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    Neuer “Polizeiruf 110″ aus München: Heimat, nur ein anderes Wort für Hölle

    Von wegen Weltstadt mit Herz. Seit der Exilpreuße Hanns von Meuffels seinen Dienst in der bayerischen Landeshauptstadt antrat, fühlt man sich an Stings Ballade vom "Englishman in New York" erinnert. Matthias Brandt spielt den Kripomann tatsächlich wie ein "Alien" — kantig, kühl, zwischenmenschlich weitgehend isoliert. Vor allem mit dem Dialekt hat der Norddeutsche so seine Schwierigkeiten. Im neuen Münchner "Polizeiruf 110: Schuld" sieht man ihn jetzt im malerischen Umland der Südmetropole ermitteln. Im urbanen Filzmantel pafft er einmal vor dem Alpenpanorama einsam eine Zigarette. Welch ein Bild. Der Kulisse nach ist das also ein Heimatfilm. Aber ein besonderer. Schließlich führte Hans Steinbichler Regie, der seit seinem viel gelobten Kinodebüt "Hierankl" (2003) als klarsichtiger Neuerer des Folkloregenres gilt. Heimat: Das ist nur ein anderes Wort für Hölle.

    Fehl am Platz? Meuffels (Matthias Brandt) in Bayern. (Foto: BR / J. Olczyk)Fehl am Platz? Meuffels (Matthias Brandt) in Bayern. (Foto: BR / J. Olczyk)

    Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm), die junge Polizistin in der Ausbildung, hat den Kommissar in das oberbayerische Dorf gebracht. Es ist eine prekäre Lage: Vor dem Haus von Xaver Edlinger (Daniel Christensen) hat sich ein Lynchmob formiert. Vor zwölf Jahren soll Edlinger einen Dörfler mit einer Bierflasche erschlagen haben. Er stand vor Gericht, man hat ihn mangels Beweisen freigesprochen, inzwischen schien endlich Gras über die Sache zu wachsen. Die Dörfler wollten den Gebrandmarkten wieder integrieren, da platzt Anna mit neuen Beweisen in ihr Heimatdorf, das sie einst aufgewühlt verließ. Eigenmächtig hat sie die alte Tatwaffe auf DNA-Spuren neu untersuchen lassen. Die Erkenntnisse überführen Edlinger, der im Begriff war, Annas Schwester zu heiraten, als Mörder. Aber so einfach ist das mit dem Überführen dann doch nicht. Denn es gilt: Ne bis in idem.

    Ist Xaver Edlinger (Daniel Christensen) ein Mörder?  (Foto: BR / J. Olczyk)Ist Xaver Edlinger (Daniel Christensen) ein Mörder? (Foto: BR / J. Olczyk)

    Bedeutet: Niemand darf zweimal in derselben Sache angeklagt werden. Ein verbindlicher Rechtsgrundsatz ohne Wenn und Aber. Da hockt nun also dieses Häufchen Elend, das eben noch frohe Zukunftspläne machte, in seinem Bauernhaus. Draußen die Selbstgerechten. Der Strom im Haus wird gekappt, Meuffels' Hund wird massakriert. Der Kommissar wacht in der Nacht beim mutmaßlichen Täter, schützt ihn vor denen da draußen und vor sich selbst. Aber er spielt auch Vabanque. Meuffels sagt, die Sache solle "hochkochen", er will dass die Dorfgemeinschaft die offene Mordsache selbst klärt. Eine Wahrheitsfindung unter Schmerzen.

    Zum zweiten Mal nach dem vom BR-Jugendschutz beanstandeten Extremistenlehrstück "Denn sie wissen nicht, was sie tun" inszenierte Hans Steinbichler einen Meuffels-"Polizeiruf". Und wieder hat er eher die Form einer menschlichen Tragödie denn die eines Krimis. Die entscheidenden Szenen drehte Steinbichler übrigens im Haus seiner Tante im Chiemgau. Der Filmemacher als Nestbeschmutzer? Wohl eher ein tapferer Chronist. Heimat ist da, wo die Rückkehr wehtut. Auch diese Definition geht hier auf beklemmende Weise auf.

    ("Polizeiruf 110: Schuld", Sonntag, 29. April, 20.15 Uhr, ARD)

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