„Ja, ähm, hi." — Legenden fangen eigentlich anders an. Genau genommen gehen sie auch nicht mit „das ist saukrass, Mann" weiter oder nehmen mit „Ey, Digger, meine Hose ist gerissen" Fahrt auf. Trotzdem ist Antonio aus Groß-Ostheim der erste Kandidat, den man sich in dieser Staffel tatsächlich als Popstar vorstellen kann. Zumindest will man dringend wissen, wie es mit dem sympathisch prolligen, leicht verstrahlten Metzger weitergeht — oder anders gesagt: Es gibt wieder einen Grund, donnerstags „Popstars" auf ProSieben einzuschalten!
Metzger Antonio (r.) stört die Harmonie bei Popstars – und das ist gut so! (Bild: ProSieben)
Stopp dem Gruppenkuscheln!
Und dafür wurde es auch höchste Zeit: In den letzten drei Folgen drohte die Sendung schließlich in Harmoniesuppe zu ertrinken. Eine politisch korrekte, pädagogisch versierte und überhaupt herzensgute Jury traf auf knuddelige Kandidaten, glatte Bubis und liebe Girlies, die höchstens mal zu tief in den Geltiegel langten. So viel Gruppenkuscheln und Händchenhalten langweilte die Zuschauer schnell und ließ die Quote bröckeln — zuletzt lag sie mit 12,9 Prozent nur noch knapp über Senderdurchschnitt.
Dass „Popstars" in dieser Woche wieder mehr Spaß macht, liegt jedoch nicht nur an Antonio. Zur letzten Castingrunde in Berlin kommen auch so einige andere interessante Typen: Gebäudereinigerin Dagmar wagt sich mit 49 Jahren und Tina Turners „Nutbush City Limits" ins Rennen. Der moppelige Musicaldarsteller Immanuel verrät die Geheimnisse seiner hüftlangen Lockenpracht (Conditioner! Dauerwelle!). Und Ladyboy Kelly (31) wechselt mitten im Lied zwischen ihrer weiblichen und männlichen Tonlage — was irgendwie nach Instant-Stimmbruch klingt. Keiner von ihnen kommt weiter, auch wenn es um Dagmars Rockröhre wirklich schade ist.
Rockröhre Dagmar ist mit ihren 49 Jahren zu alt für Popstars-Pläne (Bild: ProSieben)
„Germany's Next Topmodel meets Popstars"
Da wünscht man sich als Zuschauer eine offenere Jury, die auch mal auf Altersgrenzen pfeift und etwas ausprobiert. Zumal sie bei besonders hübschen, gesanglich aber mäßig begabten Kandidatinnen auch gerne ein Auge zudrückt bzw. ein Ohr weghält. Die 18-jährige Katharina, die schon als Kind im Friedrichstadtpalast tanzte, ist so ein Fall. „Germany's Next Topmodel meets Popstars", sabbert D! schon, als sie den Raum betritt. Später lässt er sie zwanzig Can-Can-Schritte machen und die Nationalhymne singen. Warum genau, weiß wohl nur D! selbst. Auf jeden Fall kommt Katharina so mit einer ziemlich mauen „Lady Marmelade" weiter.
Bei den Jungs hält der Trend zur Klampfe ungebrochen an. Fast jeder begleitet sich selbst — weil es alle machen, bringt es mittlerweile aber nicht mehr zwangsläufig einen Vorteil. Der indonesische Kindergärtner Rafael (24) kann zum Glück auch noch tatsächlich singen. In Brillen- und Zahnspangenträger Anouar (in einer Woche 16 Jahre alt) verliebt sich Senna dagegen schon vor dem ersten Ton. Und Schüler Matze (19) bezirzt wiederum Ross mit schmachtendem Gesang: „Du warst tief in meinen Gefühlen. Das fand ich superschön." Im Recall ist für Rafael, Anouar und Matze trotzdem Schluss.
Da hilft auch kein Tänzchen mit Senna: Anouar (l.) darf nicht nach Ibiza (Bild: ProSieben)
„Workshop, Digger!"
Dass Rafael gehen muss, kurz nachdem Senna seinetwegen vor Rührung in Tränen ausgebrochen ist, macht die Sache noch ein bisschen interessanter. Denn während bisher Gefühlsduseleien verlässlich überzogene Punktwertungen — vor allem von Ross — nach sich zogen, ist die Jury in dieser Hinsicht unberechenbarer und wohl auch etwas unbestechlicher geworden. Wenn Senna in der einen Minute „Das hat mir das Herz gebrochen" haucht und in der nächsten „That's part of the game" schnoddern kann, werden nicht nur die Entscheidungen um einiges spannender. In dieser Folge hat die neue Nüchternheit — optische Vorlieben einmal außen vor gelassen — auch dafür gesorgt, dass diejenigen in den Workshop auf Ibiza kommen, die es verdienen. Neben der Bayerin Stephanie, die eine Riesenstimme und einen sehr sympathischen Style hat, ist auch Antonio dabei. „Ey, Digger, ich bin weitergekommen, ey", freut sich der und stolpert erst einmal vom Jury-Podest. Der Zuschauer weiß da längst: Nichts ist so unterhaltsam wie ein Proll mit Herz.
