "Ich kann Kanzler!" vielleicht gewünscht hätte. Wenige Tage vor der zweiten Auflage der Polit-Casting-Show ist unter großem Medieninteresse der Parteitag der Piraten im schleswig-holsteinischen Neumünster zu Ende gegangen. Die Berichterstattung dazu holte durchweg gute Quoten, Artikel machten Auflage oder produzierten viele Klicks. Mal sehen, ob die Inszenierung eines anderen Politikstils via Casting-Show ähnliches zu leisten vermag.
("Ich kann Kanzler!", Dienstag, 01. Mai, 22.00 Uhr, ZDF)
