Neue Helden braucht das Fernsehland, da erzählt man nichts Neues. Die Strombergs sind eine höchst seltene Spezies, und so ein House oder Schimanski schlüpft auch nicht alle Tage aus dem Produzenten-Ei. Aber ausgerechnet zum "Vatertag" gibt's jetzt den Beweis, dass sie zum Glück noch nicht ganz vom Aussterben bedroht sind, die echten Kerle und Typen: Zwischen "Sherlock" (20.15 Uhr, ARD), den der Brite Benedict Cumberbatch als dandyhaften Gentleman mit Oscar-Wilde-Anleihen interpretiert, und dem legendären Flachleger Hank Moody (David Duchovny) in "Californication" (die dritte Staffel ist bei RTL II ab 23.10 Uhr am Stück zu sehen), betritt im Ersten um 21.45 Uhr ein besonders schräger Vogel die Bühne: Bjarne Mädel, der "Ernie" aus dem "Stromberg"-Office, ist "Der Tatortreiniger".
"Ach, du Scheiße": "Schotty" (Bjarne Mädel) am Tatort (Bild: NDR/T. Jander).
"Boah, ach du Scheiße!" Schotty (Mädel, 44) ist schon wieder ziemlich angenervt. "Da brauchst du Gummistiefel!", stöhnt er, als er in seinen wieder einmal mit Blut zugeschmierten Arbeitsplatz, diesmal ist es das Bad einer Mietwohnung, blickt. Ekelhaft. Aber einer muss den Job ja machen. Wat mut, dat mut, wie Schotty sagen würde. Und dann heißt es erst mal: "Mahlzeit!" Denn "Der Tatortreiniger", ein knochentrockener Kauz mit Pornoschnauzer und nöligem Facharbeiter-Besserwisserhabitus, greift zur Brotbüchse - es gibt Salami und Weißen Pressack. Der Wahnsinn in Dosen gewissermaßen, aber das ist nur der Anfang ...
"Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben!" - Da hat Schotty keinerlei Illusion, und in den folgenden 30 Minuten geht's entsprechend zur Sache: Zum Beispiel kommt es am Tatort beinahe zum Sex mit einer Prostituierten (Katharina Schubert), am Ende schauen gar die Rostocker "Polizeiruf 110"-Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) bei ihren Ermittlungen in der Mietwohnung vorbei, in der der leidgeprüfte "Tatortreiniger" seinen Dienst tut.
Die "Polizeiruf"-Kommissare geben sich die Ehre (NDR/T. Jander).
Gar keine Frage: Das NDR-Experiment "Der Tatortreiniger" ist das schwarzhumorigste Stück Fernsehen seit langem, ein subversives Krimi-Comedy-Kammerspiel, das nach der vierteiligen Erstausstrahlung im Dritten schon mit Preisen und Kritikerlob bedacht wurde und nun erst mal nur eine Episode lang im Hauptprogramm der ARD zu seinem Recht kommt. Aber man muss sie schon mögen, die haarscharf am Klamauk vorbeischlitternde Bildsprache, wenn etwa die zufällig hereinschneiende Liebesdame gerade zum Blow Job ansetzt, aus den Augenwinkeln aber die Blutlachen an der Küchenwand entdeckt und das Ganze dann im Würgereiz endet. Das ist "nur" Comedy. Aber in ihrer intelligenteren, böseren Art, very british. "Ganz normale Jobs", heißt der Titel der Episode, in der es zwar nicht zum Schäferstündchen vor Mordkulisse kommt, aber dafür zum packenden Seelenstriptease eines vom Zufall zusammengewürfelten Protagonistenpaares aus Nutte und Spurenbeseitiger. Kleines Fernsehspiel, aber ganz großes Kino, jedes Wort, jede Geste sitzt perfekt - Regisseur Arne Feldhusen ("Ladykracher", "Stromberg"), der Bjarne Mädel auch schon in "Der kleine Mann" in eine Loser-Story schickte, hat ganze Arbeit geleistet. Die Frage ist nur: Ist so was ARD-tauglich? Und braucht es wirklich so viel Theater um ein paar kleine Episoden aus dem Leben einer Reinigungskraft? Wobei Schotty jetzt natürlich entschieden protestieren würde: "Das wäre ja so, wie wenn man sagen würde, ein Pilot ist einfach nur ein fliegender Busfahrer."
("Der Tatortreiniger: Ganz normale Jobs", Donnerstag, 17. Mai, 21.45 Uhr, ARD)
