Dokumentationen kommen bei RTL II für gewöhnlich aus dem Swingerclub oder dem Domina-Studio. Wenn überhaupt. Statt auf wahre Geschichten setzt der Kölner Privatsender wesentlich lieber auf Scripted Reality — also Doku-Soaps, deren Storys um wilde Party-Kids und prekäre Familienverhältnisse für die Quote „optimiert" werden. Bei der sechsteiligen Doku-Reihe „Der Jugendknast" hingegen verzichtet der Sender diesmal auf nackte Tatsachen und erfundene Schicksale. Aber die billige Effekthascherei, die muss natürlich trotzdem sein.
Das Leben hinter Gittern ist nicht leicht – und vor allem langweilig. (Bild: RTL II)
Jugendkriminalität ist ein viel diskutiertes, nicht selten auch ein stark dramatisiertes Thema. In den Medien tauchen nur die spektakulärsten Fälle (wie brutale U-Bahn-Überfälle) auf oder es geht ein kurzer Aufschrei der Empörung durch die Republik, wenn sich eine Jugendrichterin, aus welchen Gründen auch immer, das Leben nimmt. Aber plakative Schlagzeilen hin, das tragische Ableben von Kirsten Heisig her — tatsächlich belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS, 2011), dass ein Großteil der Straftaten Jugendlicher vergleichsweise „harmlos", also einfache Diebstahlsdelikte und Sachbeschädigungen sind. Werden die Jugendlichen doch einmal handgreiflich, erlauben sie sich überwiegend leichte Körperverletzungen.
Man kann das Thema Jugendkriminalität also durchaus differenziert betrachten. Dazu jedoch sollte man sich lieber bei der Bundeszentrale für politische Bildung informieren — und nicht RTL II einschalten. Dessen neue Dokumentationsreihe „Der Jugendknast" will nicht aufklären, sondern gewohnt trashig unterhalten. Aus diesem Grund heißen die Insassen der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen in Sachsen, in der 370 Männer hinter schwedischen Gardinen sitzen, auch nicht einfach Danny, Max und Mario. Sie heißen „Danny, der Zerstörer", „Max, der Unberechenbare" und „Mario, der Schläger".
Auf die unmissverständliche Vorstellung der schweren Jungs folgt das Herunterbeten ihrer Verfehlungen: Sachbeschädigung, Vandalismus, schwere Körperverletzung. Aber die dunkle Seite der Protagonisten kann man nicht nur hören, man kann sie auch sehen. Im Halbdunkel berichten sie von ihren Taten: Daniel zum Beispiel schlug den Freund einer Ex krankenhausreif und verprügelte einen guten Kumpel, weil der mit der falschen Frau geflirtet hatte: „Ich wollte einen Hammer nehmen und dem seinen Schädel halbieren."
Marcel sitzt wegen schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung und Drogenhandels. (Bild: RTL II)
Derart harte Worte und reißerische Kommentare aus dem Off („Sie haben geprügelt, geraubt, gequält. Mit ihren Opfern kannten sie keine Gnade") — mehr darf der Zuschauer nicht erwarten. Es gibt keinerlei Informationen darüber, in welchen Verhältnissen die Jugendlichen aufwuchsen oder wie sie überhaupt auf die schiefe Bahn geraten konnten. Stattdessen zeigt man lieber langweilige Sequenzen aus dem Gefängnis-Alltag: Zwei Insassen, die sich um die Bibliothek kümmern, suchen nach einem verschollenen Buch (das, na klar, den Titel „Blutopfer" trägt), ein anderer macht seinen Wocheneinkauf im knasteigenen Supermarkt.
Einzig die Vätergruppe — insgesamt 50 Gefangene von Regis-Breitingen wurden bereits in jungen Jahren Vater — liefert interessante Szenen. Als etwa Daniel der Anstalts-Pfarrerin erzählt, dass er schon fünf Kinder von vier verschiedenen Frauen hat, drei aber gar nicht sehen darf und laut eigener Aussage „auch gar kein Interesse daran" hat. Doch kaum hat der Zuschauer begriffen, was der 22-Jährige da eben vom Stapel gelassen hat, wird ihm auch schon wieder leichte Kost serviert. Oder besser gesagt: lockerflockige Szenen vom Gefängnis-Abendbrot. Auf dem Speiseplan stehen Schnittlauchleberwurst, Jagdwurst, gekochtes Ei und Schnittbrot. Das mundet nicht jedem: „Die Wurst ist räudig, das Ei alt", meckert Marcel. Ein übler Nachgeschmack bleibt am Ende der einstündigen Pilot-Folge nicht nur ihm — sondern auch den Zuschauern des „Jugendknasts".
