"Ja, ich spritze Botox! Ja, ich bin operiert! Ja, ich finde mich prima!" So zitiert der Internetauftritt einer großen Boulevardzeitung die "neue" Linda de Mol, die also in Sachen Optik ganz offenbar die alte sein möchte. Sie wissen schon, die aus den 90er Jahren. Die Holländerin aus dem goldenen Zeitalter des Privatfernsehens. Als Scripted Reality, Dokutainment und Casting-Shows nicht mehr als eine leise Ahnung waren und man sich stattdessen an stundenlangen, gerne von Lindas Bruder John de Mol produzierten Mega-Shows ergötzte.
Linda de Mol Reloaded: Mit „The Winner is ...“ startet die Moderatorin eine neue Talentshow (Bild: SAT.1)
Zum Beispiel "Traumhochzeit", jener Show, in der angeblich knapp 100 Paare die ewige Liebe fanden. Das war natürlich total schön — in der Rückschau wirkt's aber auch etwas angejährt. Dass man Linda de Mol 2012 eine Primetime-Show spendiert, war also nicht zu erwarten. Dass es eine Musikshow ist, noch weniger. Denn ganz ehrlich: Braucht man das? In den vergangenen zwölf Monaten liefen mit „Das Supertalent", "X Factor", "Voice Of Germany" und "Unser Star für Baku" gleich vier Casting-Shows, die aktuell ausgesendete Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" leidet unter einem kreuzlangweiligen Kandidatenpool und mauen Quoten. Vielleicht ist es einfach so: Wie man irgendwann Ende des vergangenen Jahrtausends keine Lust mehr auf große Shows im "Traumhochzeit"-Stil verspürte, möchte man jetzt keine TV-Sänger mehr sehen. Das zeigen auch die frischen Zahlen zu "The Winner is ...". Nur knapp 1,6 Mio Zuschauer attestieren der Talentshow: Katastrophaler Flop. Vielleicht ist Deutschland aber auch einfach leergecastet?
„Mr. Sexbomb“ Mousse T. ist als Musikexperte geladen und bewertet die Kandidaten (Bild: SAT.1)
Aber okay, jeder der 64 Acts, die hier insgesamt antreten, hat eine Chance verdient. Und Linda de Mol selbstverständlich auch. Die weist am Anfang der ersten „The Winner is ..."-Folge darauf hin, dass hier alles anders läuft. Und holpert so schnell in die Sendung, dass man als Zuschauer nur versteht: Es ist eine Musik-, aber auch eine Gameshow. Es geht um eine Million, aber auch um 5.000 Euro, die in einem Plexiglas-Kasten im Bühnenboden liegen und nach jedem Auftritt ins Studio schweben. Die Kohle bekommt man nämlich, wenn man aufgibt. Die Million erst, wenn man alle Folgen der Show durchsteht und im großen Live-Finale der glückliche Gewinner ist. Mousse T. sitzt in der Jury, aber auch 100 Leute „wie Du und ich", die in ihrer schweigsamen Uniformität im Halbdunkel ein wenig an das Zentralkomitee einer totalitären Partei erinnern. Mitmachen darf jeder. Vom Kind bis zum Opi. Amateure und Profis. Und übrigens auch die, die bei oben erwähnten Konkurrenzformaten scheiterten. Liest man die komplette Kandidatenliste, sieht man: Ein guter Teil der Teilnehmerschaft versuchte sein Glück schon mal bei der Konkurrenz.
Die 100 Teilnehmer der Zuschauer-Jury nehmen im formschönen „W“ Platz (Bild: SAT.1)
Das, was auf der Bühne passiert, ist dementsprechend eben das, was in Musikshows auf der Bühne passiert: Menschen singen ordentlich. Danach wird ein bisschen verhandelt — nicht über die Musik, sondern über die Frage, was mit den 5.000 Euro im Glaskasten passiert. Und Mousse T. darf schließlich auch noch was sagen. So verwundert es kaum, dass Überraschungen ausbleiben und schon nach einer Viertelstunde klar ist, um was es geht: ums schnelle Durchwinken. Vielleicht auch um den Verzicht auf Emotionen. Wo bei „X Factor" oder „DSDS" immer alles gefühlig ist, wo geweint und gelitten, versagt und triumphiert und auch mal ordentlich gestänkert wird, geht's hier ruckizucki und stets familienfreundlich zur Sache. Auf die Bühne bitte! Einer weiter, einer raus! Der nächste! Für Spannung sorgt nur die Flapsigkeit der jugendlichen Kandidaten. Da ist zum Beispiel Gina Christin, 14. Die sagt: „Mein Vater hat Steuern hinterzogen und deswegen haben wir kein Geld." Auch sonst tappen alle Beteiligten gerne in verbalen Randzonen herum. „Eigentlich ist das Ergebnis jetzt schon bekannt", sagt einmal Linda de Mol bevor — nun ja, bevor das Ergebnis bekannt gegeben wird. Eine andere Kandidatin macht sie prompt ein Jahr älter. Und nach jedem Song schreien irgendwelche Angehörigen im Backstage-Raum im Chor „No Deal". Warum dort bei einer Kandidatin die chronisch erfolglosen „Popstars"-Sternchen Queensberry als Däumchendrückerinnen herumhampeln, wird nicht näher erklärt.
Deal or No Deal: Die Schwestern Schemsi und Violeta entscheiden sich am Ende für’s Geld (Bild: SAT.1)
Woran liegt es, dass der Funke nicht überspringen mag? Daran, dass die Dramatik fehlt, dass die Show eine Aneinanderreihung immer gleicher Elemente ist und man in der kurzen Zeit keinerlei Bindung zu den Teilnehmern aufbaut? Daran, dass einige der Kandidaten ihren Auftritt als Comeback-Sprungbrett (furchtbar: das Eurodance-Sternchen Terri B.) nutzen wollen, andere dagegen keinerlei Erfahrung besitzen? Daran, dass die Songauswahl schnarchnasig ist, der Italiener „Laura non c'è" von Nek, das Teenie-Mädchen Miley Cyrus und der alte Berliner Udo Lindenberg intoniert? Oder doch an der Moderatorin? Man weiß es nicht. Man erkennt aber: Das hier ist eine unrund wirkende Angelegenheit, die auch die Auftritte von George McCrae („Rock Your Baby") und Ela Paul, einem Drittel der längst vergessenen Mädchenband Wonderwall, nicht wirklich retten können. McCrae sagt übrigens freundlich, er sei „for the money" dabei. Ein anderer Grund ist auch kaum vorstellbar.
