Es ist Halbfinale bei DSDS. Drei Kandidaten — Luca, Jesse und Daniele — sind noch übrig, wer es in die nächste Show schafft, ist schon ziemlich nah dran am Plattenvertrag und der halben Million. Doch dass es um Casting-Ruhm und sehr viel Geld geht, merkt man in der achten Mottoshow kaum. Herzklopfen Fehlanzeige. Eher wird es eine Sendung mit Ruhepuls.
Jesse Ritch verliert das Kopf-an-Kopf-Rennen im Halbfinale (Bild: RTL)
Zeit schinden mit Lieblingsmarco
Der Anfang fällt noch einigermaßen feurig aus: Zu „Relight My Fire" von Take That, dem ersten Gemeinschaftssong, tanzen die Jungs als lässige Boyband vor einem projizierten Flammenmeer. Schick. Dann entschleunigt die Sendung leider massiv. Offensichtlich ist den Programm-Machern aufgefallen, dass bei nur noch drei Kandidaten viel Zeit zwischen den Songs überbrückt werden muss. Also lassen sie die Einspieler, die zusammenfassen, was in der letzten Show passiert ist, ultra-langatmig ausfallen. Aber will man wirklich wissen, wo genau Daniele in der vorletzten Generalprobe patzte? Eher nicht. Pure Zeitschinderei, die genauso langweilt wie die banalen Fragen, mit denen „Ihr Lieblingsmarco" (Schreyl) diesmal alles und jeden traktiert. Und dass nach jeder Runde ein Zwischenstopp mit vorläufigem Abstimmungsergebnis, Jurymeinungen und Kandidaten-Clips eingelegt wird, hätte auch nicht sein müssen.
Extraportion Klavier
Auch wenn Daniele, Jesse und Luca singen, nimmt die Sendung nicht richtig Fahrt auf. Weil jeder mittlerweile seinen bewährten Mix hat, gibt es keine wirklichen Überraschungen. So rappt Reibeisen Daniele einmal zu „Beggin'" von Medcon, während sich in einem Glaskasten Tänzerinnen mit Farbe bewerfen. Bei der Rockballade „Wherever You Will Go" (The Calling) zeigt er dann mit Schulterpolstern das Gefühl, von dem er weiß, dass es bei der Jury ankommt. Prompt sagt Bruce fünfmal „prima". Jesse dagegen setzt in allen Songs auf Emotion und seinen beeindruckenden Stimmumfang, womit er wie immer hart am Kitsch vorbeischrammt. „Die erste Träne" (Bisou), zum Beispiel, kommt mit extraviel Klavier und Nebel, beim souligen „Unbelievable" von Craig David hängt ein Engel im Sternenhimmel und „Every Breath You Take" (The Police) singt Jesse für Bohlens Geschmack sogar etwas zu weich. Trotzdem lobt der, dass Jesse „eine tonale Treffsicherheit wie Wilhelm Tell" hat. Luca wiederum hat sich in der Songauswahl ganz an seinem Status als Mädchenschwarm orientiert. Welches Teeniegirl würde nicht gern als „Ma Chérie" angesungen werden oder à la Silbermond hören, dass es „Das Beste" ist, was Luca je passiert ist? Dass das erste ein veritabler Discokracher von DJ Antoine feat. The Beat Shakers ist und das zweite eine ausgewiesene Schmachtnummer, beweist der Jury noch einmal Lucas Vielfältigkeit.
Daumen hoch: Bruce findet alles ‚prima’ und lobt die Kandidaten (Bild: RTL)
Auf der Suche nach der dicken Lippe
Das alles ist so absehbar und gewinnoptimiert, dass man sich irgendwann nach ein bisschen Kante und einer gepflegten Ansage sehnt. Dumm nur, dass die Jury kein bisschen in Rambazamba-Laune ist. Vielmehr gibt es durchgängig Lob für die Performances der Kandidaten, mal hat Bohlen bei Luca „Gänsehaut von innen", mal schwärmt Natalie davon, wie Jesse sie „e-mo-tio-nal" umgehauen hat. Es ist ein einziges Händchenhalten. Grauenhaft. Und die Kandidaten benehmen sich leider auch abseits der Bühne genauso weichgespült wie darauf. Daniele kann zum Beispiel gar nicht aufhören, zu zeigen, wie brav er geworden ist: Beim Familienbesuch lobt er erst ausgiebig Muttis Hausmacher-Lasagne, dann gibt es eine faire Runde Fußi mit den Jungs und zum Schluss wird noch ganz wild „Kniffel" gespielt. Crazy. Luca sieht man beim Käsefondue mit der Patchworkfamilie und beim Kleinkonzert in der Dorfsporthalle. Die versauteste Erkenntnis des Abends stammt noch von Jesse: „Ich habe bemerkt, dass das gut ankommt, wenn ich mit dem Popo wackel." Leider kommt die Einsicht für die Show etwas zu spät, denn für Jesse ist es die letzte Show. Er scheidet aus, während Luca und Daniele ins Finale einziehen — übrigens mit einem winzigen Stimmenvorsprung. So ist zum Ende doch noch das passiert, wonach man sich als Zuschauer die ganze Zeit gesehnt hat: Es ist für ein paar Minuten richtig spannend geworden.
