Das große Nationenmatch Deutschland versus Türkei beginnt größenwahnsinnig: Aus dem Off ertönt „Auf dieses Duell hat das ganze Land gewartet!", Feuerwerke versprühen Funken, Maskottchen und Cheerleader tanzen durch das Geschehen. Das schon jetzt berauschte Studio-Publikum schwenkt Fähnchen und bläst in Vuvuzelas. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert. Elf deutsche und elf türkische Prominente - oder solche, die es werden wollen - laufen mit kleinen Kindern an der Hand auf die Bühne. Ziemlich viele Fußballspiel-Anleihen, finden Sie? Ganz recht: Das hier ist schließlich das Warm-up zum EM-Qualifikationsspiel Deutschland - Türkei, das am Freitag stattfinden wird.
Ginge es heute Abend allein nach Star-Faktor, stünde das Gewinner-Land bereits fest - Deutschland wartet unter anderem mit Axel Schulz, Ulla Kock am Brink und Boris Becker auf. Die Besetzung der türkischen Mannschaft kommt im Vergleich dazu eindeutig schlechter weg - die Schauspieler Ilknur Boyraz und Tim Seyfi kennen nur wenige, und die türkische Fußball-Nationalspielerin Filiz Koc ist nicht einmal Wikipedia ein Begriff. Zum Glück für Team Türkei ist Sieg oder Niederlage allein von den folgenden 12 Runden in Geschicklichkeits-, Wissens- und Sportwettkämpfen abhängig.
Los geht's mit einem Tier-Quiz, das prima veranschaulicht, wie diese Show ablaufen wird: Moderator Kerner ist ganz Kerner. Er erklärt ein bisschen oberlehrerhaft, was die einzelnen Tiere ausmacht, vor allem aber gibt er den absolut neutralen Schiedsrichter. Kein Team wird hier bevorzugt. Allein das Publikum hat klare Präferenzen - die deutsche und die türkische Seite sind eindeutig zu unterscheiden. Was beide dann doch eint: Alle schreien munter durcheinander, wenn sie meinen, bei einer der Fragen aushelfen zu können. In der Kombination ergibt das einen hohen Geräuschpegel, 22 herumwuselnde Prominente und einen Moderator, der mit Strenge zu ordnen versucht. Pures Prime-Time-Chaos.
Die folgenden Spiele verstärken diesen Effekt noch. Beim Autoscooter-Basketball geht es ordentlich rund, die Scooter prallen aufeinander und nebenbei entdecken wir noch Deutschlands neues Basketball-Talent: Matthias Steiner. Der Gewichtheber, übrigens erst vor kurzem als Vizeweltmeister im Superschwergewicht aus der Türkei zurückgekehrt, macht drei von vier deutschen Punktwürfen. Das reicht zum Sieg, deshalb weiter zum Tischtennis-Rundlauf. So sieht das also aus, wenn man in einem Ameisenhaufen stochert: Gewirr as Gewirr can. Bis sich Kaya Yanar (Türkei), Maike Tatzig, Jürgen Vogel (beide Deutschland) und Co. sortiert haben, vergeht Zeit, die man doch prima fürs Angaben-Versemmeln und Bälle-ins-Aus-Kellen hätte verwenden können. Gut, kommt das eben jetzt. Hier wird ganz sicher keine Sport-Geschichte geschrieben, aber das macht nichts: Boris Becker, der in dieser Disziplin eigentlich glänzen sollte, relativ früh aus dem Rundlauf ausscheiden zu sehen, macht auch Spaß. Die Türkei gewinnt beim Tischtennis - jetzt herrscht Gleichstand in der Gesamtwertung.
Es bleibt spannend, ob beim Geschwisterraten während eines Tauchganges oder beim Filmraten in der Runde. Die cineastischen Klassiker werden - man höre und staune - hinter einer Schattenwand vorgetanzt. Wie sich mehrere Tänzer zum Beispiel zu Pferd und Cowboy („Der Pferdeflüsterer") verknoten - das ist schlicht abgefahren. Kerner kann nicht an sich halten: „Ich hab so was Schönes noch nie gesehen." Auch Eko Fresh (Türkei) und Andrea Sawatzki (Deutschland) sind beeindruckt. Als nächstes steht ein XXL-Videospiel an, dem sich Bülent Ceylan und Jürgen Vogel stellen. Bülent, der Publikumsliebling, siegt und bringt Punkte für Team Türkei, das zu diesem Zeitpunkt klar vorne liegt. Daran ändert auch das Küchengeräusche-Raten nichts: Christoph Maria Herbst, Axel Schulz und Marie Bäumer geben alles für Deutschland - gegen Bahar Kizil, Sängerin von Monrose und Adnan Maral, Schauspieler, kommen sie nicht so richtig an. Der eigentliche Trumpf im Ärmel der Türkei: Gülcan Kamps. Sie kennt sich mit Küchenmaschinen aus, nur das mit den Namen, ja das ist schwierig. Da werden kurzerhand ein „Teig-Rühr-Misch-Gerät" sowie der „Rührstab" erfunden, der eigentlich ein Pürierstab ist. Ach Gülcan, mach dir nichts draus, back einfach weiter kleine Brötchen.
Ab hier wird es richtig ernst. Das erste Matchball-Spiel für die Türkei steht an: Elfmeter schießen. Dank Matthias Steiner, der auch eine Zweitkarriere als Torhüter beginnen könnte, kann Deutschland die vorzeitige Niederlage (wir sind ja erst bei Spiel 10 und in Stunde drei) noch einmal abwenden. Auch das Spiel danach bewirkt nur eins: latente Unruhe beim Zuschauer. Kann jetzt bitte endlich jemand gewinnen? Nein, erst das Inline-Skaterhockey bringt die Entscheidung. Ganz knapp liegt die Türkei am Ende vorn und geht so als Sieger aus dem turbulenten Nationenduell hervor. Darauf 30 Kilogramm Glitzer-Konfetti.
Enttäuscht sollten die Deutschen nicht sein, war es doch eigentlich ein Wettkampf zwischen Deutschen und Deutschen türkischer Abstammung. Und noch dazu: „Ein fantastisches, sportliches, leidenschaftliches, faires Duell. 1+ für alle." Danke, Kerner.
Bilder: SAT.1 Benedikt Müller / Jens Koch

