RTL hat mal wieder alles richtig gemacht: Veranstaltet gleich zu Beginn der Liveshow-Phase von „Deutschland sucht den Superstar" die ganz große Party, lässt die verbliebenen 16 Kandidaten zu „Good Feeling" von Flo Rida abhotten und übergießt die geballte Ladung Casting-Klamauk mit einem Zentner Glitzerkonfetti. Auch Juroren-Gott Bohlen ist wie immer auf seiner schlagfertigen Höhe („Bevor ihr jetzt alle glaubt, ich habe ein Herz: Das ist natürlich nicht so"). Ja, bis hierhin passt einfach alles. Gar an einen rührseligen Whitney Houston-Gedächtnismoment hat man in Köln gedacht. Aber Party und Poptitan hin, verstorbene Gesangslegende her: Irgendetwas fehlt doch bei dieser Top 16-Show! Ach, genau, jetzt haben wir es: keine Zuschauer weit und breit!
Ganz schön bunt, die Top 16 in der ersten Liveshow von DSDS (Bild: RTL)
Die mittlerweile neunte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar" fällt nämlich vor allem durch eines auf: miese Quoten. Derart wenig Publikumsinteresse generierte die Show schon lange nicht mehr. Um genau zu sein: nicht mehr seit ihrer Mattscheibenpremiere vor rund zehn Jahren. Seitdem hat sich viel geändert, wurde DSDS zum pompösen Flagschiff der TV-Casting-Landschaft, hat sich Dieter Bohlen vom schmierigen Produzenten und „Modern Talking"-Sänger zu einer coolen Marke entwickelt. Was ist da also los, wenn nicht einmal dutzende Special Effects (so viel Nebel wabert in keiner anderen Sendung über die Bühne) und Superbohlen, der abgebrühteste aller Jury-Köpfe, kaum mehr als durchschnittlich 5,5 Millionen Menschen pro Folge zum Einschalten bewegen können?
Ganz einfach: Nach neun Staffeln ist's schlicht mal genug. Denn so viel sich auch seit Beginn im Jahr 2002 verändert hat, eines bleibt bei DSDS doch immer beim Alten: Hier geht es nicht darum, Persönlichkeiten mit Talent zu finden, sondern darum, gut aussehenden (Stereo-)Typen, die vielleicht ganz passabel vor sich hin trällern, zu ihren sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm zu verhelfen. Das ist auch und besonders in der ersten Liveshow der aktuellen Staffel nicht anders: Da gibt es die blonde Sexbombe Jana, den „liebenswürdigen Chaoten" (Schreyl) Joey, die arrogante Ziege Vanessa und den himmelschreiend überzeichneten Clown Christian aka „Herr Schöne". Und täglich grüßt das Murmeltier...
Bei Christian ist der Hang zum Musical kaum zu übersehen (Bild: RTL)
Letzterer versucht sich übrigens an Queens „I Want To Break Free" — und verwandelt einen Klassiker der Popgeschichte in eine Art billige Musical-Aufführung. Mit weißem Lätzchen um den Hals, einem Haarband in den blonden Locken, akkurat getuschten Wimpern und etwas, das wohl einen Lederharnisch darstellen soll, betritt Herr Schöne die Bühne, singt den Mega-Titel mal eben herunter und hampelt — als optisches Sahnehäubchen — noch etwas ungelenk herum. Das ist wirklich nicht schön anzusehen, aber eben schon ein bisschen selten. Und genau darauf baut DSDS: den wohl kalkulierten Schock, das Quäntchen Extravaganz, das dem Mädchen oder dem Jungen von nebenan (und oft sind die Kandidaten tatsächlich noch Kinder, wie die 16-jährige Fabienne) einen Funken von Star-Appeal verleiht. Doch so ein Funke, der mag über zehn Mottoshows hinweg prima funktionieren, spätestens danach aber verglüht er. Das haben die bisherigen DSDS-Gewinner mehr als bewiesen. Von Tobias Regner bis Mehrzad Marashi ist kaum noch einer der letzten acht Sieger erfolgreich als Sänger im Geschäft.
Luca gehört zu den Top 10 Kandidaten für die kommenden Mottoshows (Bild: RTL)
Exakt dieses Schicksal blüht auch ihnen, ganz gleich, wie weit sie letztendlich kommen werden: Silvia, der professionellen Lächlerin, Jesse, der Soul-Röhre, Kristof, dem Schlagerbarden. Bei zwei Superstar-Anwärtern allerdings ist das fast ein wenig schade. Thomas — der von Bohlen erst gestern überraschend für die Live-Show nachnominiert wurde — und Luca sollten nicht einfach so verheizt werden. Der eine nicht, weil er sich angenehm zurücknimmt, sein Talent für sich sprechen lässt, der andere nicht, weil er etwas hat, das fast allen Kandidaten fehlt: Authentizität. Juror Bruce Darnell drückt das etwas ungelenk, aber doch sehr zutreffend so aus: „Du singst so glaubwürdig."
Und von etwas mehr Luca, etwas mehr Glaubwürdigkeit könnten sogar die Quoten noch profitieren. Aber vielleicht auch nicht, wenn Bohlen Lucas Charme weiterhin so konsequent herunterquatscht: „Der ist auch so eine Story für kleine Mädchen und ihr Poesie-Album."
Und diese zehn Kandidaten haben es in die Mottoshows geschafft:
Vanessa Krasniqi
Jesse Ritch
Kristof Hering
Thomas Pegram
Fabienne Rothe
Luca Hänni
Joey Heindle
Hamed Anousheh
Daniele Negroni
Silvia Amaru

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