Schläge beziehen, Ekelprüfungen absolvieren und auch bei grenzwertigem Nervenkitzel Humor bewahren: Von der neuen ProSieben-Samstagabendshow „Joko gegen Klaas — Der Kampf um die Welt" möchte man möglichst sofort mehr sehen. Selten war Dämliches unterhaltsamer. Die Devise lautet: „Jackass" zeigt „Wetten, dass ..?", was eine Harke ist.
Erinnert sich noch jemand an „Tutti Frutti"? Auch Anfang der 90er Jahre gab es schon Trash-TV. Genau, irgendwie doch prickelnde Unterhaltung mit schmierigen Moderatoren, undurchsichtigen Spielshow-Regeln — und trotz allem äußerst beachtlichen Schauwerten. Wenigstens ein langbeiniges, sich lasziv räkelndes Bikini-Mädchen wie früher hat es auch in die neueste ProSieben-Samstagabendsause „Joko gegen Klaas — Das Duell um die Welt" geschafft. Allerdings dient die Schöne heute wie damals als bloße Staffage. In der kindischen Wetteifershow fungiert sie als Dekoration für eine eher unappetitliche Minigolf-Variante, bei der Joko Winterscheidt den Spielball mit seiner flinken Zunge vorantreiben musste (was letztlich schief ging).
Gigantische Egos: Joko (links) und Klaas wetteifern um den Weltmeistertitel (Foto: ProSieben/Marcus Höhn).
Nein, die schönste Gemeinsamkeit der beiden Shows, zwischen denen mittlerweile fast zwei Jahrzehnte Fernsehgeschichte liegen, ist die Albernheit der sogenannten „Länderpunkte". Nach welchen Regeln die zu gewinnen waren, hatte damals schon selbst der „Tutti Frutti"-Moderator Hugo Egon Balder nicht kapiert. Beim ebenso erbitterten wie kindsköpfigen Kampf Joko vs. Klaas sind sie genauso nebensächlich wie damals. Wichtiger sind heute wie einst doch nur die nackten Tatsachen bzw. die nackte Furcht und der ungebremste Furor, sich vor einem Millionenpublikum komplett zum Horst zu machen.
Klaas Heufer-Umlauf, der letztlich die weltumspannende Schlacht verlor, dies aber mit nonchalantem Lächeln hinnahm, fasste den Gehalt der neuen Show, von der man sich heute schon viele weitere Ausgaben wünscht, mit trockenen Worten zusammen. „Es ist eine beachtliche Leistung im Bereich des Schwachsinns", lobt er sich selbst nach seiner bestandenen Tokio-Etappe. Dort hatte er eine selten dämliche Aufgabe erfolgreich bewältigt, die ihm sein sadistisch veranlagter Spiel-Gegner auferlegt hatte. Joko Winterscheidt hatte seinen Kollege Klaas nach Japan geschickt mit der harmlos klingenden Anweisung, sich in der Millionenmetropole „zum größten Freak der Stadt" zu machen.
Klaas Heufer-Umlauf (links) bezog beim Kickboxen in Thailand Prügel (Foto: ProSieben/Marcus Höhn).
Hinter der kryptischen Aufgabenstellung verbarg sich eine groteske Form von Körperverstümmelung, die eigentlich weit jenseits der Grenze zur Sendefähigkeit lag. Der selbst sichtlich irritierte Klaas ließ sich in einem sonderbaren Club von einem noch sonderbareren Piercing-Künstler mittels einer Infusions-Kanüle an seiner Stirn so viel Flüssigkeit unter die Haut träufeln, dass sich über mehrere Stunden hinweg eine gigantische Beule bildete. Die wurde dann — wozu sonst? — in eine Donut-Form gebracht. Und Heufer-Umlauf zog in einer Stadt, die mit exzentrischen Passanten nicht geizt, anerkennende Blicke auf sich. Mission bestanden? Aber ja!
Es war allerdings nur ein bizarrer Höhepunkt einer über dreistündigen Wahnsinnssendung, in der Winterscheidt einen wütendenden Alligator bestieg und küsste, Heufer-Umlauf sich im russischen Weltraum-Trainingszentrum auf vierfache Erdanziehungskraft beschleunigen ließ und Joko wiederum heftig Prügel bezog, als er einer muskelbepackten mexikanischen Wrestlerin während des Kampfs an die Brüste grabschte. Klingt hochpubertär. War es auch. Aber genau das hatte Klaas von ihm gefordert.
Joko Winterscheidt legte sich in Florida mit Alligatoren an (Foto: ProSieben/Marcus Höhn).
Allerdings bekam der eher kleinwüchsige Oldenburger, der gerne damit kokettiert, dass er mit seiner Friseurausbildung ja einst einmal etwas Anständiges gelernt hat, die tendenziell etwas fieseren Aufgaben zugeschustert. Er musste sich vor johlendem Studiopublikum die kräftigen Rüssel von 20 Industriestaubsaugern auf der nackten Haut platzieren, was schmerzte und scheußliche rote Flecken hinterließ. Außerdem wurde er von Joko auf der China-Station seiner Weltreise auf einen vermeintlichen Wanderweg gehetzt. Doch der entpuppte sich schon bald als atemberaubender Klettersteig mit über 1000 Metern Absturzmöglichkeit unter der Hose.
Im Vergleich hatte es sein Gegner auf Jamaika fast schon gemütlich, als Joko stockbetrunken ein Eselrennen meistern musste. Klaas dagegen hatte in Thailand die wütenden Schläge eines Kickboxers einzustecken — und die kamen völlig unerwartet aus dem Dunkeln. Wie das? Der eher schwächliche Fighter wurde mit verbundenen Augen in den Ring geschubst. „Es geht darum, den Gegner zu vernichten", gab Joko Winterscheidt schon ganz zu Beginn der neuen Sendung als Devise aus.
Gleichzeitig hatte er eingangs das Publikum gewarnt: „Jeder, der heute Spaß erwartet, wird enttäuscht sein." Diese Drohung machte die Show nicht wahr: Zuzusehen, wie sich die beiden sympathischen TV-Bekloppten gegenseitig bis zum Äußersten reizten und in erschöpfter Verzweiflung beschimpften, machte doch tatsächlich große Freude. Noch etwas perfider wurde der Kitzel, wenn man sich für einen Moment vor Augen hielt, dass die zwei Frontalentertainer doch tatsächlich beinahe ZDF-Familienshow-Moderatoren geworden wären. Mit ihren haarsträubenden gefährlichen „Niemals-zuhause-Nachmachen"-Wettdisziplinen wie Feuerwerksraketen-Elfmeterschießen oder dem Befummeln von unterschiedlich stark geladenen Stromkabeln unterzogen Joko und Klaas den Klassiker „Wetten, dass ..?" in einer Art fiktivem Fernduell einer größtmöglichen „Jackass"-Mutprobe.
Soll heißen, bei ProSieben bekam man jetzt schon all das zu sehen, was der Gottschalk-Nachfolger Markus Lanz ab dem Herbst niemals wagen wird. Allerdings könnte der vielleicht weitschweifiger und letztlich befriedigender erklären, was es nun doch tatsächlich mit den „Länderpunkten" auf sich hat. Nur dass es darum doch nie ging. Was zählt, ist der nackte Wahnsinn.
